Nachwuchsgewinnung nach dem Ende der Wehrpflicht – Ein Blick über den Tellerrand

apf

03/05/2021

Vor mehr als zehn Jahren, im Jahr 2010, legte der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zuGuttenbergfest, dass die Wehrpflicht bei der Bundeswehr ausgesetzt wird. Diese Entscheidung wurde zum 1. Juli 2011 umgesetzt. Die damals noch fast 250.000 Soldaten umfassende Bundeswehr kämpft heute damit ausreichend Nachwuchs zu gewinnen. Die 2011 als Zielmarke, für eine radikal verkleinerte Bundeswehr, gesetzte Truppenstärke von 185.000 Soldaten wird seit Jahren deutlich unterboten und konnte trotz aller Bestrebungen bisher noch nicht wieder überschritten werden. Die aktuell angestrebte Anzahl von 203.000 Soldatinnen und Soldaten bis 2025 scheint im Moment eine sehr optimistische Vorstellung zu sein. Aus militärpolitischer Sicht war die Umsetzung der Wehrpflichtreform keine Erfolgsgeschichte. Jedoch ist Deutschland nicht die einzige westliche Industrienation die die Abkehr von der Wehrpflicht unternommen hat. Andere Nationen haben schon Jahre vor der Entscheidung des Bundestages im Dezember 2010 den Wandel einer Wehrpflichtigenarmee hin zu einem professionellen Militär gemeistert.

Beispiel Frankreich

Wirft man zum Beispiel einen Blick auf Frankreich, kann man ein interessantes Parallelmodel finden, von dem Deutschland lernen könnte.

Die französische Regierung unter Jacques Chirac verabschiedete bereits im Oktober 1997 das Gesetz zur Aussetzung der Wehrpflicht. Laut diesem Gesetz sollten ab dem 1. Januar 2003 keine Wehrpflichtigen mehr eingezogen werden. Tatsächlich hörten die französischen Streitkräfte schon ein Jahr vorher auf, junge Männer aktiv zum Dienst heranzuziehen. Da sich die französische Regierung jedoch der Möglichkeit des Auftretens künftiger konventioneller Bedrohungsszenarien bewusst war, behielt man eine Form der Musterung und Wehrpflichtigenerfassung bei. Es wurde der Journée d’Appel et de Préparation à la Défense (JAPD) geschaffen, was auf Deutsch übersetzt „Tag zur Vorbereitung auf die Landesverteidigung“ heißt. An diesem Tag sollen Franzosen im Alter zwischen 16 und 25 Jahren ein Seminar absolvieren, dass das Ziel hat, auf den Militärdienst vorzubereiten, den jungen Menschen den Dienst in der aktiven Truppe oder der Reserve schmackhaft zu machen, und über die sicherheitspolitische Rolle Frankreichs zu informieren. Gleichzeitig wird dieser Tag auch als eine Möglichkeit genutzt, den Bildungsstand junger Menschen abzuprüfen indem man die Teilnehmer einer Sprachprüfung unterzieht.

Jean-Michel Blanquer, Minister für nationale Bildung und Jugend, besucht eine der künftigen Ausbildungseinrichtungen des „Service National Universel“ in der Stadt Palaiseau, südlich von Paris. (Foto: École polytechnique, J. Barande)

Für alle verpflichtend

Im Gegensatz zum Wehrdienst, der nur von Männern geleistet wurde – Frauen durften freiwillig Dienst leisten, was aber fast nie vorkam -, war der neu geschaffene JAPD auch für Frauen verpflichtend.

2011 wurde der JAPD in „Journée défense et citoyenneté“ (JDC) umbenannt und ein stärkerer Fokus auf allgemeine staatsbürgerliche Rechte und Pflichten sowie andere Karriereoptionen im Staatsdienst gelenkt. Drücken kann man sich davor nicht so leicht. Wer zu seinem gemeldeten Termin nicht erscheint, wird von der Polizei dorthin eskortiert. Eine generelle Verweigerung an der Erfassung für den JDC hatte auch schon hohe Geldbußen und Bewährungsstrafen zur Folge. Des Weiteren hat eine Verweigerung den Ausschluss von einer Karriere im Staatsdienst zur Folge und führt selbst beim Erwerb eines Führerscheines zu Problemen.

