BOXER – Mobilität, Modularität und Aufwuchspotenzial sind alles entscheidende Leistungsmerkmale des weltweit modernsten Radschützenpanzers

13/08/2021

Interview mit Stefan Lischka, Managing Director, ARTEC GmbH, München

Stefan Lischka: „Deutschland und die Niederlande haben ein ausgewogenes Fahrzeug entwickelt, das bereits zwei Jahre nach Auslieferung erfolgreich in einem Auslandseinsatz seine Stärken bewiesen hat und am Beginn seines Lebenszyklus steht.“ (Foto: Stefan Nitschke)

wt: Die Ursprünge des BOXER-Programms gehen zurück auf den Bedarf für ein allradgetriebenes 8×8-Radfahrzeug von drei Nationen – Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Nach dem Ausstieg Frankreichs und Großbritanniens aus der Zusammenarbeit traten die Niederlande dem Programm bei. Was waren die Gründe für die Entscheidung der Niederlande, sich für das Radfahrzeug – in fünf Varianten – zu entscheiden?

Stefan Lischka: Trotz der vorangegangenen Entwicklung des BOXER, gemeinsam mit Deutschland seit 2002, hatten die Niederlande 2006 eine Marktsichtung für 8×8-Fahrzeuge durchgeführt. Nach Abschluss dieser Sichtung haben sich die Niederlande mit Überzeugung für BOXER entschieden.

Für den BOXER sprach sicherlich die bereits intensive Mitwirkung bei der gemeinsamen Entwicklung des Systems zusammen mit Deutschland. Hinzu kamen die bereits nachgewiesenen Fähigkeiten des BOXER in Bezug auf Schutz, Modularität, Mobilität und Aufwuchspotenzial und, nicht zuletzt, die erwarteten Lebenszykluskosten.

Ein weiteres Argument für den BOXER war sehr wahrscheinlich auch die Einbindung der niederländischen Firma Stork PWV (mittlerweile Rheinmetall Defence Nederland), bei der nicht nur alle 200 niederländischen Fahrzeuge in den Niederlanden mitentwickelt, sondern auch vollständig gefertigt werden sollten.

Auch die Arbeitsteilung zwischen der deutschen und niederländischen Industrie hatte sicherlich einen positiven Einfluss gehabt, da sie eine effiziente Beauftragung von insgesamt 472 Fahrzeugen für das gemeinsame erste Los ermöglichte. Die seltene Möglichkeit der gleichzeitigen Beauftragung eines großen Loses zweier Nationen bot für die Einbeziehung der jeweiligen Industrien eine einmalige Gelegenheit. Diese wurde voll genutzt, in dem niederländische und deutsche Zulieferfirmen oft für die gesamte Stückzahl beauftragt wurden – und nicht nur für den jeweiligen nationalen Anteil.

wt: Herr Lischka, im Vorgespräch informierten Sie darüber, dass sich Großbritannien als Partner im Programm zunächst nicht entschied, das Fahrzeug zusammen mit den Deutschen und Niederländern zu bestellen. Zu diesem Zeitpunkt (2003) erreichte der Afghanistan-Einsatz der NATO-Verbündeten bereits seinen ersten Höhepunkt und hatte aufgezeigt, wie modular ausgestattete und mit hohem Schutzniveau versehene Fahrzeuge wie der BOXER künftig unter Bedrohung eingesetzt werden können. Welche Gründe führten letztlich auf Seiten Großbritanniens dazu, dass man 2018 den Wiedereinstieg in das Programm in Betracht zog?

Stefan Lischka: Im Frühjahr 2018, kurz nach der Entscheidung für BOXER, hat das britische Verteidigungsministerium Gründe für die Entscheidung pro BOXER und den Wiedereinstieg in das Programm genannt: Performance („best protected vehicle on the market“); Aufwuchspotenzial („in both power and weight“); Mobilität („best power to weight ratio“), proven mission reliability („in service in Germany and the Netherlands and proven performance in Afghanistan“); Modularität („very adaptable“, „flexibility in how to acquire and how to support the vehicle is quite unique“), best value for money („Taking together performance and cost“) and certainty in the data received from nations and OCCAR („low risk in performance and cost“).

