Wirkverbünde unserer Landstreitkräfte – Wirkungsüberlegenheit im gesamten Fähigkeitsspektrum

16/08/2021

Trotz des steten Wandels seiner Erscheinungsform, ob als Konflikt unterhalb der Schwelle zum Krieg, in hybrider oder „klassischer“ Ausprägung als zwischenstaatlicher Konflikt hoher Intensität, bleibt das Wesen des Krieges unverändert. Jede Konfliktpartei sucht die Durchsetzung des eigenen Willens gegen den des Kontrahenten, um – sofern einfachere Mittel nicht zum Erfolg führen – seine Kräfte physisch zu zerschlagen. Damit ist die Forderung nach Überlegenheit, besonders im Bereich der „Wirkung“, zeitlos, analysiert Oberstleutnant i.G André Henkel, Kommando Heer Unterabteilung Planung, Grundsatzreferent Zukunftsentwicklung und Multinationale Fähigkeitsplanung.

Das Amt für Heeresentwicklung hat einen Bedarf der Bundeswehr für ein radgebundenes Artilleriesystem ermittelt. Die Aufnahme zeigt die geschützte Radhaubitze RCH 155, die das automatische und fernbedienbare Artillerie-Geschütz-Modul (AGM) mit dem Schutz und der Mobilität des Radpanzers Boxer kombiniert. (Foto: Krauss-Maffei Wegmann)

Anspruch auf Überlegenheit

Die Fähigkeit, überlegene Wirkung ins Ziel zu bringen reicht jedoch nicht aus, wenn diese nicht schnell genug dorthin projiziert werden kann, wo sie zum maximalen Effekt erforderlich ist. Streitkräfte, welche nicht in der Lage sind Wirkungsüberlegenheit zu generieren, werden durch den Gegner sukzessive bei der Abnutzung der Kräfte eingeholt, überholt und letztendlich niedergerungen. Aufgabe der Zukunftsentwicklung des Heeres ist es, Trends und Entwicklungen aufzugreifen, zu analysieren und daraus Folgerungen für den Anpassungsbedarf im Heer und für die Landstreitkräfte abzuleiten. In diesem Verständnis gilt es, auch einmal von der Lagekarte zurückzutreten, das ganze Bild zu erfassen und eine Standortbestimmung aus der Perspektive der Zukunftsentwicklung vorzunehmen.

Das ist Ziel dieses Beitrages. Dazu wird der Blick zunächst in die Vergangenheit, bis kurz vor der Jahrtausendwende gerichtet und dann mit heutigen und zukünftigen Entwicklungen konfrontiert. Hat die Zukunftsentwicklung die richtigen Folgerungen gezogen? Sind deutsche Landstreitkräfte nach der angepassten Schwerpunktsetzung hin zur Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) planerisch und in der Realität überlegen aufgestellt? Immerhin liegt der Beginn des Konflikts in der Ukraine und damit die Zäsur für das europäische sicherheitspolitische Koordinatensystem bereits mehr als sieben Jahre zurück! Die Veröffentlichung der „Eckpunkte für die Bundeswehr der Zukunft“ bietet konkreten Anlass, einen Orientierungshalt mit Blick auf diese Fragen durchzuführen.

Weit gefehlt

Man könnte annehmen, dass diese Aussagen zu den Themen Informationsüberlegenheit, Technologie und Wirkung aus einem aktuellen Konzept oder Thesenpapier des Heeres stammen. Mitnichten! Es handelt sich um Auszüge aus den „Gedanken zur Operationsführung im Deutschen Heer“ von 1998. War man vor der Jahrtausendwende seiner Zeit so weit voraus, und wo stehen wir in der Umsetzung?

