Weltpremiere: Haubitze schießt in der Fahrt

apf

23/08/2021

Am 18. August lud Krauss-Maffei Wegmann (KMW) Nutzer und Medienvertreter auf den Truppenübungsplatz Klietz (Brandenburg) zur Vorführung von neuen Fähigkeiten seiner Fahrzeuge RCH155, SPz PUMA und PuBo (RCT 30 – Radschützenpanzer mit BOXER-Fahrgestell und PUMA-Turm) ein. Als Nutzer waren unter anderem Vertreter der Bundeswehr, aus Großbritannien und Katar vor Ort. Höchster Vertreter der Bundeswehr war Generalleutnant Alfons Mais, Inspekteur Heer.

Hoher Besuch: Generalleutnant Alfons Mais, Inspekteur Heer. (Alle Fotos: André Forkert)

RCH 155 mit Weltpremiere

Seit rund zehn Jahren verfügt und arbeitet KMW am Artillerie-Geschütz-Modul (AGM), das bereits auf BOXER und LKW-Plattformen gezeigt wurde. In Klietz zeigte KMW nun den letzten Stand der Radhaubitze RCH 155 (Remote Controlled Howitzer 155 mm), einer Kombination aus automatisierter Artillerie-Feuerkraft und hochgeschützter Radmobilität dank des Fahrmoduls GTK BOXER. Das AGM verwendet die bewährte 155 mm/L52-Rohrwaffe von Rheinmetall, die auch schon in der Panzerhaubitze 2000 (PzH 2000) in Nutzung ist.

Um den Forderungen des Nutzers Bundeswehr nach LKW- und Bahntransport nachzukommen, wurde der Turm um rund 30 cm niedriger konstruiert. Außerdem wurde zur Selbstverteidigung die FLW 200 sowie das HENSOLDT-Sichtsystems SETAS für gepanzerte Fahrzeuge integriert. Die Bedienung wurde verbessert, das 30-Schuss Lager neu konstruiert – dies war auch der Turmverkleinerung geschuldet – und die Treibladung automatisiert. Bisher erfolgte das Laden noch händisch.

Warum bedarf es einen solchen Systems? Durch die Rückbesinnung auf die Landes- und Bündnisverteidigung werden wir wieder mit gleichwertigen Gegnern konfrontiert. Russland verfügt über Artilleriesysteme, die in Anzahl und Reichweite denen der NATO oft überlegen sind. Hier gilt es entsprechende Antworten zu finden. Ein wichtiger Aspekt ist dabei der Faktor Zeit. Die eigene Zeit in einer Feuerstellung muss minimiert werden, das ist unter anderem eine Lehre aus dem Ukraine-Konflikt. In einer NATO-Studie heißt es, alles was länger als acht Minuten stationär ist wird aufgeklärt und kann damit bekämpft werden. Gerade im Bereich der Artillerie mit ihren Aufklärungssystemen wie Drohnen, Radar oder Schallmess, ist diese Zeitspanne bis zu einem Gegenschlag sogar noch viel kürzer anzusetzen. Experten sprechen von maximal 150 bis 180 Sekunden. Das Gefechtsfeld ist heute viel dynamischer, dem müssen die neuen Systeme Rechnung tragen. KMW fasste die Forderungen an zukünftige Artilleriesysteme so zusammen: „Die Anforderungen an die Artillerie bestehen in einer Mischung aus höherer Überlebensfähigkeit, erhöhter Mobilität und erhöhter Reichweite. Das primäre Fähigkeitsdefizit ist nicht die Reichweite, sondern die Feuerkraft. In einigen Operationen könnte die Artillerie auch von gegnerischen Bodenkräften direkt angegriffen werden, die auch gepanzerte Fahrzeuge umfassen.“ Gerade der Artillerie wird in Zukunft im Bereich des Anti-Access Area Denial (A2AD) Umfeld eine wichtige Rolle zukommen. Heute kann dies nicht allein durch die Luftwaffe sichergestellt werden, da gerade in Anfangsoperationen nicht automatisch von einer eigenen Luftüberlegenheit ausgegangen werden kann.

