Zehn Jahre Operation Pegasus

apf

26/02/2021

Im Februar 2011 führte die Bundeswehr die Operation Pegasus durch, ihre bislang größte Rettungsmission.

Die Welt spricht und bejubelt damals gerade den „Arabischen Frühling“, aber im Februar 2011 versinkt gleichzeitig Libyen im Bürgerkrieg und Chaos. In kürzester Zeit ändert sich die Sicherheitslage vor Ort. Im Land sitzen aber noch deutsche und europäische Bürger fest, viele von ihnen für Firmen, die vor Ort Infrastrukturprojekte umsetzen oder im Energiemarkt arbeiten. Christian Bauer, aus Eltville bei Frankfurt/Main erinnert sich: „Es ging alles so rasend schnell. Wir bekamen es mit der Angst zu tun.“ Er arbeite damals für eine Baufirma im Land. Ab dem 21. Februar sollen die verbliebenen deutschen Staatsbürger mit den letzten zwei geplanten Lufthansa-Verbindungen ausgeflogen werden. Zuerst wurden die Frauen und Kinder am 22. und 23. Februar ausgeflogen, insgesamt 130 Personen – darunter 103 deutsche. Der Krisenstab in Berlin zusammen mit der Botschaft vor Ort koordiniert alles. In der Hauptstadt Tripolis sowie in der libyschen Wüste bei Nafurah sitzen immer noch 22 Deutsche sowie 80 britische Staatsbürger fest.

Parallel bereitet sich die Bundeswehr auf eine militärische Evakuierungsoperation vor. Am 25. Februar erfolgt der Einsatzbefehl an das Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam. Die noch im Land verbliebenen Deutschen sollen mit einer bewaffneten Rückführung evakuiert werden. Die Operation Pegasus wird umgesetzt.

In einem Interview mit der Y. berichtet Konteradmiral Jörg Klein, der damalige Leiter des Einsatzstabes: „„Bei den Planungen der Rettungsmission gab es einige Unwägbarkeiten. Würden die deutschen Kräfte angegriffen werden? Wir konnten vor allem nicht ausschließen, dass wir von der weiter aktiven libyschen Luftabwehr bedroht werden.“ Als Evakuierungskontingent sind rund 1.000 Soldaten und sechs C-160 Transall vorgesehen. Es handelt sich vor allem um Fallschirmjäger und Feldjäger, die von Wunstorf aus starten. Bei den Transall handelt es sich um die Konfiguration mit erweitertem Selbstschutz (ESS-Version), die speziell gegen Boden-Luft-Raketen geschützt ist. Dazu wurde das AN/AAR-54(V)-Raketenwarnsystem von Northrop Grummann installiert. Über Kreta (Souda Air Base) fliegen zwei Maschinen nach Nafurah.

Die Landebahnen vor Ort liegen direkt in der Wüste. Anders als die Warnungen zuvor, werden keine örtlichen Sicherheitskräfte gesichtet. Unmittelbar nach der Landung steigen Die Fallschirmjäger aus und sichern die Umgebung und das Luftfahrzeug. Die Motoren der Transall-Maschinen werden nicht abgestellt und laufen durch. „Sofort liefen die ersten Zivilisten zu uns. Wir haben ihre Namen kontrolliert und ihnen beim Einsteigen geholfen. Es ging alles ganz schnell. Als alle drin waren, sind die Transall sofort wieder abgehoben“, erinnert sich ein beteiligter Feldjäger an die Situation. Alleine aus der Wüste werden 132 Personen ausgeflogen. Über Kreta ging es zurück nach Hause. Parallel fliegt eine Maschine rund 100 Personen aus Tripolis aus, Ziel ist Malta. Bei der militärischen Evakuierungsoperation (MilEvakOp) kommen insgesamt sechs Transall Einsatz. Sie evakuieren insgesamt 262 Menschen aus Libyen, darunter 125 Deutsche. Die Operation dauerte vom 26. Februar bis zum 3. März 2011. Zwischenfälle gab es keine. Das mag auch daran liegen, dass die damals noch existierenden libyschen Behörden im Vorfeld auf diplomatischem Weg darüber informiert wurden.

Die Kräfte

Die oben schon angesprochenen sechs C-160 Transall Maschinen stammten von den Lufttransportgeschwadern 61, 62 und 63 der Luftwaffe, die Hauptkräfte wurden durch das Fallschirmjägerbataillon 373 aus Seedorf (Niedersachsen) und das Feldjägerbataillon 252 aus Hilden gestellt. Den Kern bildeten die für „Schnelle Luftevakuierungen“ (SLE) vorgesehenen Kräften des Fallschirmjägerbataillons 373 aus Seedorf. Da eine bewaffnete Auseinandersetzung vor ort nicht ausgeschlossen werden konnte, waren alle durchgängig mit dem Gewehr G36 und Pistolen P8 ausgestattet, diese wurden ergänzt durch einige Gewehre G3 mit Zielfernrohr sowie Maschinengewehre MG 4. Die ausgegebenen Rules of Engagement (RoE) schlossen den Waffeneinsatz zur Durchsetzung des Auftrags mit ein.

