„Entweder machen wir den perfekten Apparat, oder keinen!“

apf

29/03/2021

Interview mit Helmut Cloth, Geschäftsführer Airtec GmbH & Co. KG Safety Systems.

Frage: Sehr geehrter Herr Cloth, die Airtec begann 1986 mit der Entwicklung des CYPRES, das seit 1991 verfügbar ist. Was macht CYPRES aus?

Cloth: Dazu muss man die Historie kennen. Sogenannte Öffnungsautomaten, also automatische Öffnungssysteme für Fallschirme, gibt es schon seit den 60er Jahren. Doch vor 1991 wollte kaum jemand ein solches System nutzen, weil alle Angst vor diesen Apparaten hatten. Zu häufig hatte es Fehlauslösungen, die zu Verletzungen und Toten führten, gegeben. Sogar Abstürze von Luftfahrzeugen waren möglich und sind passiert. Dann kam 1986 der tödliche Sprungunfall eines Freundes, der – wie alle – keinen Öffnungsautomaten benutzte. Das generierte die Frage, ob auch ein „guter“, wenn möglich sogar perfekter Öffnungsautomat möglich ist.

Das Ziel war also, einen Öffnungsautomaten ohne Mängel zu entwickeln, der dann dank Vertrauen ins System akzeptiert würde. Nach gut vier Jahren Entwicklung und vielen Versuchen hatten wir ein solches Gerät. Dieses hat die Einstellung der Fallschirmspringer zu Öffnungsautomaten von „will ich nicht haben“ in „brauche ich“ verändert.

Das Cypres machen 13 Design-Parameter aus. Das erste Kriterium war, nie eine Fehlauslösung zu haben, was gleichzeitig auch die größte Herausforderung ist. Hinzu kommen 2. Die absolut sichere Funktion, wenn der Apparat benötigt wird. Dieses erfordert unter anderem die schwierige Aufgabe einer enormen Präzision bei der Höhenbestimmung zu erfüllen. Das System darf weiter den Springer nicht in seinen Aktivitäten beschränken. Wir wollten auch eine einfache und intuitive Bedienung, die keiner falsch anwenden kann. Außerdem muss das System selbständig die Luftdruckschwankungen des Wetters kompensieren und in jedes Fallschirmsystem einbaubar sein. Es sollte kaum Wartung notwendig sein, zudem sollte das System klein, leicht und so robust sein, dass es alle Belastungen beim Fallschirmspringen vertragen kann. Außerdem wollten wir dem System eine eigene Möglichkeit geben, den Reservecontainer zu öffnen; unabhängig vom Reservegriff des Springers, der damals weltweit als einzige Möglichkeit, den Reservecontainer zu öffnen, bekannt war.

Nur mit solchen Maximalanforderungen ließ sich der perfekte Öffnungsautomat entwickeln. Am Ende steckte fast ein halbes Jahrzehnt Entwicklungszeit und sehr viel Geld in diesem Projekt. Gleichzeitig gab es in der Fallschirmspringerei für Öffnungsautomaten keinerlei Interesse, sondern nur Ablehnung. Unsere Philosophie war: „Entweder machen wir den perfekten Apparat, oder wir machen gar keinen.“ Am Ende konnten wir 12 von unseren 13 Sollvorgaben erfüllen. Nur eine nicht: Eigentlich sollte keine Bedienung nötig sein. Doch diese Idee war und ist auch heute noch nicht umsetzbar. Es ist nötig das Cypres vor dem ersten Sprung des Tages einzuschalten.

Helmut Cloth. (Alle Fotos: Airtec)

Frage: Es gibt CYPRES in verschiedenen Varianten, für Einzelspringer, Tandem, zivile und militärische Anwendungen, was sind die Unterschiede?

Cloth: Wir bieten zwei Grundtypen. Das zivile System wird am Startplatz eingeschaltet, damit kennt es den Bodenluftdruck vor Ort und kann arbeiten. Denn bei zivilen Springern ist der Start- und Landeplatz typischerweise identisch. In gewissem Maße kann er angepasst werden, wenn der Landeplatz in der Nähe liegt, z.B. in einem Stadion. Zum Einschalten muss man dreimal, durch eine Lampe geführt, klicken. Damit verhindern wir versehentliches Ein- und Ausschalten.

