Das Landesregiment Bayern – „Speerspitze der Reserve“

apf

17/05/2021

Während der Beitrag in der letzten Ausgabe „Der Plan Heer als Blaupause für die Zukunft der Reserve“ (Wehrtechnik 1/2021) den Fokus auf die strategische Ebene gelegt hat, soll nunmehr im Folgenden der Sachstand der Implementierung der aus den in der Strategie der Reserve geforderten Maßnahmen am Beispiel des Landesregiments Bayern dargestellt werden.

Im Mai 2019 wurde das Landesregiment Bayern (LRgt) als Pilotprojekt mit dem Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr gemeinsam in Dienst gestellt. Mit dem Projekt prüft die Bundeswehr, ob es effektiv ist, RSU-Kräfte in der Struktur eines Regiments zu führen. Als Einheit der Territorialen Reserve dient das Landesregiment der Landes- und Bündnisverteidigung und dem Heimatschutz und besteht aus derzeit drei Kompanien der Regionalen Sicherungs- und Unterstützungskräfte mit gegenwärtig rund 300 Soldatinnen und Soldaten der Reserve: Die RSU-Kompanien Ober-, Unter- und Mittelfranken. Hinzu kommt eine Stabs- und Versorgungskompanie. Die Einheiten der RSU-Kräfte werden am 10. Juli diesen Jahres noch in Heimatschutzkompanien (HschKp) umbenannt.

(Alle Grafiken über Autor)

Mit der Regimentsstruktur sollen die RSU-Kräfte unter einheitlicher Führung reaktionsschneller werden und durch gemeinsame Ausbildungen und Übungen ihre Fähigkeiten verbessern. Der Patenverband der fränkischen RSU-Kompanien, das Logistikbataillon 467 in Volkach, unterstützt die Reservistinnen und Reservisten und damit das Landesregiment bei ihren Ausbildungen. Das Pilotprojekt Landesregiment, das schon jetzt als Erfolgsgeschichte bezeichnet werden kann, wird bis Dezember dieses Jahres fortgeführt. Die Ergebnisse werden nicht nur auf das gesamte Bundesland Bayern, sondern auf alle Bundesländer übertragen. Gegenwärtig zeichnet sich ab, dass noch in diesem Jahr ein zweites Landesregiment in Dienst gestellt werden soll. Diesem werden voraussichtlich im jährlichen Turnus weitere folgen. Der gegenwärtige Planungsstand geht hier von bislang fünf Regimentern aus. Nicht ohne Grund bezeichnete der Stellvertreter des Generalinspekteurs der Bundeswehr und Beauftragte für Reservistenangelegenheiten Generalleutnant Markus Laubenthal anlässlich seines Besuches das Landesregiment Bayern als „Speerspitze der Reserve“.

Wie aus nachfolgender Grafik ersichtlich, ist der Reservistenverband in der Projektorganisation in fünf von zehn Teilprojektgruppen (TP) vertreten. Der Schwerpunkt der Unterstützung lag bislang in dem Bereich Presse- und Informationsarbeit, die darüber hinaus auch als Teil der Personalwerbung gewertet werden kann und muss. Das eingangs als Erfolgsgeschichte bezeichnete Pilotprojekt LRgt Bayern muss aus Sicht des Verbands der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e.V. (VdRBw) schon deswegen in diesem frühen Stadium so bezeichnet werden, da hier deutlich wird, mit welcher Kraft und Dynamik die Verbindung zwischen Verband und Bundeswehr vermeintliche Hürden, sei es politisch, gesellschaftlich oder finanziell und materiell, zu überwinden vermag. Das Ineinandergreifen von „Agenda Setting“ auf politischer Bühne durch die höchsten Mandatsträger des Reservistenverbands in Verbindung mit der präzisen militärischen Planung u.a. des Kommandos Streitkräftebasis (Kdo SKB) und der innovativen Projektorganisation Kdo Territoriale Aufgaben der Bundeswehr (TerrAufgBw) kann schon heute in der Zwischenbilanz als absolut nachahmenswert für möglicherweise andere Themenbereiche bewertet werden. Hier hat der VdRBw schon im Vorgriff eine der Aufgaben der Strategie der Reserve, konkret das „Mitwirken an der Weiterentwicklung der Reserve“, eindrucksvoll operationalisiert und umgesetzt, was nicht zuletzt auch durch die regelmäßige Teilnahme von Vertretern des Präsidiums des VdRBw an den Steuerungsboard-Sitzungen dokumentiert ist.