Da Russland hier derzeit im Vorteil ist, will die Bundeswehr, aber auch weitere NATO- und Partnerschaft für den Frieden (PfP)-Staaten ihre Artilleriearsenal ausbauen und modernisieren.

Ein zweiter limitierender Faktor ist der demografische Wandel. Es wird immer schwieriger ausreichend Personal zu rekrutieren. Daher müssen die Systeme zur Personaleinsparung beitragen und einen möglichst hohen Automatisierungsgrad aufweisen. Daher ist das AGM vollständig automatisiert, unter anderem durch den Autolader für die Geschosse und Treibladungen. KMW machte dies an einem Rechenbeispiel deutlich: Was wird zur Bekämpfung eines 200×200 m großen Gebietes mit halbharten Zielen seitens der Artillerie benötigt? Es wird HE-Munition eingesetzt, und 50% aller Ziele sollen geschädigt werden. Bei der Haubitze M109 sind 24 Geschütze mit 144 Soldaten notwendig, und ein Zeitansatz von 180 Sekunden. Im Vergleich dazu sind es bei der RCH 155 nur 12 Fahrzeuge mit 24 Soldaten. Die Bekämpfung erfolgt in 140 Sekunden – bei einer Annahme von 216 Geschossen und einer Kampfentfernung von 12 km. Jetzt ist die M109 schon ein altes System, aber selbst im Vergleich zur PzH 2000 wäre es ein Verhältnis von 2:5. Die PzH 2000 hat eine Besatzung von fünf Soldaten, die RCH 155 nur zwei (Fahrer und Kommandant).

Um die Zeit in der Feuerstellung noch weiter zu verkürzen sollen in Zukunft Operationen auch „on the move“, also in der Bewegung möglich sein. Es gibt praktisch keinen Stillstand in einer Feuerstellung mehr. Lediglich zum Aufmunitionieren muss das Fahrzeug untergezogen werden. Und hier zeigte KMW live und im scharfen Schuss erstmalig, dass dies funktioniert. So schoss die RCH 155 aus der Fahrt. Auf Nachfrage bestätigte KMW, dass dies derzeit bei Geschwindigkeiten bis zu 30 km/h möglich ist. Die maximale Geschwindigkeit sei noch nicht ermittelt. Das Wirken in der Bewegung ist keine Nutzerforderung. Bundeswehr-Vertreter vor Ort bestätigten jedoch, dass man zum Zeitpunkt der Festlegung der Fähigkeitsforderungen über so eine Option gar nicht nachgedacht hat. Es gibt weltweit keine Haubitze, die diese Fähigkeit bisher öffentlich demonstriert hat, damit war dieser Schuss eine wirkliche Weltpremiere.

Die RCH 155 demonstrierte, wie sie in der Bewegung Ziele bekämpfen kann. Damit ist sie weltweit das erste System, das diese Fähigkeit nachgewiesen hat.

Im Stand kann die RCH 155 bis zu neun Schuss in 60 Sekunden abfeuern (PzH 2000: 10 Schuss). Ein Manko des Systems, es kann nur 30 Geschosse und entsprechende Treibladungen aufnehmen, also halb so viel wie die PzH 2000. Damit ist von Anfang an ein logistisches System zu integrieren. KMW bietet hier auf BOXER- und LKW-Basis ein entsprechendes „Munitionsfahrzeug“ an. Dieses verfügen über einen Roboterarm, der vollautomatisch das Nachfüllen übernimmt. RCH 155 und Logistikfahrzeug müssen nur Heck an Heck geparkt werden. Zwischen fünf und acht Minuten soll es dauern, bis nachmunitioniert wurde.

Die RCH 155 bietet so ein „hochflexibles Indirect Fire Asset“, so KMW. Dabei ist das System nichts von Grund auf Neues, hier wurden nur bekannte Forderungen und Fähigkeiten in einem ausgereiften Artillerie-System zusammengeführt. In Zukunft sollen die Soldaten noch mehr durch Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik unterstützt werden. Dies soll durch ein Crew Assistance System umgesetzt werden.

