In Geiselhaft

05/11/2021

In Deutschland und vielen anderen europäischen Staaten wächst die Sorge vor einer „Gaskrise“. Die Preise für Erdgas steigen kontinuierlich und verursachen große Schwierigkeiten in weiten Teilen der Abnehmerschaft. Besonders schlimm trifft es Großbritannien – trotz eigener großer Gasreserven in der Nordsee. Hinzu kommt, dass die steigenden Energiepreise ein Grund dafür sind, dass die Inflation bedenklich anwächst. Der Gaspreis gehört zu den Inflationstreibern in der Europäischen Union, so das Statistikamt der EU, Eurostat, in Luxemburg. Der Preis für Erdgas pro Megawattstunde (MWh) erhöhte sich am virtuellen Handelsplatz Title Transfer Facility (TTF) in den Niederlanden, einem der wichtigsten Gasterminmärke, von €17 am 4. Januar 2021 auf zuletzt mehr als €72. Das ist ein Rekord-Anstieg von mehr als 320%.

Gründe für den Preisanstieg gibt es einige. Die boomende Nachfrage nach Erdgas in Asien – und hier vor allem der rasant wachsende Bedarf Chinas – führt dazu, dass die erzeugten Gasmengen bei den Lieferländern (darunter Russland und der Iran) nicht mehr ausreichen. Denn Chinas Produktion aus eigenen Gasfeldern reicht bei weitem nicht aus, um den rasant gestiegenen Eigenbedarf zu decken.

Die Verknappung von Rohstoffen ist kein Novum. Die Volksrepublik China gerät regelmäßig in die Schlagzeilen, wenn die eigenen Ressourcen nicht mehr ausreichen, um den eigenen Bedarf zu decken. Das führt regelmäßig zu Engpässen auf den Weltmärkten. Wir erinnern uns, die „Seltenerden-Krise“, die sich schon vor dem Beginn der Bankenkrise abzeichnete und bis vor sechs oder sieben Jahren zu einem Wirtschaftskrieg zwischen China und den Vereinigten Staaten führte, wurde durch einen exorbitant gestiegenen Bedarf Chinas hervorgerufen. China, das über die weltweit höchste Produktion von Seltenen Erden und ihren Zwischenprodukten verfügt, hatte seinerzeit Exporte in viele westliche Abnehmerländer, darunter die USA, stark eingeschränkt, wenn nicht sogar unterbunden. Ein dramatisch gestiegener Eigenbedarf war nicht der einzige Grund dafür, dass Ausfuhren an Konzentraten und Zwischenprodukten eingeschränkt wurden und der Weltmarkt über einen längeren Zeitraum vor dem Ausverkauf stand. Damit kommt – was die vor allem in Europa sich abzeichnende Gaskrise anbelangt – ein weiterer Grund ins Spiel: künstliche Verknappung. Das vergessene Risiko der Seltenen Erden lehrt uns, dass mit künstlich verknappten Gaslieferungen – aus Russland – ein gewaltiger politischer Druck ausgeübt werden kann.

Flüssiggas als Diversifizierung: Polen hat 2019 über seine neue Regasifizierungsanlage in Świnoujście erstmals mehr Erdgas in Form von LNG importiert als über die Pipeline aus Russland. (Foto: PORR S.A./TGE Gas Engineering)

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte unlängst davon gesprochen, dass die Gaslieferungen nach Deutschland wegen der noch nicht in Betrieb genommenen Erdgaspipeline Nord Stream 2 eingeschränkt sind. „Das müsse nicht sein“, so Putin Mitte Oktober. Statistischen Erhebungen zufolge haben sich die russischen Erdgaslieferungen nach Europa seit Ende 2020 deutlich verringert. Deutschland hatte im Jahr 2020 Erdgas im Umfang von rund 56,3 Mrd. aus russischen Fördergebieten bezogen. Der Bezug russischen Erdgases erfolgt seit 1999 zum einen durch die Jamal-Europa-Pipeline (Kapazität 33 Mrd. m3) und das Ukraine-Leitungssystem (Kapazität 120 Mrd. m3) und zum anderen über die zwei bestehenden und derzeit nicht ausgelasteten Stränge der Nord Stream 1-Pipeline. Seit der Fertigstellung des zweiten Strangs im Jahre 2012 verfügt die Pipeline über eine Gesamttransportkapazität von jährlich bis zu 55 Mrd. m3 Erdgas. Damit können Verbraucher in Deutschland, Dänemark, im Vereinigten Königreich, in den Niederlanden, Belgien, Frankreich, in der Tschechischen Republik und weiteren Ländern in der EU versorgt werden. Russland ist seit Jahren der weltweit größte Exporteur von Erdgas; im Jahr 2019 waren es 260,9 Mrd. m3. Dass die lange umstrittene Ostseepipeline Nord Stream 2 – wie jede andere zusätzliche Pipeline – gut für den europäischen Markt sei, betonte unlängst der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder. Aber: „Je mehr Bezugsquellen und Lieferwege wir haben, umso besser ist es für die EU, aber vor allem für den Endkunden. Denn je besser das Angebot ist, umso niedriger sind die Preise“, so Schröder weiter. Inzwischen hat der russische Präsident den Staatskonzern Gazprom angewiesen, die Lieferungen nach Deutschland und Österreich zu erhöhen, sobald die unterirdischen Speicher in Russland aufgefüllt sind. Das könnte nach dem 8. November erfolgen, so Gazprom-Chef Alexej Miller.

