Ungarn: Die Macht an der Donau

apf

30/06/2021

Als Ungarn sich 2018 entschied LEOPARD 2 Panzer, LYNX Schützenpanzer und PZH2000 Panzerhaubitzen aus Deutschland zu bestellen erregte dies Aufmerksamkeit in den deutschen Medien. Jedoch ist dies nur die neueste in einer langen Reihe von Modernisierungsmaßnahmen die die ungarischen Streitkräfte betreffen. Ungarn plant mit seinem ursprünglich bis 2026 festgeschriebenen aber im vergangen Jahr verlängerten Modernisierungsplan „Zrínyi 2026“ bis 2032 das modernste Militär in der Region zu haben. Eine ambitionierte Zielsetzung, die Anlass gibt, um die bisherigen Maßnahmen ins Auge zu fassen.

Ausgangslage

Zunächst muss gesagt sein, dass Ungarn seit dem Fall des Kommunismus die Wehrpflicht ausgesetzt hat, und über eine sehr professionelle Berufsarmee verfügt.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs verfügte das ungarische Militär, wie die meisten anderen früheren Warschauer Pakt Staaten, fast ausschließlich über Waffensysteme aus sowjetischer Fertigung. Dies änderte sich auch durch die 90er hinweg nicht maßgeblich obwohl anzumerken ist, dass damals schon eine schleichende „Modernisierung“ versucht wurde. Modernisierung ist hier in Anführungszeichen zu setzen, da vor allem Altbestände der nun stark verkleinerten anderen NATO-Streitkräfte aufgekauft wurden. So fanden Transportfahrzeuge der Bundeswehr und der Streitkräfte Italiens, vor allem LKWs von MAN und IVECO, ihren Weg in das ungarische Inventar.

Luftstreitkräfte

Ein erster großer Schritt zur Modernisierung war die Entscheidung aus dem Jahr 2001, die Luftstreitkräfte mit dem schwedischen Jagdflugzeug Saab JAS 39 GRIPEN auszurüsten. Aufgrund finanzieller Fragen und politischer Ungewissheit entschied man sich aber die Flugzeuge nur zu leasen. Die GRIPEN erwies sich als zuverlässiges Jagdflugzeug, was dazu führte, dass Ungarn 2015 den Leasingvertrag mit Schweden um zehn Jahre verlängerte und die ungarische Luftwaffe diese mehrmals modernisieren lies, zuletzt 2017 auch für die Fähigkeit zur Bekämpfung von Bodenzielen qualifizieren lies.

Ebenfalls in den frühen 2000ern beschloss die ungarische Regierung zwei gebrauchte Airbus A319 sowie zwei Dessault Falcon 7X Transportflugzeuge zu beschaffen. Damit sollten vor allem die alten sowjetischen Modelle ersetzt werden, welche einen Großteil der ungarischen Lufttransportkapazität ausmachten.

Heer

Der Stand des Heeres war von den 90er bis in die späten 2000er Jahre unverändert. Das Rückgrat der ungarischen Panzertruppe war der T-72 Kampfpanzer und das Arbeitstier der mechanisierten und motorisierten Verbände war der BTR-80. Die „Frau des Infanteristen“ war die im Inland gefertigte AK-63, ein Derivat der sowjetischen AKM, welche über die Jahre einige Modernisierungen erlebte. Das Heer war in den 2000ern vor allem mit einer Reduzierung der Truppenstärke und eine Neuorientierung in Richtung einer Unterstützungsrolle bei internationalen Friedenssicherungs- und Friedenserhaltungseinsätzen beschäftigt. In Zuge der Weltwirtschaftskrise wurden weitere Modernisierung- und Umbauvorhaben allerdings gestoppt und auf Eis gelegt.

Ungarische Spezialkräfte bei der multinationalen Übung Brave Warrior 2021. Im Hintergrund ist ein ungarischer Airbus H145M Hubschrauber zu sehen. Dieser kann unter anderem mit Raketen bewaffnet werden und so Luftnahunterstützung fliegen. (Foto: Somogyi Andras/Hungarian Army)

Zrínyi 2026

In Folge des Ukraine-Konflikts und der Migrationskrise erkannte die ungarische Regierung, dass sie ihre militärischen Fähigkeiten ausbauen sollte. Von militärplanerischer Seite wurde mit dem mittelfristigen Modernisierungsprogramm Zrínyi 2026 versucht, eine Antwort auf neue Bedrohungen und sicherheitspolitische Herausforderungen zu finden.

Dabei steht aber nicht nur das Militär im Fokus der Modernisierungsvorhaben, sondern auch die inländische Sicherheitsindustrie. Durch den Erwerb von Lizenzen und die Kooperation mit ausländischen Rüstungsfirmen soll die ungarische Industrie stimuliert und Arbeitsplätze im Rüstungssektor geschaffen werden.

Den Auftakt bildete dabei der Erwerb von Produktionslizenzen der tschechischen Firma Česká zbrojovka (Cz) für das Sturmgewehr BREN. Ungarn sicherte sich Produktionslizenzen und begann mit Hilfe der Ingenieure von Cz das ungarische staatliche Rüstungsunternehmen HM Arzenal zu modernisieren. Damit schaffte die Regierung von Ministerpräsident Orban nicht nur neue Arbeitsplätze zu schaffen, es holte sich auch neues Industriewissen ins Land um die ungarische Rüstungsindustrie wettbewerbsfähig zu machen.

Der ungarische Soldat sollte allerdings nicht nur eine neue Braut bekommen, sondern auch gleich noch eine neue Uniform, neue Rucksäcke, neue Stiefel und einen neuen Gefechtshelm. Ein weiteres Beispiel ist der Erwerb des österreichischen Mörser-Spezialisten Hirtenberger. Durch den Kauf fan direkt auch ein Technologietransfer statt.