Informationsüberlegenheit ist eine wesentliche Voraussetzung zur Herstellung von Führungsüberlegenheit. Die damaligen Folgerungen sind heute unverändert gültig. Für das Heer als Träger der Landoperationen stellt sich die Frage nach dem Erreichten. Es ist offensichtlich, dass die Umsetzung, beeinflusst durch zahlreiche Einflussfaktoren, hinter dem eigenen Anspruch zurückgeblieben ist. Am Beispiel der Führungsfähigkeit wird das Ausmaß des Versäumten deutlich. Während damals mit der durchgängigen Einführung AUTOKO90, BIGSTAF und SEM93 ein mit den damaligen technologischen Mitteln effektiver Führungsverbund umgesetzt wurde, sind die Führungsmittel heute entweder noch dieselben, nicht (mehr) durchgängig vorhanden oder mittlerweile vollkommen veraltet. Bedauerlicherweise ist das Heer damit nicht in der Lage, auf Basis beispielsweise der analogen Funkgerätebaureihe SEM 70/80/90 die Interoperabilitäts- und Kryptostandards verbündeter Streitkräfte mit Software Defined Radio (SDR)-Funk zu erreichen.

Auch die zukünftige Bedeutung von „Kampfdrohnen“ wurde vor der Jahrtausendwende erkannt, heute gehören sie zur Realität des Gefechtsfelds. Nicht nur staatliche Akteure verfügen über größer werdende Arsenale solcher Systeme. Die Ausstattung des Heeres hat sich seit 1998 im Hinblick auf Anwendung und Abwehr solcher Wirkmittel jedoch nicht in nennenswertem Umfang entwickelt. Die Gründe sind vielschichtig, aber altbekannt. Wesentlich war u. a. die Fokussierung auf Stabilisierungsoperationen und die damit einhergehende Priorisierung entsprechender Beschaffungsvorhaben, insbesondere unter Berücksichtigung begrenzter Haushaltsmittel. Für den erforderlichen Fähigkeitserhalt und für Innovationen war der Gestaltungsraum reduziert. So erfolgte in vielen Bereichen nur die Beschaffung von Kleinserien, orientiert am Notwendigsten, ohne jemals realistisch die einheitliche, durchgängige Ausstattung der Kräfteverbünde zu erreichen. Verschärfend trat mit Stabilisierungsoperationen die Konzentration auf die Optimierung von Hochwertfähigkeiten im Einzelnen – etwa im Bereich der Streitkräftegemeinsamen Feuerunterstützung (STF) – und die Erosion von querschnittlichen Fähigkeiten in der Fläche hinzu, beispielsweise im Bereich der logistischen Unterstützung, aber auch bei der Bevorratung von Munition. Auch die dafür erforderliche Ausrüstung wurde lediglich für die Sicherstellung im Voraus planbarer Einsätze in gerade ausreichendem Umfang beschafft. Die Vollausstattung mit zweckmäßigem, robustem, kriegstauglichem, querschnittlich und quantitativ ausreichend vorhandenem Material war aufgrund der Konzentration auf Stabilisierungsoperationen und die dominierenden Konfliktbilder nicht erforderlich. Vorrangiges Ziel war der Erhalt bestehender Fähigkeiten, wobei selbst dabei die Tiefe verloren ging. Es entstanden „hohle Strukturen“, die bewusst nur noch anteilig mit Personal und insbesondere eigenem Material hinterlegt werden konnten.