Regionale Ausbildungsstützpunkte

Der VdRBw begleitet das Pilotprojekt Landesregiment Bayern von Beginn an und ist unterstützend tätig. Als Handlungsfelder für den VdRBw wurden neben der Evaluierung die Teilprojekte 01 Ausbildung, 04 Personal und 09 Informationsarbeit – siehe vorhergehende Grafik – identifiziert. In allen drei Handlungsfeldern unterstützt der VdRBw mit seiner Arbeit und dem Ziel, wesentlich zum Erfolg des Pilotprojektes beizutragen. Hat sich der VdRBw von Beginn an mit Ausbildung/Ausbildungsunterstützung im Rahmen der buResArb in das Projekt eingebracht, gewinnt das Teilprojekt 01 Ausbildung aufgrund individueller Absprache mit dem LRgt Bayern zunehmend stärker an Bedeutung. Diese sind für die Auftragserfüllung und Inübunghaltung des Verbandes erforderlich und können ressourcenbedingt durch die Truppe nicht oder in nicht ausreichendem Maße zur Verfügung gestellt werden. Auftakt zu dieser Entwicklung bildete die Ausbildung „Gefechtsstand“ im März 2021. Diese Maßnahme kann als Blaupause bei der anstehenden Weiterentwicklung der Reserve zukünftig genutzt und kontinuierlich ausgebaut werden. Die Folgeausbildungen sind bereits terminiert. Weiterhin gehören mit dem Arbeitskreis Taktik hochqualifizierte Taktiklehrer zum Reservistenverband, die auf allen Ebenen entsprechende Ausbildungen durchführen (Zg, Kp, Btl) und damit die aktiven Strukturen entlasten. Der VdRBw bietet darüber hinaus Veranstaltungen „Ausbildung Taktik“ auf Bundes- und Landesebene an, sodass es möglich ist, speziell für Heimatschutzkräfte Anpassungen vorzunehmen. Auch in anderen Ausbildungsbereichen wie bspw. IGF/KLF, Kettensägen- und Staplerausbildung usw. unterstützt der Reservistenverband tatkräftig. Dies wird auch Gegenstand zukünftiger Zielvereinbarungen sein.

Aktive Truppe und Reserve sind gleichermaßen für die Aufgabenerfüllung der Bundeswehr unverzichtbar. Eine einsatzbereite Bundeswehr erfordert eine einsatzbereite Reserve, die das personelle Potenzial bildet, das zur mittelbaren und unmittelbaren Unterstützung der Streitkräfte und ihrer Aufwuchsfähigkeit nötig ist. Dafür bedarf es insbesondere der entsprechenden Beschaffung von Waffen, Gerät und Material, der Umsetzung der entsprechenden Infrastrukturmaßnahmen, eine kontinuierliche Steigerung der bislang vorhandenen 4.500 ReserveDienstposten analog zu aktiven Dienstposten für Reserveangelegenheiten sowie einer logistischen Anbindung. Mit den 100.000 nicht-aktiven Dienstposten für die Verstärkungsreserve, die aus der Territorialen und der Truppenreserve besteht, und die mit rund 60.000 Dienstposten für „echte“ Reservisten bis 2031 ausgeplant wird, ist mit dem ehrgeizigen Planungsziel, dass 172 RSU-Kp mit Material, Infrastruktur, IT und Ausrüstung an die aktive Truppe angelehnt werden sollen, noch viel zu tun.