Beim taktischen, militärischen Einsatz sind Start- und Zielort typischerweise nicht identisch. Daher funktioniert das militärische CYPRES völlig anders, die zivile Applikation ist jedoch auch enthalten. Hier wird der Ziel-Luftdruck eingestellt, nachdem das Gerät arbeiten soll. Nur dieser ist dann maßgebend. Technisch bedeutet das, dass das Gerät den absoluten Luftdruck immer völlig korrekt ermitteln können muss; egal unter welchen Bedingungen und auch noch nach vielen Jahren. Das ist ein sehr hoher Anspruch. Deshalb dauert die Herstellung eines Militärgerätes auch zwischen sechs und neun Wochen. Der Luftdruckwert wird vom Geoinformationsdienst der Bundeswehr oder den Vorauskräften geliefert. Ist dieser nicht verfügbar, so kann man sich auch des „Military Cypres Calculators“ bedienen. Dieser ist so klein wie ein Taschenrechner, außerdem es gibt ihn auch als App für das Smartphone.

Der Zieldruck kann dabei am Boden vor dem Start, oder während des Fluges oder sogar auch in einer aktiven Druckkabine eingegeben werden. Alles ist möglich.

Cypres befindet sich bei der Bundeswehr -und hier vor allem bei den Spezialkräften – in Nutzung sowie bei vielen anderen Armeen.

Frage: Der Standard ist CYPRES Version 2. Welche Kundenforderungen oder Erfahrungen gibt es, die ggf. in einem CYPRES 3 umgesetzt werden könnten?

Cloth: Überlegungen zur Weiterentwicklung gibt es. Doch diese neuen Optionen sind noch nicht fertig entwickelt, daher wollen wir noch nicht darüber reden. Es wird jedenfalls kein „Schnick-Schnack“ sein, sondern wirkliche Verbesserungen. Diese könnten die Bedienung oder das Thema Nachteinsatz betreffen.

Wichtig ist aber, die Versionen 1 und 2 zu verstehen. Version 1 war so, dass sie technisch genau das machte, was sie machen sollte. Aber das Gehäuse war groß, die Bedienung war anspruchsvoll und die Batterie musste alle zwei Jahre gewechselt werden. Es war eine Spezialbatterie nötig, die 90 DM gekostet hat, also zu teuer war. Bei Version 2 wurde die Laufzeit deutlich erhöht sowie die Kosten ganz erheblich gesenkt. Die Batterie braucht seitdem überhaupt nie mehr gewechselt zu werden. Außerdem ist es uns gelungen, das Gerät wasserdicht zu machen. Konstruktiv und bautechnisch ist das sehr aufwändig, aber es erspart reichlich Verluste von „ertränkten“ Geräten. Auch ist das Cypres 2 kleiner und hat ein packerfreundliches Gehäuse. Nach 5 und nach 10 Jahren Benutzungszeit bieten wir eine Wartung an. Jeweils 6 Monate vor dem Termin fangen die Geräte beim Einschalten an, auf diese Option hinzuweisen. Das macht es den Nutzern sehr einfach.

Technisch haben wir nach unserer Ansicht derzeit einen perfekten Zustand.

Das Wichtigste für ein Lebensrettungsgerät ist aber seine Zuverlässigkeit. Und da sind wir stolz auf uns selbst. Während der vergangenen 29 Jahren und 5 Monaten hat noch niemals ein Cypres versagt, die Reserveöffnung einzuleiten, wenn die Bedingungen zur Aktivierung eingetreten sind. Während der Zeit haben die Geräte aber mehr als 5.000 Fallschirmspringern das Leben gerettet.

Frage: Die Bundeswehr ist derzeit in der Beschaffung sowohl neuer Gleitfallschirmsysteme für die Spezialkräfte, als auch eines Truppenfallschirms, als Nachfolger des T-10. Sind Ihre Systeme in jedes Modell einrüstbar, unabhängig vom Hersteller, und welche Parameter sind zu beachten?

Cloth: Ja, Cypres lässt sich zur Zeit in praktisch jedes weltweit hergestellte Gurtzeug einbauen. In über 95% aller Fälle kommen die Rigs bereits mit einem integrierten Set up (ohne extra Kosten dafür) vom Hersteller. Das alles gilt unabhängig davon, ob der Reservecontainer von einem oder von zwei oder von drei Verschlussstiften zugehalten wird.

Frage: Wieso heißt ein Öffnungsautomat Cypres?

Cloth: Cypres ist nur eine Abkürzung. Der Name des Systems ist Cybernetic Parachute Release System. Auf Deutsch Kybernetisches Fallschirm Auslöse System. Kybernetisch ist ein altgriechisches Wort und bedeutet „sich selbst regelnd“.

Kampfschwimmer der Deutschen Marine bereiten sich in einer C-160 Transall auf den Absprung vor.
Der CYPRES ist klein, leicht und lässt sich praktisch in jedes Gurtzeug einbauen.

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