Neue Bedrohungspotenziale für Landstreitkräfte

Stellen wir dieser Entwicklung die Potenziale möglicher Gegner und dem seit 2014 mit dem Ukraine-Konflikt veränderten Blickwinkel unseres Verteidigungsbündnisses gegenüber, wird der zwingende Handlungsbedarf hinsichtlich der Verbesserung von Qualität und Substanz deutlich. Die Reichweite und die Wirkung moderner Wirksysteme der Russischen Föderation sowohl direkt, als auch indirekt hat sich in Verbindung mit schneller Zielaufklärung in einem Aufklärungs- und Schlagkomplex als hochwirksam erwiesen. Eigene Luftherrschaft – bisher Grundvoraussetzung freien Operierens – kann nicht mehr als gegeben angenommen werden. Flugabwehrsysteme potenzieller Gegner mit bis zu 400 km Reichweite (S-300 und S-400) in „Anti-Access/Area-Denial“-Systemverbünden können eigenen Kräften die Nutzung des Luftraumes und in Folge daraus auch des Bodens nachhaltig von Beginn an verwehren. Verbesserte gegnerische Fähigkeiten im Elektronischen Kampf, aktive und passive Schutzsysteme für Gefechtsfahrzeuge und die Nutzung von Unmanned Aerial Systems (UAS) für Aufklärung und Wirkung tragen maßgeblich zu einem transparenten und hochgradig letalen Gefechtsfeld – auch hunderte Kilometer hinter der Frontlinie – bei. Im Ukraine-Konflikt, bis hin zum Konflikt um Berg-Karabach, hat sich die besondere Verwundbarkeit nicht- bzw. leicht-gepanzerter Kräfte bestätigt.

Im Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan wurde jüngst erstmalig für die Öffentlichkeit sichtbar, dass in einem zwischenstaatlichen Konflikt bewaffnete UAS und so genannte „Loitering Munitions“, das heißt Wirkmittel zur eindringfähigen Zielaufklärung und unmittelbaren Bekämpfung, sehr erfolgreich nicht allein gegen gepanzerte Kräfte, sondern bis zum Einzelschützen in ausgebauten Stellungen eingesetzt werden können. Die konkrete Folge der Inkaufnahme der Fähigkeitslücke im Bereich der UAS-Abwehr war die vernichtende Wirkung gegen die armenischen Landstreitkräfte, einschließlich einer bedeutsamen psychologischen Komponente, die maßgeblich zu ihrer Niederlage beitrug. Die armenische bodengebundene Flugabwehr war qualitativ und quantitativ nicht in der Lage, der Bedrohung nachhaltig über die Dauer der Kampfhandlungen zu begegnen. Insgesamt gelang es den armenischen Streitkräften nicht, die eigene Operationsführung an die neue Art der gegnerischen Gefechtsführung anzupassen.

Anhand der dargestellten Entwicklungen wird klar, dass für das Deutsche Heer in qualitativer und quantitativer Hinsicht dringender Handlungsbedarf besteht, um sich zukunftsfähig aufzustellen.

Die neue Asymmetrie der Wirkmittel von Landstreitkräften 

Die Befähigung zum Kampf trägt als Kernbeitrag zur Wirkung und als das bestimmende Merkmal zur Daseinsberechtigung von Streitkräften bei. Wirkungsüberlegenheit bedeutet, in allen Dimensionen schneller, wirksamer und über größere Entfernungen auf den Gegner zu wirken, so dass dieser selbst nicht auf eigene Kräfte wirken kann. Damit können seine Wirkmittel abgewehrt und seine Kräfte zerschlagen oder handlungsunfähig gemacht werden, bestenfalls bevor er eigene Kräfte bekämpfen kann. Letale Wirkung, also die physische Schädigung/Vernichtung des Gegners, steht dabei neben der psychologischen Wirkung im Vordergrund.

Die hinter uns liegende, lange Phase der Konzentration auf Stabilisierungsoperationen hat zu der Illusion beigetragen, dass die technologische Entwicklung Möglichkeiten zu nicht-tödlicher Kriegführung mit schadensfreiem Antlitz schaffen könnte. Entsprechende Versuche, solche Konzepte in die Realität umzusetzen, haben sich bisher als wenig realistisch erwiesen. Als Beispiel lässt sich die Realisierung von Nachfolgelösungen für Wurf- und Verlegeminen zur Panzerabwehr anführen. Die Suche nach neuartigen technischen Lösungen für zukünftige Sperrmittel, welche eine Entscheidung zur lageabhängigen Auslösung von Wirkmitteln ermöglichen, um Unbeteiligte nicht zu gefährden, ist ein Komplexitäts- und Kostentreiber. Noch dazu sind solche Lösungen aufgrund der Abhängigkeit von Vernetzung anfällig für gegnerische Gegenmaßnahmen im elektromagnetischen Spektrum. Anders als in den Stabilisierungsoperationen erfordert eine glaubhafte Befähigung zur LV/BV robuste und kriegstaugliche Lösungen unter der Maßgabe der Vollausstattung.