2004 hatte das Vereinigte Königreich das Programm aufgrund neuer Forderungen an den bis dato gemeinsam entwickelten BOXER verlassen. Die neuen Forderungen betrafen hauptsächlich den strategischen Transport in kleineren Flugzeugen als der bis dato vorgesehenen A400M.

Die Einsatzwirklichkeiten im Irak und später in Afghanistan mit teils neuartigen Bedrohungen [IEDs, improvisierte Sprengfallen] und ohne klare Frontlinien zeigten vielen in diesen Einsätzen beteiligten Nationen die Bedeutung von hochgeschützten und gleichzeitig hochmobilen Fahrzeugen mit hoher Reichweite auf. Nachdem das für die Beschaffung eines modernen 8×8-Fahrzeuges in 2007 begonnene FRES UV-Programm 2009 eingestellt wurde, bestand für die britische Armee daher nach wie vor ein Bedarf an modernen 8×8-Fahrzeugen. Auf Grund der Erfahrungen im Irak und Afghanistan sah man die Transportierbarkeit in kleineren Flugzeugen als den A400M nicht mehr als erforderliches Kriterium an. Dafür wurden Schutz und Aufwuchspotenzial wieder priorisiert. Darüber hinaus waren die Einsatzerfahrungen der Bundeswehr mit dem System in Afghanistan sehr wahrscheinlich ein weiterer wesentlicher Grund, sich für den BOXER zu entscheiden. Mittlerweile hatte sich auch Litauen in 2016 als dritte Nation für den BOXER entschieden.

wt: In den kritischen Bereichen Antrieb, Panzerung/Schutz und Bewaffnung hat der BOXER einen deutlichen Fähigkeitszuwachs erfahren. Genannt wird in diesem Zusammenhang ein großes Aufwuchspotenzial (growth potential), ohne dass eine Weiterentwicklung des Fahrzeuges kaum zu realisieren wäre. Welche technischen und technologischen Neuerungen führten dazu, dass der BOXER in Konkurrenz zu anderen marktverfügbaren Fahrzeugen von weiteren Kundennationen – Litauen und Australien – ausgewählt wurde?

Stefan Lischka: Deutschland und die Niederlande haben ein ausgewogenes Fahrzeug entwickelt, das bereits zwei Jahre nach Auslieferung erfolgreich in einem Auslandseinsatz seine Stärken bewiesen hat und am Beginn seines Lebenszyklus steht.

In Litauen konnte sich BOXER im Rahmen des vorangegangenen Wettbewerbs durch seine Fähigkeiten in puncto Schutz, Aufwuchs, Mobilität und Modularität durchsetzen. Auf Grund des Aufwuchspotenzials und der Modularität war es möglich, in kurzer Zeit mehrere IFV-Varianten aus dem bestehenden Design abzuleiten, ohne dass grundlegende Eingriffe im Missionsmodul oder am Fahrmodul nötig waren. Sicherlich war auch die Beschaffung über die OCCAR ein wichtiges Argument gewesen. Denn für Litauen gelten die gleichen Vertragsbedingungen wie für Deutschland und die Niederlande. Zudem ermöglichte es Litauen auf bewährte Prozesse und bestehende Expertise bei der OCCAR zurückzugreifen. Das bringt Sicherheit. Schließlich ist das VILKAS-Programm (litauischer Name des BOXER) das bis dato das größte Beschaffungsvorhaben in der Geschichte des Landes.

Auf den Preis angesprochen sagte ein General der litauischen Armee kurz vor der Vertragsunterschrift: „We are not rich enough to buy cheap.“

Australien dagegen beschafft den BOXER nicht über die OCCAR, sondern direkt über Rheinmetall. Hier gab es in der Vergangenheit bereits größere Projekte, an die angeknüpft werden konnten. ARTEC war hier nicht eingebunden. Ich gehe davon aus, dass die Leistungsfähigkeit und das Potenzial des BOXER auch hier ausschlaggebend waren.