Auf diese Weise aufgestellt und eingebunden, ist die Reserve eine wesentliche Säule der LV/BV. Dies schließt den Feldersatz ein. Auch für den Heimatschutz (HSch) und die Fortsetzung der Aufgaben im Spannungs- oder Verteidigungsfall und der Aufgaben im Rahmen des Host Nation Supports (HNS) ist die Bundeswehr mit ihrer Reserve zum Aufwuchs zu befähigen, um die aktiven Kräfte ergänzen, unterstützen und entlasten zu können. Vor diesem Hintergrund fordert die Strategie der Reserve auch die Einrichtung Regionaler Ausbildungsstützpunkte der Reserve (AusbStpRes), deren Aufstellung z.B. auf Truppenübungsplätzen, in großen Truppenunterkünften und in Liegenschaften von Ausbildungseinrichtungen, angestrebt werden soll. Ebenso ist der Bedarf eines Zentralen AusbStpRes unter Zusammenführung verschiedener Ausbildungsthemen und der Möglichkeit des Übungsbetriebes zu betrachten.

Den Schlüssel zum Erfolg dieser Ausbildungsstützpunkte bildet ihre Regionalität, da Reservistinnen und Reservisten eine Ausbildungseinrichtung mit kurzen Anfahrtswegen benötigen, wo bis auf Kompanieebene geübt werden kann, und so ist es kaum verwunderlich, dass im Zuge der Erprobung des Landesregiments Bayern ein Kooperationsansatz mit dem Truppenübungsplatz Wildflecken gewählt worden ist und hier der erste regionale Ausbildungsstützpunkt der Reserve im Entstehen ist. Wildflecken scheint eine ideale Wahl, weil es Unterbringungskapazitäten mit sehr guten Ausbildungsmöglichkeiten bis hin zum scharfen Schuss verbindet und der Standort besonders zu den fränkischen RSU-Kompanien einen regionalen Bezug hat. Zudem ist es von dort auch nicht weit bis nach Hessen oder Thüringen. Damit könnte Wildflecken auch als Ausbildungsstützpunkt für diese „Großregion“ dienen und Modellcharakter für die Ausbildung der künftigen Heimatschutzkompanien haben. Ist dieser Ansatz in Wildflecken erfolgreich, wird man das Konzept für die ganze Reserve und für ganz Deutschland denken, wie aus nachfolgender Planungsgrafik ersichtlich. Bislang fand dort vor Ort sowohl die Führerweiterbildung der Gruppen- und Zugführer sowie der Kompaniechefs des Landesregiments statt sowie zwei Ausbildungsübungen, in der alle Kompanien des Landesregiments Bayern in Wildflecken ihren erreichten Ausbildungsstand beweisen konnten. Die Auswertung der dort gemachten Erfahrungen hinsichtlich Gerät, Simulationsausstattung, Übungsgelände, Unterstützungsleistung durch aktive Truppe sowie Schießanteile auf dem Truppenübungsplatz und der Standortschießanlage, wurden auf der Jahrestagung der Reserve 2020 präsentiert und bewertet. Zukünftig sind hier auch Übungsszenarien gegen aktive Truppe angedacht.

Territoriale Führungsorganisation Heimatschutzkräfte

Da Regionalität eine Säule in der neuen Strategie der Reserve ist, spielt der Heimatort der Reservistinnen und Reservisten eine zentrale Rolle. Dies gilt für die Grundbeorderung im gleichen Maße wie für alle anderen Reserveangehörigen. Da auch trotz diverser Neuerungen nach wie vor das Prinzip der Freiwilligkeit nicht angetastet worden ist, gilt hier, je besser das Dienstumfeld zu den Wünschen und Rahmenbedingungen des Einzelnen passt, desto höher wird die Bereitschaft sein, Reservistendienst zu leisten. Hierzu sind aber Durchlässigkeit und Transparenz dringend notwendig. Das heißt, im konkreten Einzelfall, dass in Thüringen aus der aktiven Bundeswehr ausscheidende Soldatinnen und Soldaten, die in Bayern oder Baden-Württemberg wohnen, eine Chance haben müssen, entweder in ihrer Fachrichtung im Rahmen der Grundbeorderung oder aber in der Territorialen Reserve heimatnah verwendet zu werden.