Ein weiteres Beispiel: Während die Streitkräfte der Russischen Föderation unverändert Raketen- und Artilleriegeschosse sowie Bomben mit Bomblet-Munition (Clustermunitions) einsetzen, hat sich Deutschland, im Gegensatz auch zu den USA, deklaratorisch zum Verzicht auf solche Wirkmittel verpflichtet. Damit sind Fähigkeitslücken bei der Bekämpfung von Panzerverbänden entstanden, die nur teilweise mit neuen, präzisen, teureren und damit nur in geringeren Stückzahlen verfügbaren Munitionssorten kompensiert werden können. Der Verzicht auf bestimmte Wirkmittel und Waffensysteme aufgrund politischer Selbstbeschränkung reduziert faktisch die Wirksamkeit der eigenen Kräfte gegenüber einem Gegner, der sich ausschließlich auf die Erreichung seiner Ziele fokussiert.

Die vernichtende Wirkung eines Wirkmittelarsenals ohne Selbstbeschränkung konnte in Syrien live verfolgt werden. Hier kam nicht nur Submunition in Form von Bomblets zum Einsatz. Auch thermobarische Gefechtsköpfe wurden allein mit Blick auf die vernichtende Wirkung, ohne Rücksicht auf Begleitschäden, eingesetzt. Damit konnten die Kräfte der Russischen Föderation, die zur Unterstützung der syrischen Regierungstruppen eingesetzt waren, Wirkungsüberlegenheit – weitgehend ohne Eigengefährdung auf große Entfernung – erzielen. Es geht nicht darum, diesen verwerflichen Ansatz gutzuheißen.

Aus der Perspektive der Zukunftsentwicklung gilt es, jedoch die Frage zu stellen, was passiert, wenn eigene Kräfte einem solchen Gegner in direkter Konfrontation gegenüberstehen. Wie kann das Heer mindestens gleichwertige, besser überlegene, jedoch nicht gleichartige Mittel zur Wirkung bringen? Es gilt, die entstandene Asymmetrie der Wirkmittel zu unseren Gunsten zu verändern.

Digitalisierung von Landstreitkräften

Wirkungsüberlegenheit lässt sich nur erzielen, wenn handlungsfähige Kräfteverbünde die erforderliche Wirkung projizieren können. Hierzu muss zuvor die Informationsüberlegenheit in Führungsüberlegenheit umgesetzt werden und in erster Linie der Truppenführer führungsfähig gemacht werden. Führungsfähigkeit schafft für ihn die Voraussetzungen, um in einer Operation Führungs- über Informationsüberlegenheit zu erringen und somit die Initiative zu gewinnen und zu erhalten, das Gesetz des Handelns zu bestimmen und so den eigenen Willen durchzusetzen. Sie ist Grundlage für eine schnelle und effektive Entscheidungsfindung und ist damit eine Voraussetzung für Wirkungsüberlegenheit. Voraussetzung hierfür ist das abgestimmte Zusammenspiel einer effektiven und effizienten Kombination von Führungsorganisation, Führungsverfahren und Informationsmanagement auf der Basis eines leistungsfähigen, durchgängigen und zuverlässigen Informations- und Kommunikationsverbundes. Hier bietet die Digitalisierung von Landstreitkräften viele Chancen, diesem Zielbild näherzukommen.