Die Niederlande haben 200 Exemplare des BOXER in mehreren Varianten beschafft. (Foto: Niederländisches Verteidigungsministerium)

wt: Wie beurteilen Sie die Bedarfsentwicklung bei derzeitigen und künftigen BOXER-Nutzern für neue oder weitere Varianten? So wird von der Bundeswehr eine Variante des Fahrzeuges zur Beseitigung der Fähigkeitslücke „Flugabwehr im Nah- und Nächstbereich“ betrachtet.

Stefan Lischka: Dies ist sehr unterschiedlich. Manche BOXER-Nationen befinden sich noch in der Beschaffung des ersten Loses mit zahlenmäßig hohen Varianten. Andere Nationen haben angefangen, den Vorteil der Modularität in der Entwicklung und Beschaffung stärker zu nutzen. Sie setzen gezielt auf Spezial-Module, die auf ein Fahrmodul bei Bedarf integriert werden können.

Der BOXER wird sicherlich weiter seine Modularität und sein Aufwuchspotenzial in puncto Gewicht, Antrieb oder elektrischer Versorgung ausspielen.

Ganz konkret sehe ich hier den Brückenleger, die RCH 155, 105 mm direktes Feuer, Joint Fire Support, 120 mm Mörser, qualifizierte Flugabwehr in Nah- und Nächstbereich oder auch 30 mm oder 3 5mm Fliegerabwehr, weitere Varianten mit 30 mm Bewaffnung und Bergefahrzeuge. Die bisherigen Nutzerstaaten werden sicherlich ihre Erfahrungen austauschen und gemeinsam neue Entwicklungen angehen oder Varianten anderer Nationen übernehmen.

wt: Wie schätzen Sie mögliche technologische Risiken bei der Entwicklung neuer BOXER-Varianten ein?

Stefan Lischka: Das Risiko steckt üblicherweise im Subsystem und weniger im Fahrzeug selbst. Der BOXER wurde von Anfang an für höhere Belastungen und Forderungen ausgelegt, um nach oben hinaus möglichst flexibel zu sein. Selbst komplexe Missionsmodule haben keine oder nur wenige Auswirkungen auf das von allen Nationen gemeinsam genutzte Fahrmodul. Und genau hier ist ausreichend Aufwuchspotenzial vorhanden, ohne dass grundlegend in die Struktur eingegriffen werden muss. Zudem muss für den BOXER immer nur das Missionsmodul entwickelt werden, was natürlich auch Kosten spart.

Das Aufwuchspotenzial des BOXER – und damit die Variantenvielfalt – ist enorm: Brückenleger, Radhaubitze RCH 155 (Foto), 105 mm direktes Feuer, Joint Fire Support, 120 mm Mörser, qualifizierte Flugabwehr in Nah- und Nächstbereich, 30 mm oder 3 5mm Fliegerabwehr sowie weitere Varianten mit 30 mm Bewaffnung und Bergefahrzeuge. (Foto: Krauss-Maffei Wegmann)

wt: Herr Lischka, kommen wir zurück auf Großbritannien. Die britische Regierung hat im November 2019 entschieden, insgesamt 528 BOXER für die britischen Landstreitkräfte zu beschaffen. Im Lastenheft des britischen Kunden ist vermerkt, dass das Fahrzeug – geliefert in vier Varianten – zu einem deutlichen Fähigkeitszuwachs bei den Landstreitkräften führen soll. Was bedeutet dies mit Blick auf wichtige Parameter wie Mobilität, Schutz, Modularität und Aufwuchspotenzial?

Stefan Lischka: Alle vier von Ihnen genannten Parameter werden in die britischen BOXER-Versionen eingebracht und genutzt. Manche Lösungen können sicherlich künftig neuer Standard für das BOXER-System sein und Fähigkeitsniveau heben.