Vielen ist nicht bekannt, dass Deutschland mit mehr als 72 Mrd. m3 (2020) selbst zu einem der größten Ausfuhrländer von Erdgas gehört. Die Niederlande, die in der südlichen Nordsee und nahe Groningen über bedeutsame Erdgasreserven verfügen (rund 1.090 Mrd. m3), führten 47,7 Mrd. m3 Erdgas aus, davon mehr als 40% nach Deutschland.

Diese Ausgangslage führt zu der Erkenntnis, dass es einer möglichst breiten Diversifizierung der Bezugsquellen bedarf. Der kaspische Raum (südlicher Korridor), so der Monitoring-Bericht des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie zur Versorgungssicherheit bei Erdgas vom Februar 2019, komme hierbei als Lieferquelle für Europa und Deutschland in Betracht. Der Bericht präzisiert, dass auch Turkmenistan, eventuell auch der Irak und der Iran, mittel- und langfristig Gas nach Europa liefern könnten. Weitere Vorkommen im östlichen Mittelmeerraum vor den Küsten Ägyptens, Griechenlands, Israels und Zyperns müssten ebenfalls für eine künftige Versorgung Deutschlands und Europas in Betracht gezogen werden.

Eine möglichst breite Diversifikation der Bezugsquellen wird schon seit Jahren gefordert. Mit Flüssiggas – oder kurz LNG für Liquefied Natural Gas – könnten Abhängigkeiten von einzelnen Bezugsquellen (Russland) vermindert werden. Hier aber hat Deutschland eine Entwicklung verschlafen. In Deutschland spielt LNG praktisch keine Rolle. Der Aufbau eigener LNG-Häfen wurde bereits in den 1990er Jahren angemahnt. Wilhelmshaven wurde seitdem als der ideale Standort in Deutschland für einen Flüssiggasterminal betrachtet. Der LNG-Importterminal bleibt jedoch Fiktion. Hinzu kommt, dass deutsche Energiekonzerne den Bau eines Importhafens für amerikanisches Flüssiggas „auf Eis“ legten, nämlich zu einem Zeitpunkt, als der amerikanische Präsident Donald Trump, vehementer Kritiker der Ostseepipeline Nord Stream 2 und einer steigenden Abhängigkeit Deutschlands von russischem Gas, noch im Amt war. Die EU-Kommission aber legt seit Jahren ihren Mitgliedsländern nahe, ihre Erdgasversorgung durch den Bau von LNG-Importterminals zu diversifizieren. Damit könne der Rückgang der Lieferungen aus heimischer Produktion und aus angestammten Lieferländern kompensiert werden. Ansonsten könne es bis 2028 zu einer noch dramatischeren Versorgungslücke führen. Polen, das einen eigenen neuen LNG-Terminal nordöstlich der bestehenden Hafenanlagen an der Świna in Świnoujście (Swinemünde) aufbaut, hat somit eine längst erforderliche Diversifikation seiner Bezugsquellen eingeleitet. Das Konsortium PORR S.A./TGE Gas Engineering baut hier bis 2023 das LNG-Terminal und weitere Anlagen am Hafen von Świnoujście zum Be-/Entladen und Betanken von Schiffen mit Flüssiggas aus. Das Terminal ist für die Wiederverdampfung von bis zu 5 Mrd. m3 Erdgas pro Jahr, mit der Möglichkeit der Erhöhung der Kapazität auf bis zu 7,5 Mrd. m3, ausgelegt. Weitere EU-Länder wollen neue LNG-Kapazitäten errichten oder bestehende Anlagen erweitern. So plant Lettland vor der Bucht von Riga ein schwimmendes Terminal zur Regasifizierung. Über das zusammenwachsende baltische Gasnetz sollen dann auch Estland und Lettland versorgt werden. Weitere Lieferungen für das Baltikum könnten über ein LNG-Terminal fließen, das Finnland in der Hafenstadt Hamina baut.

Von fehlenden Strategien und Konzepten für eine nachhaltige Rohstoffsicherung und -vorsorge sind die allermeisten Roh- und Vorstoffe betroffen. Das zeigt auch das aktuelle Beispiel Magnesium-Metall. Die Rohstoffrisikobewertung, vorgestellt am 23. Januar 2019 auf dem Industrieworkshop Magnesium (Metall) der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), zeigt ein hohes Länderrisiko, u. a. für China, das über die weltweit höchste Produktion verfügt. Vermehrt staatliche Eingriffe in den Bergbau und die Erzeugung von Metallvorstoffen, eine fortschreitende Konsolidierung des Magnesiummarktes und der Kampf gegen Überkapazitäten gelten als Gründe dafür, dass die Volksrepublik China schon jetzt von Kapazitäts- bzw. Produktionsverminderungen betroffen ist und droht, als verlässlicher Exporteur auszufallen. Obgleich die weltweiten Ressourcen als „nahezu unbegrenzt“ eingestuft werden und zur Erzeugung von Magnesium (Metall) eine Vielzahl von Vorstoffen genutzt werden können, um den steigenden Bedarf vor allem in der Automobilindustrie (Elektrofahrzeuge) und in der Luft- und Raumfahrt in hinreichendem Maße zu decken, fehlt es vielerorts an auf Langfristigkeit angelegten Konzepten für eine gesicherte Rohstoffsicherheit und -vorsorge. Besonders Deutschland ist davon betroffen.

Stefan Nitschke

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