Welche Stellschrauben müssen im Heer genutzt werden, um unsere Kräftedispositive so anzupassen, dass sie unter den gegebenen Auflagen reaktionsfähig sind und, sozusagen im „Kaltstart“, schnell Kräfte zur Wirkung bringen können? Ist die Digitalisierung die allheilmachende Lösung? Immerhin ist bereits im eingangs dargestellten Zitat aus dem Jahr 1998 die Durchgängigkeit der „Nutzung digitaler Technik“ gefordert. Inwieweit schafft die Vernetzung neue Verwundbarkeiten? Führt sie durch ständige Emissionen zu elektronischen Signaturen, die es einem Gegner mit überlegener Artillerie ermöglicht, unsere Kräfte leicht aufzuklären und auf Reichweiten von über 300 km zu zerschlagen? Kann in einem vertretbaren Zeitraum die durchgehende Digitalisierung der Kräfteverbünde erreicht werden? Ist es hinnehmbar, wenn Kräfte innerhalb des Heeres nicht mehr Schulter an Schulter kämpfen können, weil die Führungsfähigkeit auf unterschiedlichen technischen Lösungen aufbaut, die von 1970 bis heute reichen? Welche Auswirkungen hat dies auf die Interoperabilität mit Verbündeten? Ist eine Ausstattung mit Führungsmitteln sinnvoll, die erst Mitte bis Ende des nächsten Jahrzehnts abgeschlossen sein wird, wenn sich erfahrungsgemäß die Technologie so rasant weiterentwickelt, dass die gewählte Lösung bereits in wenigen Jahren technisch überholt sein wird? Es handelt sich um eine Vielzahl von Fragen, deren Beantwortung in vielen Fällen eine Kosten-/ Nutzenabwägung verlangt, insgesamt aber in jedem Fall das Bekenntnis zur modernen Vollausstattung. Darüber hinaus ist eine einmalige Bewertung nicht hinreichend, denn die Grundlagen können sich aufgrund veränderter Parameter, wie etwa der Verfügbarkeit neuer Technologien, ändern. Wenn es gelingt, die Antworten auf die oben gestellten Fragen in der Digitalisierung des Heeres zu berücksichtigen, wird die Vernetzung in einem „Sensor-to-Shooter“-Verbund einen entscheidenden Mehrwert darstellen.

Das Heer setzt bei der Digitalisierung schon jetzt mit seinen Rüstpaketen auf kleine Kräftedispositive, die neben der besseren Realisierbarkeit durch die Industrie ebenso den positiven Effekt erzeugen, dass sie vorrangig national, jedoch auch im Nato-Kontext eingesetzt werden können. Interoperabilität, vor allem im Data Sharing, ist wesentliche Richtschnur. Im Sinne einer „Kaltstartfähigkeit“ liefert die umfassende, Führungsebenen-übergreifende Digitalisierung damit eine entscheidende Voraussetzung für den Operationserfolg. Dies kann bei ausgeglichener Waffentechnik den Ausschlag geben, um schlussendlich den Erfolg auf dem Gefechtsfeld durch technologische Überlegenheit zu sichern. Das setzt jedoch die durchgängige Ausstattung aller Kräfte über alle Ebenen hinweg voraus, unter Beibehaltung analoger Resilienz, also der Fähigkeit zur verzugslosen Fortführung der Operationen bei Ausfall oder Störung der Führungssysteme.

Vielmehr wird „Führen mit Auftrag“ in noch größerem Ausmaß die Maxime bei der Führung von Landstreitkräften, weil nur so die Zeitvorteile durch Digitalisierung voll ausgenutzt werden können. Schwarmintelligenz wird Einfluss nehmen, während Truppenführer mit Unterstützung künstlicher Intelligenz (KI) Prozesse straff und Entscheidungszeiten kurzhalten können. Das gesammelte Wissen von Stäben, welches durch KI aufbereitet zur Verfügung stehen wird, erlaubt dann eine schnellere Entscheidungsfindung, durch zielgerichteten Abruf von Informationen. Die durch den Truppenführer zu treffenden Entscheidungen werden zukünftig durch qualitativ hochwertige Bewertungen und Empfehlungen schneller und mit weniger Personal unterstützt. In der Folge sind Stäbe verkleinert und vermehrt in mobilen Plattformen untergebracht.