Dies ist besonders gut sichtbar bei der Modularität. Der britische Kunde hat dafür eine eigene Bezeichnung geprägt: „Micro-Modularity“. Bislang hat sich der BOXER wesentlich von anderen Fahrzeugen seiner Klasse auf Grund der Modularität, bestehend aus einem gemeinsamen Fahrmodul und unterschiedlichen Missionsmodulen, unterschieden. Dies wird nun als „Macro-Modularity“ bezeichnet. „Micro-Modularity“ hingegen zeigt die vorhandene Modularität im Inneren eines Missionsmoduls auf. Ohne hier ins Detail gehen zu können, kann ich sagen, dass auch die Innenräume sehr modular aufgebaut sind und verschiedene Rollen innerhalb einer Variante mit nur wenigen Änderungen zulassen.

wt: In unserem Vorgespräch äußerten Sie sich zur Rolle der britischen Industriebasis. Die Grundzüge eines solch bedeutungsvollen Rüstungsprojektes weisen – anders als bei der Bestellung Litauens von 88 Fahrzeugen – auf eine Industriepartnerschaft hin, die von einem hohen Grad an Arbeitsteilung und Wertschöpfung im eigenen Land bestimmt sein wird. So sollen mindestens 60 Prozent der Serienfertigung bzw. Endmontage der Fahrzeuge in Großbritannien erfolgen. Das spricht für eine nicht unerhebliche Auslastung der britischen wehrtechnischen Industriebasis. Wie wirkt sich dies – vor dem Hintergrund des ungewissen Fortgangs des Schützenpanzerprojekts ASCOD SV (vormals FRES SV) – auf den Fortbestand und die Zukunftsentwicklung der nationalen Landsystemindustrie aus?

Stefan Lischka: Eine Beschaffung von mehr als 500 Fahrzeugen in einem Los ist sehr selten geworden. Dass sich das Vereinigte Königreich bei einem so großen Los für das BOXER-System entschieden hat, ist eine Chance. Eine solche Losgröße lässt natürlich andere Möglichkeiten zu als wesentlich kleinere Beschaffungen. Eine ähnliche Größe hatten wir zuletzt bei der Beauftragung des ersten Loses für Deutschland und die Niederlande in 2006 – und haben es entsprechend genutzt.

Um notwendiges Investment und Risiken weitgehend zu reduzieren, werden wir uns im britischen MIV-Programm auf bestehende Strukturen und Firmen stützen. Rheinmetall hat zusammen mit BAE Systems ein Joint Venture gegründet und nutzt darüber die bestehenden Kapazitäten in Telford. KMW nutzt das Know-how und die Produktionsstätte der Tochterfirma WFEL in Stockport und baut diese weiter aus. Beide Firmen – RBSL und WFEL – nutzen ihre bestehenden Lieferantenketten, bauen diese aus und investieren selber in Technologien und Fähigkeiten, die am Markt nicht verfügbar sind. Somit werden bestehende industriellen Kapazitäten im Vereinigten Königreich bestmöglich genutzt, weiterentwickelt und ausgebaut.

wt: Im Februar 2018 hatte sich auch Slowenien für eine Beschaffung des BOXER entschieden. Das Fahrzeug wird als Basisfahrzeug für die Ausstattung eines Infanteriebataillons in Betracht gezogen. Welche Bedeutung hätte die Beschaffung des Fahrzeuges für die Modernisierung der slowenischen Landstreitkräfte?

Stefan Lischka: Die Beschaffung einer solchen Fähigkeit hat für ein Land wie Slowenien eine enorme politische und finanzielle Bedeutung. Das Vertrauen in eine ausgereifte und zukunftsfähige Lösung ist mindestens so wichtig wie die Möglichkeit mit anderen BOXER-Nutzerstaaten zusammenarbeiten zu können. Eine Aufnahme in den Vertrag, den ARTEC mittlerweile über die OCCAR mit den vier Nationen Deutschland, den Niederlanden, Litauen und dem Vereinigten Königreich hält, ist dabei entscheidend. Somit kann Slowenien sicher sein, als gleichberechtigter Partner in das BOXER-Programm eintreten zu können und bestehende Lösungen nutzen zu können.

wt: Als ein möglicher künftiger Interessent für den BOXER wird des Öfteren Ungarn benannt. Die ungarischen Landstreitkräfte befinden sich in einem Prozess der umfassenden Modernisierung und Neuausrichtung. Wie realistisch ist eine Kaufentscheidung durch die ungarische Regierung?

Stefan Lischka: Diese Frage kann Ihnen nur die ungarische Regierung beantworten.

wt: herzlichen Dank, Herr Lischka, für das interessante Gespräch.

Stefan Nitschke

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