Inzwischen wird der JDC von der breiten Bevölkerung primär als ein nützliches Werkzeug zur Messung der Alphabetisierung und für die Durchführung des Zensus betrachtet. Der militärische Hintergrund ist im öffentlichen Diskurs nicht mehr präsent. Die jungen Teilnehmern müssen sich jedoch einen Vortrag über die Vorzüge der französischen Armee von Offizieren und Unteroffizieren anhören. Die Effektivität des JDC als Werkzeug zur Nachwuchsgewinnung hingegen ist diskutabel. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2016, interessieren sich von den Jugendlichen die am JDC teilgenommen haben rund 20% für eine Karriere beim Militär. Die Zahl ist vergleichbar mit dem Interesse, welches deutsche Jugendliche in der repräsentativen Studie des Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw), zum Ansehen der Bundeswehr in der Bevölkerung, an einer Karriere in der Bundeswehr geäußert haben. Zu diesen Zahlen passt, dass auch das französische Militär seit Jahren Schwierigkeiten bei der Nachwuchsgewinnung beklagt.

Auch in der französischen Politik herrscht seit längeren Unzufriedenheit mit der Wirksamkeit des JDC. Im Jahr 2017 warben fast alle größeren Parteien und Bewegungen in Frankreich mit der Wiedereinführung eines allgemeinen Militärdienstes oder einer allgemeinen Dienstpflicht. So warb der jetzige französische Präsident Emmanuel Macron mit der Einführung einer mehrere Monate dauernden Dienstpflicht für junge Männer und Frauen. 2018 beschloss die französische Regierung eine einmonatige Dienstpflicht welche 2019 unter dem Namen „Service national universel“ mit freiwilligen Pilotprojekten begann und ab diesem Jahr die ersten Dienstpflichtigen in größeren Zahlen empfangen soll. Ziel ist es, dass 2022 bereits 400.000 junge Franzosen und Französinnen ihren Dienst absolvieren sollen. Bis 2026 soll das Programm dann voll implementiert werden und alle dienstfähigen französischen Staatsbürger im Alter zwischen 16 und 25 Jahren erfassen. Damit wird die Rolle des JDC als Werbemöglichkeit für das Militär bald überflüssig sein.

Portugiesischer nationaler Verteidigungstag

Ähnlich wie den JDC hat auch Portugal nach der Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2004 den „Dia da Defesa Nacional“ (DDN) eingeführt. Dieser Nationale Verteidigungstag betrifft alle Männer und Frauen mit portugiesischer Staatsbürgerschaft im Alter zwischen 18 und 35.

Der DDN soll junge Menschen für das Thema der Landesverteidigung und Sicherheitspolitik sensibilisieren und die Rolle der Streitkräfte als Teil der Exekutive bekannt machen. Der Tag wird in bestimmten Besucherzentren, genannt “Centros ou Núcleos de Divulgação do Dia da Defesa Nacional“ (CDDN), durchgeführt. Diese Besucherzentren existieren in den meisten größeren Städten Portugals die eine Militärpräsenz haben und werden jeweils von einer der drei Teilstreitkräfte betrieben. Insgesamt gibt es 32 CDDN im ganzen Land die die Rolle der früheren Musterungszentren übernommen haben.

Am Nationalen Verteidigungstag werden unterschiedlichste Aktivitäten angeboten, um junge Menschen auf die Bedeutung Landesverteidigung sowie die Rolle und den Auftrag der portugiesischen Streitkräfte aufmerksam zu machen.

Während der Aktivitäten können die Teilnehmer den Soldaten Fragen zur Karriere im Militär und den Auslandseinsätzen des portugiesischen Militärs stellen. Häufig finden auch Vorführungen mit militärischem Gerät statt.

Seit seiner Schaffung im Jahr 2004 haben mehr als 1,2 Millionen junge Portugiesen am DDN teilgenommen. Über die Effektivität des DDN als Rekrutierungsmaßnahme gibt es wenige Informationen, jedoch ist Portugal einer der Staaten mit dem höchsten Anteil an Soldaten an der Gesamtbevölkerung in der Europäischen Union.