Digitalisierung bietet demzufolge die Chance, als „Enabler“ Informations- und letztlich Führungsüberlegenheit herzustellen.

Innovation als Chance und Herausforderung

In den vergangenen Jahren haben verschiedene neue und innovative Technologien, häufig getrieben durch zivile Entwicklungen, ihren Weg in militärische Anwendungen gefunden. Einige davon haben das Potenzial, die Kriegführung nachhaltig zu verändern. Dazu zählen allen voran UAS in unterschiedlichsten Versionen. Der Konflikt in Bergkarabach hat diese Wirkmittel in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Die Entwicklung von UAS als Wirksystem, neben Drohnen auch als loiterfähige Wirkmittel, hat jedoch schon deutlich vor der Jahrtausendwende begonnen. Heute bieten miniaturisierte und immer leistungsfähigere Systeme neue, weitreichende Fähigkeiten, die in vielen Streitkräften bereits in die Operationsführung integriert wurden. Die Proliferation solcher Wirkmittel auch an nichtstaatliche Akteure ist Tatsache. Die Nutzung dieser neuen Fähigkeiten erlaubt es, die Wirkung auch irregulärer Kräfte bei geringerem Mitteleinsatz zu potenzieren.

Der eigene Verzicht auf die Einführung neuer, innovativer Wirk- und Schutzmaßnahmen, würde die Durchsetzungsfähigkeit der eigenen Kräfte dauerhaft verringern. Ein rein defensiver Ansatz, beispielsweise durch die Schaffung von – bisher nicht vorhandenen Fähigkeiten zur UAS-Abwehr – wird nicht ausreichen. Hinzu kommt, dass den immensen Kosten für die Abwehr „überschaubare“ Kosten für die UAS gegenüberstehen. UAS schaffen Handlungsfreiheit durch risikoarme und persistente Aufklärung und unmittelbare Wirkung in der Tiefe des Raumes. KI, gegebenenfalls kombiniert mit biometrischer Mustererkennung und Schwarmtechnologie, schafft in diesem Bereich zunehmend die Möglichkeit zum vollständig autonomen Einsatz automatisierter Waffensysteme – ohne menschlichen Eingriff in den Bekämpfungsvorgang und die Befähigung, im „Jagddrohneneinsatz“, den gegnerischen Aufklärungs- und Wirkungsschleier zum Zwecke des Eindringens eigener Aufklärungsmittel (bodengebundene Spähaufklärung) zumindest zeitweise abzudunkeln oder zu zerreißen.

Diese Entwicklung stellt Streitkräfte aber auch vor schwerwiegende Herausforderungen. Selbst wenn der Einsatz vollständig KI-basierter Wirksysteme ohne „Man-in-the-Loop“ durch viele staatliche Akteure ausgeschlossen wird, so gibt es unzweifelhaft Staaten und auch nicht-staatliche Akteure, die solche Mittel bereits heute vorbereiten und einsetzen. Für das Heer ist die Forderung Man-in-the-Loop bzw. „Man-on-the-Loop“ die conditio sine qua non. Dabei stellt Man-on-the-Loop den weitestgehenden Grad der Automatisierung dar, wie er heute beispielsweise bei Flugabwehrfregatten der Marine oder im System Mantis zum Feldlagerschutz realisiert ist.

