Zielfeld 2030+ für Deutsche Landstreitkräfte (Vorläufige) Operative Leitlinien des Heeres

26/10/2021

Von Generalleutnant Alfons Mais, Inspekteur des Deutschen Heeres

Unsere drei Heeresdivisionen mit jeweils knapp 15.000 Soldaten sind komplexe Großsysteme und sie müssen gerade in der Krise funktionieren, möglichst ohne Lücken und fehlende Fähigkeiten. Als große Nation in der Mitte Europas wird unser Beitrag für die Sicherheit Europas benötigt. Für die Landstreitkräfte wollen wir die Rolle als Anlehnungspartner im europäischen Kontext wahrnehmen, um mit unseren europäischen Partnern einen effektiven Beitrag zur Abschreckung und damit zur Sicherheit Europas zu leisten. Darauf basiert unser Beitrag zum Schutz unseres Staates und seiner Bürgerinnen und Bürger und zur Wahrung unserer Wertevorstellungen. Dabei gilt: Krisensituationen entstehen mit hoher Dynamik und haben meist kaum Vorwarnzeit.

„Nur wer sich am anspruchsvollsten Auftrag ausrichtet, hat das Beste getan, auch Unvorhergesehenes zu bewältigen.“ Von Generalleutnant Alfons Mais, Inspekteur des Deutschen Heeres. (Foto: Bundeswehr/Heer)

Es ist der berechtigte Anspruch der Politik an deutsche Landstreitkräfte, militärische Handlungsoptionen für Krisenlagen aufgezeigt zu bekommen. Dafür sind wir da. Ziel ist, dass wir auch weiterhin unsere Aufgaben als verlässlicher Bündnispartner erfüllen können. Nur als sprichwörtlich „starke Truppe“ mit moderner Führungsausstattung werden wir aber den Ambitionen der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik gerecht werden können.

Die Tradition „Operativer Leitlinien“ im Heer

Eine neue Austarierung der Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) als dem anspruchsvollsten Einsatz unserer Landstreitkräfte und dem Internationalen Krisenmanagement (IKM) als dem wahrscheinlichsten ist erforderlich. Wir stehen damit erneut in einer Zeit, in der uns die sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen in Europa und technologische Entwicklungen dazu zwingen, unser Denken und Handeln an diese Entwicklungen anzupassen. Ich hatte daher bereits im letzten Jahr die Erarbeitung von „Operativen Leitlinien des Heeres – Zur Zukunft deutscher Landstreitkräfte 2030+“ (OpLL LaSK) beauftragt. Darin werden die Grundsätze und Vorgaben zur Zukunft deutscher Landstreitkräfte 2030+ beschrieben. Sie wurden kürzlich anlässlich der Generalstagung Ende September 2021 den Generalen des Heeres vorgestellt.

Um eine etwaige Anpassung nach der Herausgabe „Operativer Leitlinien für den dimensionsübergreifenden Einsatz der Streitkräfte“ durch das BMVg im Frühjahr 2022 zu vereinfachen, habe ich die „Operativen Leitlinien des Heeres“ gegenwärtig noch mit dem Zusatz „vorläufig“ in Kraft gesetzt.

Kurzbroschüre zu den OpLL LaSK: Hauptaussagen für die Öffentlichkeit und den politischen Bereich zum schnellen Erfassen der Kernbotschaften.

Ein nachvollziehbarer militärischer Ratschlag

Die „Operativen Leitlinien des Heeres“ formulieren einen Zielkorridor, der für 2030+ in Bezug auf die Landstreitkräfte die Wahrung unserer Ambitionen ermöglicht. Ein klarer und nachvollziehbarer militärischer Ratschlag. Der Weg bis dorthin ist noch lang.

Umso wichtiger ist deshalb, die an den Potenzialen erwartbarer Gegner ausgerichteten und damit militärisch gebotenen Entwicklungsziele des Heeres auch mit finanzieller Unterfütterung verlässlich zu gewährleisten. An diesem Punkt sind wir derzeit noch nicht. Modernisierung und Digitalisierung unserer Führungsfähigkeit muss in den kommenden Jahren unsere absolute Priorität sein.

Auswirkungen der Vorgaben des Generalinspekteurs der Bundeswehr auf das Heer

Seit Frühjahr 2021 wurden Entscheidungen auf Leitungsebene eingeleitet, die darauf abzielen, die Führungsstruktur zu verschlanken, die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr zu verbessern und die Beschaffung von Material und Ausrüstung zu beschleunigen. Die Umsetzung im Heer bedeutet ein schrittweises Vorgehen auf drei Achsen unter dem Motto: „Organisiere Dich, wie Du kämpfst!“

Einerseits wird der materielle und strukturelle Einstieg in den Fähigkeitsaufbau des Dreiklangs leichter-mittlerer-schwerer Kräfte im Heer geschaffen. Mit der Einordnung dieser Kräfte in die Gliederung des Heeres werden gegenwärtige Fähigkeitslücken geschlossen und perspektivisch die Einsatzbereitschaft einer nationalen Division als Rahmen für multinationale Beiträge gestärkt.