Dank des BOXER-Fahrmoduls ist die RCH 155 extrem geländegängig und auch geschützt (Level 4). Das AGM und vergleichbare Systeme werden auch auf LKW angeboten, diese sind jedoch weniger mobil, weniger geschützt und benötigen nach Aussage aller auch mehr Zeit in der Feuerstellung. Mit einer LKW-Plattform kann nur aus dem Stand geschossen werden. Es bedarf jedes Mal der Nutzung von Stützen, um das Fahrzeug zu stabilisieren. Weniger Schutz bedeutet auch größere Abstände zur Kampfzone und zum Ziel und damit eine noch geringere Reichweitenüberlegenheit. KMW beziffert den Unterschied mit mindestens 8 km. Zudem soll es dabei auch einen erheblichen Unterschied beim Munitionsansatz geben – aufgrund der Streuung über die längere Distanz. Das LKW-Geschütz braucht für den gleichen Feuerauftrag mehr Munition, laut KMW macht das bis zu € 1 Millionen bei nur einem Feuerauftrag aus.

Die RCH 155 kann 360° wirken und benötigt keine Stützen. Dies macht den Bekämpfungsvorgang deutlich schneller und bedeutet damit gleichzeitig einen erhöhten Eigenschutz. Die RCH 155 kann bis zu neun Schuss in 60 Sekunden abgeben.

Die Bundeswehr plant den Ausbau seiner Artilleriekräfte. Rund 120 PzH 2000 sind in Nutzung. Nach aktuellen Plänen sollen diese durch 120 Radhaubitzen-Systeme ergänzt werden. KMW will Anfang 2022 mit der firmenseitigen Qualifizierung abgeschlossen haben. Die Truppe hofft auf den Beginn der Einführung eines entsprechenden Radhaubitzen-Systems ab 2028/30. Im Raum steht, es es sich zu einer multinationalen Beschaffung entwickeln kann, so sucht auch Großbritannien nach einem entsprechenden System sowie weitere befreundete Staaten.

Beeindruckt waren die anwesenden Nutzer auch von den „Hunter-Killer-Eigenschaften“ der RCH 155. KMW zeigte vor Ort im scharfen Direkt-Beschuss wie es um die Verteidigungsfähigkeit des Systems bestellt ist. So wurde ein Hartziel auf 500 m in kürzester Zeit bekämpft. Hinzu kommt die FLW 200 als neue Selbstverteidigungswaffe gegen nicht gehärtete Ziele.

Der General der Infanterie nannte die RCH 155 ein „zukunftsfähiges System“.

Den Anforderungen des dynamischeren Gefechtsfeldes will KMW mit dem ic2 Artillerie gerecht werden. Dieses setzt sich aus einer taktischen Karte (T-MAP), TEMA (Threat Evaluation Mission Assignment) und der Kommunikation zusammen. Dabei ermöglicht T-MAP die taktische Planung, das Tracken eigener und gegnerischer Kräfte, Navigation sowie ein Kartentool. TEMA ist für die flexible Planung und Verteilung von Kampfaufträgen und Stellungsänderungen, Planung individueller Aufgaben für Sensoren (Überwachung, Beobachtung und Auswertung des Kampfes, Einschießen, …), Bekämpfung von dynamischen Zielen in Bewegung sowie die Überwachung des Aufgabenstatus in Echtzeit zuständig. Auch das Munitionsmanagement soll durch TEMA übernommen werden.

Im Fahrschulgelände stellte die RCH 155 ihrer extreme Geländegängigkeit unter Beweis.

PuBo (RCT 30)

Beim Radschützenpanzer PuBo wurde der PUMA-Turm mit dem BOXER-Fahrgestell kombiniert. Zwei bereits in der Nutzung befindliche Systeme. Ersatzteile, Sonderwerkzeuge, technische Dokumentation und auch die Ausbildung, alles ist in der Truppe schon vorhanden. Daher das technische Risiko minimal. Neu ist die Fähigkeit zur Abwehr von Drohnen, im Sinne der Fliegerabwehr.