Jedoch wird ein auf menschliche Entscheidungen aufbauender Wirkverbund gegenüber einem vollautomatisierten, autonom kämpfenden Verbund aufgrund menschlicher Reaktionszeiten erwartbar dauerhaft unterlegen sein. Schwarmtechnologie ermöglicht es, vorhandene, teilweise teure Abwehrsysteme kostengünstig zu saturieren. Diese Herausforderungen gilt es bei der Entwicklung neuer Waffensysteme und der Zusammenstellung von Kräften zu berücksichtigen. Das zukünftige Main Ground Combat System (MGCS) ist mit seiner vernetzten Systemauslegung ein treffendes Beispiel. Hier sollte die Systemarchitektur unter Berücksichtigung der unveränderten Forderung nach dem Man-in/on-the-Loop das Szenario des Gefechts gegen einen voll automatisiert handelnden Gegner zumindest vordenken. Die Alternative wird die sichere Vernichtung der eigenen Systeme – bei geringem Risiko für den Gegner – sein. Der wirkliche Erfolg wird sich erst durch die bruchfreie, dimensions- und domänenübergreifende Vernetzung aller Sensoren und Effektoren und die damit verbundene Verknüpfung aller Führungsebenen durch eine überlegene Geschwindigkeit in der Entscheidungsfindung und darauf aufbauend, präzise und punktgenaue Wirkung einstellen.

Nur kohärente Kräfteverbünde bringen den Erfolg im Gefecht!

Die Zukunftsentwicklung hat die Entwicklungslinien in der Vergangenheit richtig antizipiert. Jedoch verhinderten die Rahmenbedingungen eine kompromisslose Ausrichtung auf die neuen Herausforderungen. Das Heer kann heute seine Aufgaben insgesamt erfolgreich wahrnehmen. Für die anspruchsvollste Aufgabe der LV/BV müssen die bereits 1998 in Grundzügen beschriebenen und heute nach wie vor gültigen Folgerungen nunmehr umgesetzt werden.

Kern von Landstreitkräften sind gestern wie heute reaktionsfähige, durchsetzungs- und durchhaltefähige, kohärente und kriegstaugliche Kräftedispositive, die gegen das gesamte Bedrohungsspektrum überlegene Wirkung projizieren können, um Wirkungsüberlegenheit zu erzielen. Die Gesamtheit der Systeme muss robust und durchhaltefähig ausgelegt sein. Hochtechnologie ist kein Selbstzweck und ist stets gegen die erforderliche Quantität, Nutzbarkeit, Bedienbarkeit und Resilienz abzuwägen. Neben der Wiederherstellung der Substanz der vorhandenen Kräfteverbünde gilt es, Gestaltungsräume für notwendige Anpassungen im Fähigkeitsspektrum zu schaffen.

Mittelfristig hat die Nutzung von KI durch staatliche und nicht-staatliche Akteure das Potenzial, Konflikte zu entscheiden. Sowohl im Bereich des Einsatzes von UAS, der Führungsunterstützung, als auch in der Automatisierung von Sensor-to-Shooter-Ketten gilt es, Lösungen für die sich abzeichnende Asymmetrie in der Reaktions- und Bekämpfungsgeschwindigkeit vorzudenken. Informationsüberlegenheit ist vor diesem Hintergrund, gerade bei hohem Operationstempo, ein entscheidender Faktor. Die durchgängige Digitalisierung von Kräfteverbünden zielt darauf, Führungsüberlegenheit zu erreichen.

Aufgrund der Ressourcenlage ist Pragmatismus und Realitätssinn im Hinblick auf das Machbare gefordert. Die Orientierung an der Aufgabe LV/BV erfordert aus der Perspektive der Zukunftsentwicklung bei begrenzten Ressourcen eine klare Schwerpunktbildung. Diese baut auf den Vorgaben des unverändert gültigen Fähigkeitsprofils der Bundeswehr auf, in stringenter Ableitung aus Gegnerpotenzialen. Was in diesem Vergleich nicht bestand hat, ist nicht gut genug. Als Grundlage für alles Weitere sind die bestehenden Strukturen mit 100% Material und Personal, auch unter Rückgriff auf eine tief integrierte Reserve, aufzufüllen. Stets sind dabei die multinationale Interoperabilität und die Befähigung zur Anlehnungspartnerschaft/Integration multinationaler Kräftedispositive zu berücksichtigen. Hierfür sind die entsprechenden Haushaltsmittel und Ressourcen bereit zu stellen. Nunmehr gilt es, die dargestellten Entwicklungen mit einem Blick für das Machbare umzusetzen.

Stefan Nitschke

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