Im Hinblick auf die Verbesserung der Kohäsion, die für eine adäquate Reaktionsfähigkeit unabdingbar ist, wird mit der geplanten Unterstellung der Fähigkeitskommandos ABC-Abwehr, Feldjägerwesen und CIMIC ein großer und wichtiger Schritt vorgenommen. Der Unterstellungswechsel der Fähigkeitskommandos sollte daher möglichst zügig im nächsten Jahr erfolgen, um signifikante Schnittstellen von außerhalb in das Heer unter einheitlicher Führung zu verlagern.

Fragen der logistischen und sanitätsdienstlichen Unterstützung der Landstreitkräfte sind unverändert offen und bedürfen der fortgesetzten Prüfung, streitkräfteweiten Abstimmung und Untersuchung.

Bei der Anpassung der Führungsorganisation geht es neben dem Umbau des Kommandos in Strausberg, das zukünftig bei Bedarf auch eine Führungsfunktion in der Dimension Land wahrnehmen soll, vor allem um die Ausgestaltung eines Systemhauses Land, welches Konzeption, Weiterentwicklung, Ausbildung und in der Zielvorstellung auch Aufgaben der Nutzung unterhalb des KdoH für die Dimension Land bündeln soll. Das Design dieses Systemhauses wird ganz wesentlich davon abhängen, welche Untersuchungsergebnisse und Entscheidungen zum Thema Nutzung erzielt bzw. getroffen werden.

Ein ausgeglichener, skalierbarer Fähigkeits- und Kräftemix deutscher Landstreitkräfte bietet der Politik Handlungsoptionen.

Die Vorgaben des Generalinspekteurs und die (Vorläufigen) Operativen Leitlinien des Heeres im Verhältnis zueinander

Beide Ansätze, obwohl für unterschiedliche Zeit- und Wirkungsebenen angelegt, ergänzen sich gegenseitig. Obwohl nicht aus derselben Hand stammend, haben Sie dieselbe Wurzel: LV/BV wird wieder planungsleitend und strukturbestimmend, IKM gleichzeitig sichergestellt.

Wer nicht innerhalb von Tagen mit kohäsiven, flexiblen und eskalationsfähigen einsatzbereiten Kräften auf Großverbandsebene reagieren kann, leistet keinen Beitrag zur Abschreckung, kommt im Bedarfsfall zu spät und hat keine tauglichen Instrumente, den Verlauf einer krisenhaften Entwicklung zu beeinflussen. Wirksamkeit und Durchsetzungsfähigkeit im Gefecht – also Effektivität – muss folglich wieder entscheidendes Kriterium für die Struktur von Streitkräften werden. Nur so hat auch das vom Generalinspekteur der Bundeswehr geforderte „Mindset LV/BV“ unseres Personals eine realistische Chance, sich zu entwickeln.

Dies bedeutet auch, dass die Truppenführer in einer Hand über alle für die LV/BV notwendigen Fähigkeiten im ausreichenden Umfang und mit Anspruch auf Überlegenheit auf dem Gefechtsfeld verfügen (müssen). Und das bereits in der Grundgliederung auf Verbands- und Großverbandsebene, ohne diese bei Bedarf erst aus den gesamten Streitkräften zusammenführen zu müssen. Das Ziel ist, jedem Bataillon, jeder Brigade, jeder Division sein eigenes Material, sein Personal und seine moderne Vollausstattung zur Verfügung zu stellen. Nur so lässt sich die erforderliche Kaltstartfähigkeit verlässlich garantieren.

Die Vorgaben des BMVg in diesem Frühjahr benennen dazu naheliegende Meilensteine und deren Erarbeitung zunächst bis in das Jahr 2025, die OpLL LaSK dagegen definieren Zielzustände für die LaSK 2030+. Somit gestalten die Vorgaben des BMVg unmittelbare Handlungsschritte nach vorn, während die OpLL LaSK aus der entgegengesetzten Bewegungsrichtung auf unsere kommenden Entscheidungen in Bezug auf Doktrin, Struktur und Beschaffungssteuerung einwirken. In diesem Sinne ergänzen die OpLL LaSK die Vorgaben des Fähigkeitsprofils und operationalisieren diese auf unserer Ebene.

Entscheidende Größe des eigenen Anspruchs: die Potenziale erwartbarer Gegner.