Das ungarische Militär verfügt mittlerweile über 12 LEOPARD 2A4HU zu Ausbildungszwecken. (Foto: Ungarisches Verteidigungsministerium)

Als nächster großer Schritt begann das ungarische Verteidigungsministerium mit der Beschaffung von Panzern, Schützenpanzern, Panzerhaubitzen und Transportfahrzeugen um die mechanisierten Kräfte des ungarischen Militärs neu aufzustellen. Geplant ist bis 2030 zwei hochmoderne mechanisierte Brigaden zu haben, welche das Rückgrat des ungarischen Heeres bilden sollen. Die ersten Schulpanzer wurden schon an die Streitkräfte ausgeliefert. Die Ausbildung der ungarischen Panzerbesatzungen wird zunächst in Österreich und Deutschland stattfinden. Von ungarischer Seite erhofft man sich einen Transfer der langen Erfahrung beider Staaten mit dem LEOPARD 2. Auch die Ausbildung der Crews für die Panzerhaubitze 2000 findet in Zusammenarbeit mit der Bundeswehr statt. Dabei läuft dies im Rahmen der sogenannten Militärischen Ausbildungshilfe. Ungarische Artilleristen des 101. Artilleriebataillons der ungarischen Landstreitkräfte werden in Deutschland von Ausbildern des Artilleriebataillons 131 der Bundeswehr ausgebildet.

Im Allgemeinen sieht die Führung der ungarischen Landstreitkräfte, welche vor allem mit deutschen Rüstungsgütern modernisiert werden sollen, Deutschland als Orientierungspunkt. So wird auch die reformierte Offiziersausbildung des ungarischen Heeres von Deutschland beeinflusst. Hierzu besuchten der Dekan der ungarischen Militärakademie, Brigadegeneral Dr. Pohl und der Inspekteur der ungarischen Landstreitkräfte, Brigadegeneral Attila Takàcs, 2019 und 2020 die Offizierschule des Heeres in Dresden. Als Resultat soll durch Austauschprogramme jungen ungarischen Offizieren ein Einblick in die Funktionsweisen im deutschen Heer ermöglicht werden.

Darüber hinaus verstärkte das ungarische Militär die Zusammenarbeit mit seinen Partnern in der EU und NATO. So vertiefte Ungarn die Zusammenarbeit seiner Spezialkräfte mit seinen Regionalen verbündeten und bildete gemeinsam mit Österreich, Kroatien, der Slowakei und Slowenien ein Regional Special Operations Component Command (R-SOCC). Dies ist ein temporär verlegbares Führungselement, das speziell für die Führung von Operationen von Spezialkräften eingesetzt wird.

Darüber hinaus hat das ungarische Heer 20 Hubschrauber vom Typ Airbus H145M gekauft um dem ungarischen Heer eine schnelle und moderne Luftunterstützung zu gewährleisten. Der H145M wird als Light Utility Helicopter Special Operation Forces (LUH SOF) zur Verbringung von Spezialkräften auch in der Bundeswehr genutzt.

Ungarn; Panzerhaubitze 2000; Artillerie;

Der weitere Verlauf

Gemäß der derzeitigen öffentlichen Bekanntgaben der ungarischen Regierung und aufbauend auf den bisherigen Entwicklungen, plant Ungarn seine Streitkräfte in Zukunft vor allem durch multinationale Projekte und engere Angleichung und Kooperation mit seinen Verbündeten zu modernisieren.

Dies soll über die verschiedenen Kooperationsnetzwerke und Bündnisstrukturen in denen Ungarn beteiligt ist, realisiert werden. Dies wären konkret die NATO, die EU, die Visegrad 4 – ein sicherheitspolitischer Koordinationspakt der Staaten Ungarn, Tschechien, Polen und Slowakei – und die Central European Defence Cooperation – eine Kooperation der mitteleuropäischen Staaten Tschechien, Slowakei, Ungarn, Österreich, Slowenien und Kroatien.

Ein wichtiger Treiber ist die EU die mit ihrer permanenten strukturellen Zusammenarbeit „PESCO“ (Permanent Structured Cooperation), das die Entwicklung und Modernisierung der Rüstungstechnologie in ihren Mitgliedsländern und besonderen Partnernationen koordiniert und unterstützt.

Im Rahmen von PESCO ist Ungarn die Lead Coordinating Nation bei der Entwicklung eines Integrated European Joint Training and Simulation Centers. Hierbei soll Europas modernstes Gefechtsübungszentrum entstehen. Dies soll aus bestehenden Truppenübungsplätzen, die in Ungarn, Frankreich, Deutschland, Polen und Slovenien disloziert sind, entstehen und durch eine digitale Vernetzung zu einem gemeinsamen Simulationsumfeld verschmelzen.

Darüber hinaus ist Ungarn bei der Aufstellung des Special Operatios Forces Medical Training Center im polnischen Łódź beteiligt.

Außerdem beteiligen sich die ungarischen Streitkräfte bei der Entwicklung des Integrated Unmanned Ground Systems. Insgesamt ist Ungarn an zehn Projekten beteiligt.

Wie sich die Modernisierung auf die weitere Planung des Ungarischen Militärs auswirkt bleibt abzuwarten. Gemäß des Strategiepapiers der ungarischen Regierung sollen die Streitkräfte in Zukunft auch verstärkt für polizeiliche Tätigkeiten und auf für Stabilisierungseinsätze herangezogen werden.

Autor: Frederik Ströhlein

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