Die Idee solch eines verpflichtenden Tages ist mittlerweile auch in Deutschland angekommen. So wurde die Schaffung eines solchen Tages sowohl in den Jugendorganisationen von CDU/CSU und FDP bereits diskutiert. Die Umsetzbarkeit stünde allerdings auf einem anderen Blatt.

Attraktivität und Berührungspunkte

Im Kontrast zu Portugal und Frankreich stehen die Angelsächsischen NATO-Mitglieder Großbritannien und die USA. Diese beiden Staaten haben nach ihrem jeweils vergleichsweise frühen Ende der Wehrpflicht besonders auf konventionelle Werbung, wirtschaftliche Anreize und ein wohl gepflegtes Image gesetzt.

Die Vereinigten Staaten haben seit ihrer Unabhängigkeit meist nur in Konfliktfällen auf die Wehrpflicht zurückgegriffen. Von 1940 bis 1973 wurden in den USA auch außerhalb eines aktiven Konfliktes Wehrpflichtige eingezogen um die Einsatzbereitschaft des Militärs hoch zu halten und eine große Reserve aufzubauen.

Die aktive Wehrpflicht endete 1973, als die Vereinigten Staaten zu einem freiwilligen Militär wechselten. Die Wehrpflicht bleibt jedoch de jure bestehen. Alle männlichen US-Bürger, unabhängig davon, wo sie leben, und männliche Ausländer, mit Wohnsitz in den Vereinigten Staaten, die zwischen 18 und 25 Jahre alt sind, müssen sich beim Selective Service, der Behörde zur Erfassung der Wehrpflichtigen, registrieren lassen.

Das Registrierungsformular des Selective Service besagt, dass die Nichtregistrierung eine Straftat ist, die mit bis zu fünf Jahren Haft oder einer Geldstrafe von bis zu 250.000 Dollar geahndet werden kann. In der Praxis wurde jedoch seit 1986 niemand mehr wegen Nichteinhaltung der Wehrpflichtregistrierung strafrechtlich verfolgt, zum Teil, weil sich die strafrechtliche Verfolgung von Wehrdienstverweigerern für die Regierung während des Vietnamkriegs als heikel erwies, und zum Teil, weil es schwierig war, zu beweisen, dass die Nichteinhaltung des Gesetzes „wissentlich und vorsätzlich“ war.

Obwohl keine strafrechtliche Verfolgung erfolgt, kann die Nichtregistrierung jedoch zu anderen Konsequenzen führen. Die Registrierung beim Selective Service ist eine Voraussetzung für die Beschäftigung durch die Bundesregierung und einige Landesregierungen sowie für den Erhalt verschiedener staatlicher Leistungen wie z. B. Führerscheine. Die Weigerung, sich zu registrieren, kann auch zum Verlust des Anspruchs auf finanzielle Unterstützung für das College führen.

Einen tatsächlichen Einfluss auf die Personalgewinnung durch das Selective Service System kann jedoch nicht festgestellt werden. Das Hauptwerkzeug der Nachwuchsgewinnung es US-Militärs sind die Recruiter, also Anwerber. Das US-Militär setzt Anwerber seit seiner Gründung ein.

Ein Recruiter der US-Navy im Gespräch mit einem interessierten High School Schüler. Die Nachwuchsgewinnung des US-Militärs ist fester Bestandteil auf Karrieremessen und in Bildungszentren. (Foto: US NAVY)


Heute gibt es Tausende von Rekrutierungsstationen in den Vereinigten Staaten, die der U.S. Army, der U.S. Navy, den U.S. Marines und der U.S: Air Force unterstehen. Rekrutierungsbüros bestehen normalerweise aus 2 bis 8 Rekrutierern der Dienstgrade E-5 bis E-7.

Diese werben für den Dienst im Militär, in dem sie auf die Vielzahl an wirtschaftlichen Vorteilen hinweisen, wie z.B. die G.I. Bill, ein Programm, das mit dem deutschen Berufsförderdienst vergleichbar ist. Dieses beinhaltet eine kurzzeitige Lohnfortzahlung nach Dienstende, Vergünstigungen bei Krediten sowie die Kostenübernahme für Bildungs- und Ausbildungsprogramme.