Gegnerpotenziale als Maßstab eigener Fähigkeiten

Die entscheidende Größe für die Entwicklung deutscher Landstreitkräfte mit Blick auf 2030+ sind die Potenziale erwartbarer Gegner. Das zugrundeliegende künftige Konfliktbild wurde 2020 mit Bezug auf die LV/BV durch den Generalinspekteur der Bundeswehr bestimmt, eine regelmäßige Aktualisierung ist zu erwarten.

Darauf aufbauend werden in den OpLL LaSK sechs „gestaltende Prinzipien für starke deutsche Landstreitkräfte“ verankert, die Geist, Können und Haltung der Soldatinnen und Soldaten im Heer prägen:

_Deutsche LaSK führen mit Auftrag und wertebasiert!

_Deutsche LaSK werden „aus einer Hand“ geführt!

_Deutsche LaSK bestehen im Kampf!

_Deutsche LaSK verfügen über einen Fähigkeitsmix!

_Deutsche LaSK sind interoperabel!

_Deutsche LaSK sind innovations- und anpassungsfähig!

Die „Operative Funktion“ deutscher – nach diesen Prinzipien gestalteter – Landstreitkräfte wird durch kohäsive Großverbände, mit organischen Elementen der Führungs-, Kampf-, Einsatzunterstützung sowie Sanitätskräften, einschließlich entsprechender Reserven erfüllt, um aus dem Stand heraus den Anforderungen an skalierbarer Reaktionsfähigkeit und Durchsetzungsfähigkeit vor allem im Rahmen der Bündnisverteidigung auch perspektivisch gerecht zu werden. Diese Funktion muss „kaltstartfähig“, aber auch nachhaltig erfüllt sein; andernfalls bliebe sie wirkungslos, weil sie vom Gegner auf der Zeitachse unterlaufen würde. Das gilt gleich für alle Bereiche unserer Einsatzbereitschaft, die durch die bekannten Größen Ausrüstung, Ausbildung, Organisation und Personal bestimmt werden.

Die OpLL LaSK benennen logisch voneinander abhängige Teil- und Zwischenziele im Sinne von Operationslinien, die sich in die Gesamtausrichtung deutscher Streitkräfte einpassen. Nach innen gerichtet werden die OpLL LaSK für unsere Führer aller Ebenen Vorgabe und Richtschnur für die Gestaltung ihres Verantwortungsbereichs, insbesondere für die Ausbildung, Erziehung, kurzum für die Prägung ihrer Soldatinnen und Soldaten. Denn uns allen ist eines klar: Eine motivierte, von ihrem Auftrag und Handeln überzeugte Truppe ist unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Gestaltung der Zukunft.

Nach außen, auch in den politischen Raum hinein, sind die OpLL LaSK militärischer Ratschlag zur Ausgestaltung der LaSK und zur Zusammenarbeit über Dimensionsgrenzen hinweg. Sie identifizieren Handlungsbedarf sowohl in struktureller, prozessualer als auch materieller Hinsicht und lassen mit Hilfe von Zielbestimmungen für 2030+ auch erkennen, wo heute und in nächster Zukunft Defizite zu beheben sind. Denn nur im Verbund einer gut ausgebildeten und motivierten Truppe mit durchsetzungsfähiger, gefechtstauglicher Ausrüstung werden wir gemeinsam in einem zukünftigen Konflikt, gleich welcher Art, bestehen können. Die Befähigung zu IKM, Amtshilfe und zu allen weiteren gesamtgesellschaftlichen Verteidigungsanstrengungen folgt daraus.

Weiterer Unterstützungsbedarf

Zum Erreichen der Zielvorgaben des Heeres ist eines klar: Dazu braucht es eines auf der Zeitachse kontinuierlich abgesicherten Ressourceneinsatzes, um die Modernisierung und vor allem Digitalisierung unserer Landstreitkräfte nach vorne zu tragen. Dies leitet sich aus den sicherheitspolitischen Erfordernissen, der aktuellen Bedrohungslage und der konzeptionellen Auftragslage konkret ab.

Allumfassend bedarf es in der Umsetzung und vor allem Weiterentwicklung unserer Operativen Leitlinien vor allem der Unterstützung und Mitwirkung weiterer Entscheidungsträger in Militär, Wissenschaft, Industrie, Politik und Gesellschaft mit dem gemeinsamen Ziel, in aller Konsequenz in unterschiedlichen Krisen die Handlungsfähigkeit Deutschlands zu wahren. Um sich durchsetzen zu können, wenn es nötig wird.

Eine fünfseitige Zusammenfassung der Kerninhalte der Operativen Leitlinien des Heeres ist auch öffentlich im Internet zugängig (Suche nach Schlagwort: „Operative Leitlinien und Landstreitkräfte“).

Stefan Nitschke

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