Wie bedeutsam diese regionalen Bezüge sind, hat das Landesregiment eindrucksvoll an anderer Stelle unter Beweis gestellt. Das Landesregiment Bayern leistet mit 14 Reservisten Amtshilfe im Klinikum Coburg: Als „Helfende Hände“ unterstützen sie das überlastete Pflegepersonal. Generalleutnant Jürgen Weigt, Stellvertreter des Inspekteur Streitkräftebasis und Beauftragter für Reservistenangelegenheiten, überzeugte sich im Rahmen eines Dienstaufsichtsbesuchs von Motivation und Engagement der Reservisten in ihrer Heimat: „Soldaten des Landesregiments werden hier gebraucht, und das, was sie hier leisten, wird wertgeschätzt.“, bewertete General Weigt die Lage vor Ort. Er habe gut motivierte Angehörige des Landesregiments erlebt, „und ich habe gesehen, wie rasch und problemlos sie sich in eine andere Struktur integriert und hier Bemerkenswertes geleistet haben.“ Es ist der erste Einsatz des Landesregiments Bayern, und die Soldaten kommen aus allen fünf Kompanien des Regiments. Heimatschutz, der Auftrag der Territorialen Reserve der Streitkräftebasis und damit auch des Pilotprojekts Landesregiment, wird hier ganz konkret.

Werbebanner der Bundeswehr zur neuen Kampagne „DeinJahr für Deutschland“. (Grafik:_ Bundeswehr)

„Dein Jahr für Deutschland“

Ein weiterer Baustein der Personalgewinnung für die Territoriale Reserve und Beschleunigungsfaktor für die Aufwuchsfähigkeit der Streitkräfte stellt das am 1. April 2021 gestartete Projekt „Dein Jahr für Deutschland“ dar. Der neue freiwillige Wehrdienst ist in die Territoriale Reserve eingebettet. Die dreimonatige militärische Grundausbildung sollen die Freiwilligen in Einheiten der Streitkräftebasis absolvieren. Daran wird sich die Dienstpostenausbildung zur Sicherungssoldatin bzw. zum Sicherungssoldaten anschließen, die in Berlin, Delmenhorst oder Wildflecken erfolgen soll. Nach Abschluss dieser siebenmonatigen Ausbildung werden die Freiwilligen in der Region, in der sie verwurzelt und vernetzt sind, für sechs Jahre in einer der heute 30 regionalen Sicherungs- und Unterstützungskompanien, die flächendeckend im Bundesgebiet aufgestellt sind, eingeplant. In diesen sechs Jahren müssen sie insgesamt mindestens fünf weitere Monate Dienst leisten. Damit ihre erworbenen Kompetenzen erhalten und auf dem neuesten Stand bleiben, sollen sie möglichst einmal im Jahr ihren Reservistendienst leisten.

Schon die Bezeichnung dieser neuen Form des freiwilligen Wehrdienstes ist Programm: „Dein Jahr für Deutschland – freiwilliger Wehrdienst im Heimatschutz“ soll alle Männer und Frauen ansprechen, die sich für das Gemeinwohl und regionale Aufgaben im Heimatschutz interessieren. Der gesellschaftliche und soziale Charakter des insgesamt einjährigen Dienstes steht dabei im Vordergrund, womit Deutschland seiner Verantwortung in Europa gerecht werden will. Deshalb, so der Planungsgedanke, muss das Land selbst in Krisenlagen widerstandsfähiger werden. Die Bundeswehr stärkt mit dem freiwilligen Wehrdienst im Heimatschutz ihre bestehenden Reservestrukturen und die gesamtstaatliche Krisenvorsorge. Die neuen Freiwilligen werden mit ihren Aufgaben unmittelbar für die Bevölkerung spürbar sein und eine Zusammenarbeit mit zivilen Hilfs- und Rettungsorganisationen ist geplant. Der Kreis der Heimatschützer soll so komplettiert werden, ohne dass es zu einem Konkurrenzkampf um Freiwillige und Ehrenamtliche kommt.

Autor: Prof. Dr. Patrick Sensburg, Mitglied des Bundestages und Präsident des Verbandes der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e.V.

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