Tatsächliche Untersuchungen der US-Army haben allerdings ergeben, dass der größte Einflussfaktor auf die Rekrutierung, der Kontakt zum Militär im Alltag ist. Die größten Rekrutierungserfolge wurden in den vergangen Jahren in Garnisonsstädten erzielt.

Laut einer Studie des Institute for Defense Analyses (IDA) aus dem Jahr 2018, ist der Kontakt zum Militär während der Kindheit und Jugend einer der stärksten Faktoren für die Einstellungsquoten.

Dazu passend berichtete die New York Times vor einiger Zeit, dass High Schools mit der höchsten Anzahl an Militärfamilien auch die größten Produzenten von Rekruten.

Im Jahr 2019 verpflichteten sich in Fayetteville, im US-Staat North Carolina mehr als doppelt so viele Personen für den Militärdienst als in Manhattan, im Bundesstaat New York, obwohl in Manhattan achtmal so viele Menschen leben. Fayetteville ist die Garnisonsstadt für die Militärbasis Fort Bragg, einer der größten Militärstandorte der USA.

Für solch ein Phänomen gibt es in Großbritannien keine Anhaltspunkte. Stattdessen lassen sich dort zwei Phänomene beobachten:

  • Die stetige Öffnung der Streitkräfte für Bürger des Commonwealth und Irlands.
  • Der Fokus auf spezifische demografische Gruppen durch die Pflege eines bestimmten Bildes der Streitkräfte.

Punkt eins ist zwar keine neue Entwicklung, wird die letzten Jahre aber stärker fokussiert. So durften schon seit 1989 in Großbritannien lebende Bürger eines Commonwealth Staates in den britischen Streitkräften dienen, sofern sie bereits fünf Jahre im Land lebten, die sonstigen Musterungsanforderungen erfüllten und keinen Eintrag im Vorstrafenregister haben. Seit 2016 wurde für Bürger der meisten Commonwealth-Staaten jedoch die Voraussetzung der fünfjährigen Wohndauer gelockert. Dies hat sich auch in den Rekrutierungszahlen abgezeichnet. Waren es vor 2016 noch jährlich um die 200 Commonwealthbürger die jährlich in das britische Militär eintraten, so waren es im Jahr 2019 schon über 1500. Eine Sonderrolle übernehmen auch noch die Iren und Nepalesen, welche aus historischen Gründen einer Sonderregelung für den Eintritt in die britischen Streitkräfte unterliegen.

Der zweite Punkt sorgte vor nicht allzu langer Zeit für Spott und schwere Anschuldigungen gegen das britische Militär. Im September 2018 veröffentlichte die britische Zeitung The Guardian unterlagen einer Werbeagentur die eine neue Rekrutierungskampagne für die Streitkräfte des Vereinigten Königreiches entworfen hatte. Darin war aufgeführt, dass das demografische Ziel dieser Kampagne sozioökonomisch benachteiligte, leicht zu beeinflussende und risikoaffine Jugendliche aus dem Norden Englands seien die mit einem sterilen Bild der Streitkräfte angeworben werden sollten.

Vergleicht man diese Informationen mit den tatsächlichen Rekrutierungszahlen der letzten Jahre, ist dies wohl auch erfolgreich gewesen. Ein Großteil der Rekruten des britischen Militärs kommt aus dem wirtschaftlich schwachen Norden Englands. Dies ist jedoch keine neuere Entwicklung, hat sich allerdings seit den 80ern verstärkt.

Das hohe gesellschaftliche Ansehen der Streitkräfte und die wirtschaftlichen Vorteile machen das britische Militär zu einem attraktiven Arbeitgeber in dieser Region.

Trotz allem hat das britische Militär seit Jahren mit dem Problem zu kämpfen, dass es seine eine Rekrutierungsziele nicht erfüllen kann. Letztlich führte das, unter anderem, auch zu der strategischen Entscheidung das britische Heer um ca. 10.000 Soldaten zu verkleinern.

Autor: Frederik Ströhlein

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