Dabei kommt das C-UAV ohne Integration von großen, aufwendigen und weitreichenden Sensoren wie Radaren, etc. zur Zielaufklärung aus. Genutzt werden die vorhandenen Periskope des PUMA-Turms sowie ein kleiner passiver Sensor. Hinzu kommt eine Software-Anpassung, um die Air-Burst Munition neben Landzielen auch gegen Luftziele einsetzen zu können. Verbaut wurde ein kleiner RF-Sensor der Firma Dedrone aus Kassel. Bei der Vorführung wurden die kleinen Drohnen bis zu Entfernungen von 1.500 m detektiert und verfolgt, die Bekämpfung erfolgte dann bei rund 250 m. Der RF-Sensor ist für die dauerhafte 360°-Aufklärung zuständig, sobald er etwas entdeckt hat, übergibt er das Ziel an das Periskop. Dabei ist das Periskop des Kommandanten besser geeignet als das des Richtschützen. Die Sensoren können auch Schwärme detektieren und verfolgen, die Bekämpfung muss aber nacheinander erfolgen.

Mit der RCT 30 wurde die neue C-UAV Fähigkeit demonstriert.

KMW regt an, in Zukunft auch Teile des Luftlagebildes der Luftwaffe ins Gesamtsystem zu integrieren, um das Fahrzeug noch frühzeitiger und besser warnen zu können. Daher soll ein Sensorverbund über die Softwareunterstützung entstehen. Dazu ist man mit der ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH im Gespräch. Wichtig ist dabei zu verstehen, dass es sich dabei um eine erweiterte qualifizierte Fliegerabwehr handelt, nicht um die Flugabwehr und ihre Fähigkeiten, die durch die Luftwaffe gestellt wird.

Diese Lösung ist damit natürlich auch beim SPz PUMA möglich. Aber jede Neuintegration – selbst so eine kleine – wirft immer die Fragen nach vorhandenem Platz und der Platzierung der vorhandenen Antennen auf. Kommt es dabei zu Interferenzen, oder wie reagiert das System auf den Jammer?

Um die C-UAV Fähigkeit nachzurüsten bedarf es nur dem passiven RF-Sensor (sandfarben). Außerdem kommt das vorhandene Kommandanten-Periskop zum Einsatz.

MGCS

Auch das Thema Main Ground Combat System (MGCS) wurde angesprochen. Hierbei werden Manned-Unmanned Teaming (MUM-T) Fähigkeiten zusammen mit dem Robotik-Spezialisten Milrem Robotics entwickelt. So könnten die Unmanned Ground Vehicle (UGV) dem eigentlichen Kampffahrzeug voraus als Schutz- oder Aufklärungskomponente eingesetzt werden, oder zur autonomen Versorgung mit Munition.

KMW ist dabei wichtig, dass zum Einsatz keine externe Infrastruktur benötigt wird, alle Systemkomponenten sind auf den Fahrzeugen verbaut. Daher braucht es für den Einsatz zum Beispiel kein externes Kommunikationsnetzwerk, die Kommunikationsmittel an Bord müssen ausreichen. Auch eine Schwarmfunktion ist angedacht. Außerdem strebt KMW an, den MGCS-Gefechtswert als Komplettsystem zu betrachten, inkl. Logistik, UGV und Support. Dies soll zur Verbesserung der Gesamtfähigkeiten und Performance führen. Als Vorbild und Beispiel gilt eine Carrier Strike Group (CSG) der Marine, nur dann als Combat Strike Group (Land). Hier geht KMW als Ideengeber ganz neue Wege. Zudem geht es auch hier um die größtmögliche Automatisierung, um Personal einzusparen und die Crew zu entlasten, Kampf aus der Bewegung, eine 360°-Bekämpfungsfähigkeit, erhöhte Hunter-Killer-Fähigkeiten, voll digitalisierte NABK (NATO Armament Ballistic Kernel) für eine maximale Munitionsflexibilität, Einbindung Künstlicher Intelligenz, einen modularen Schutz mit aktiven, reaktiven und passiven Systemen sowie minimale Lebenswegkosten.

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