Der Stab DSO stellte Gefechtsstandpersonal und weitere Experten zusammen, in Kreta wurde ein einsatznaher Gefechtsstand eingerichtet. In Deutschland wurden zudem zusätzliche Kräfte vorgehalten, unter anderem ein Fallschirmspezialzug mit der Fähigkeit zur Einnahme eines Rollfeldes im Sprungeinsatz sowie ein MEDEVAC-Airbus für die Evakuierung von Verwundeten. Sie blieben jedoch Reserve und kamen nicht zum Einsatz.

Die Marine stellte einen Einsatzverband bereit, dieser bestand Fregatten F 215 Brandenburg und F 209 Rheinland-Pfalz sowie dem Einsatzgruppenversorger A 1411 Berlin, und kreuzte im Golf von Sidra (Große Syrte). Parallel setzten auch die britischen Streitkräfte zwei Transportflugzeuge vom Typ Hercules C-130 der Royal Air Force ein, die ebenfalls auf dem Flugfeld Nafurah im Osten Libyens landeten.

Die Operationsleitung lag in den Händen von Brigadegeneral Volker Bescht, dem damaligen stellvertretenden Kommandeur der Division Spezielle Operationen (DSO), während sie vom Einsatzführungskommando der Bundeswehr aus überwacht wurde. Laut einem damaligen Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) erhielten die deutschen und britischen Streitkräfte vor Ort Unterstützung durch 25 Männer einer örtlichen Stammesmiliz, die die Landebahn vom Boden aus sicherten. Ein Sicherheitsmitarbeiter der Firma Wintershall und ehemaliger Angehöriger der britischen Special-Forces-Einheit SAS hatte sie zuvor dafür engagiert.

Die britischen Streitkräfte flogen am 28. Februar weitere 150 EU-Bürger aus. Die deutschen Kräfte kehrten am 5. März 2011 mit den sechs Transall-Maschinen von Kreta aus nach Wunstorf zurück. Die rund 1.000 Bundeswehr-Einsatzkräfte setzt sich aus den Soldaten der Luftwaffe, des Heeres, der Marine und der Streitkräftebasis zusammen.

„Wir haben Glück gehabt, denn diese Evakuierungsoperation war nicht unkritisch“, sagte damals Generalleutnant Rainer Glatz, damaliger Befehlshaber Einsatzführungskommando der Bundeswehr. Wie recht er hat, zeigt das Beispiel einer niederländischen Evakuierungsoperation. Am 27. Februar scheiterte eine Evakuierungsoperation der niederländischen Marine von See aus. Mit dem Lynx-Bordhubschrauber der Fregatte „Tromp“ sollten festsitzende Landsleute aus der Stadt Sirte ausgeflogen werden. Nach der Landung wurden sie aber angegriffen und durch Gaddafi-treue Milizen gefangen genommen. Die drei Marineflieger verblieben zwei Wochen in Gefangenschaft.

Militärische Evakuierungsmaßnahmen

Militärische Evakuierungsmaßnahmen (MilEvakOp) gehören für das Militär im Rahmen des Nationalen Risiko- und Krisenmanagements (NatRKM) zum Schutz deutscher Staatsangehöriger im Ausland zu einem der wichtigsten Aufgaben. Die Bundeswehr erbringt einen wesentlichen Beitrag zur gesamtstaatlichen Aufgabe des NatRKM, um den Schutz und die Sicherheit deutscher Staatsangehöriger im Ausland zu gewährleisten. Die Aufgabe umfasst die präventive Krisenvorsorgeberatung der deutschen Auslandsvertretungen, die Erhebung krisenrelevanter Daten und als Dauereinsatzaufgabe das Vorhalten einsatzbereiter Kräfte für die Bewältigung krisenhafter Lagen im Ausland. Im schlimmsten Fall gehören dazu eben auch die Evakuierung deutscher Staatsbürger aus krisenhaften Lagen im Ausland und zur Lösung von Geiselnahmen und Entführungslagen im Ausland. Dieses wird als Dauereinsatzaufgabe (DEA) bezeichnet. Für Militärische Evakuierungsoperationen (MilEvakOp) hält die Division Schnelle Kräfte (DSK) und andere Einheiten – zum Beispiel Sanitätsdienst, Feldjäger, etc. – dauerhaft entsprechende Kräfte und Fähigkeiten vor. Bei der DSK übernimmt jeweils im Wechsel eines der Fallschirmregimenter diese Aufgabe. Derzeit ist es wieder das Fallschirmjägerregiment 31 der Luftlandebrigade 1 aus dem niedersächsischen Seedorf. Lagen die eine Geiselbefreiung vorsehen sind Aufgabe der Spezialkräfte, und hier vor allem des Kommandos Spezialkräfte (KSK).

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