MCDC – 20 Jahre multinationale Fähigkeitsentwicklung

23/11/2021

Zukünftige Herausforderungen sind gemeinsam einfacher zu meistern

Diesen Grundgedanken verfolgt auch die Multinational Capability Development Campaign (MCDC). Ziel ist es, unter dem strategischen Thema „Interoperability for Future Combined Joint Operations“ gemeinsam Fähigkeiten zu entwickeln, Partnerschaften zu stärken und die Effektivität multinationaler Operationen zu erhöhen. MCDC bietet eine unvergleichliche Plattform, um die gesteckten Ziele kooperativ mit multinationaler Expertise zu erreichen.

Was ist MCDC?

Die MCDC-Vorhabenserie hat ihren Ursprung im ersten streitkräftegemeinsamen Feldexperiment „MILLENNIUM CHALLENGE 2000“ der USA. Hier erkannte der U.S. Joint Staff, dass zukünftigen Herausforderungen im modernen Gefechtsumfeld nur mit einer globalen Interessengemeinschaft multinationaler Partner – auch außerhalb bestehender Verteidigungsbündnisse – begegnet werden kann. Es folgte eine Initiative mit der Zielsetzung, gemeinsame Konzepte und Vorschlägen für Fähigkeiten zu entwickeln, die den zukünftigen strategisch-operativen Bedarf der USA und ihrer möglichen Koalitionspartner bedienen. MCDC ist die Fortsetzung der Vorhabenserie Multinational Experiment (MNE) zur Konzeptentwicklung und experimentellen Überprüfung (Concept Development and Experimentation, kurz: CD&E), an der Deutschland seit 2001 beteiligt ist. Im Jahr 2012 wurde MNE auf Wunsch der USA in MCDC umbenannt. Damit wurde die bisherige Vorgehensweise (CD&E) im Grundsatz beibehalten, jedoch auf den zeitnahen Bedarf neu ausgerichtet und die Anwendung aller zweckmäßigen Methoden – einschließlich der klassischen Weiterentwicklung – ermöglicht.

Kollaborativer Ansatz

Was macht MCDC eigentlich aus? Viele Nationen und Organisationen stehen vor Herausforderungen bei der Entwicklung von strategisch-politischen Konzepten, die in der militärischen, meist materiell ausgerichteten Fähigkeitsentwicklung nachrangig betrachtet werden. Denn zu deren Bearbeitung stehen eigene Ressourcen meist nicht zur Verfügung. In Fällen, in denen mehrere Partner gleiche oder ähnliche Probleme identifiziert haben, bietet MCDC jedoch eine Möglichkeit, Kosten für die nationale strategisch-operative Streitkräfteentwicklung durch einen multinationalen Ansatz zu reduzieren. Denn eine Bündelung und Ressourcenteilung, die auf das Bearbeiten gemeinsamer Problemstellungen abzielt, bietet interoperable Lösungen „zum besten Preis“.

Capability Development?

Der ins Deutsche übersetzte Begriff Fähigkeitsentwicklung mag hier insofern irreführend sein, als dass aus MCDC in den seltensten Fällen unmittelbar für die Bundeswehr anwendbare Fähigkeiten, im Sinne der Konzeption der Bundeswehr, hervorgehen. Vielmehr werden bei MCDC gemeinsame Bedarfe formuliert und Entwürfe für zumeist nicht-materielle Fähigkeiten entwickelt, die in der Regel später national oder mit ausgewählten multinationalen Partnern spezifiziert werden müssen. Arbeitsergebnisse aus MCDC wirken sich in erster Linie auf die strategisch-politische und obere operative Ebene aus. Ergebnisse zur unmittelbaren, rein nationalen Umsetzung im materiellen Anteil des Fähigkeitsprofils der Bundeswehr sind nicht zu erwarten. Die multinationale Zusammenarbeit im Rahmen von MCDC kann dennoch überzeugende Erfolge vorweisen. Unter federführender deutscher Beteiligung entstanden in gemeinsamer Arbeit beispielsweise der wegweisende Ansatz des „Effects-Based Approach to Operations“ und des „Knowledge Development“, eine revolutionäre Umorientierung der NATO beim Thema „Information Operations“ und das heutige Verständnis von strategischer Kommunikation. Auch die Konzeption der vernetzten Sicherheit – der „Comprehensive Approach“ – hat ihre Wurzeln in der gemeinsamen multinationalen Projektarbeit.

Welche Rolle spielt Deutschland?

Deutschland beteiligt sich seit den Anfängen im Jahr 2001 an MCDC bzw. dessen Vorgängerprogrammen. Aktuell befindet sich MCDC im Bearbeitungszyklus 2021/22. Deutschland hat bei MCDC verschiedene Funktionen inne. Der Stellvertreter des Amtschefs des Planungsamtes der Bundeswehr ist Entscheider für Deutschland und legt den Grad der Beteiligung in den einzelnen Projekten fest. Dies erfolgt abgestimmt mit den Organisationsbereichen und Ressourcenämtern der Bundeswehr und im Auftrag der Abteilung Planung des Bundesministeriums der Verteidigung. In der Abteilung „Wissenschaftliche Unterstützung und Interoperabilität“ des Planungsamtes ist die nationale Vorhabenleitung für MCDC verortet. Von hier aus werden Routineaufgaben des Projektmanagements wahrgenommen und die deutsche Beteiligung im Einzelnen koordiniert.

(Copyright: HPM_Adobe Stock 44313779_ag visuell)

Welche Themen werden aktuell von MCDC bearbeitet?

Für den Bearbeitungszyklus 2021/22 wurden insgesamt neun Einzelprojekte bestimmt, von denen sich Deutschland an fünf mit verschiedenen Dienststellen aktiv beteiligt:

1.         Human Performance Modification,

2.         Multinational Integrated Cyber Fusion – Delivering the Fusion Centre,

3.         Future Lethality and Force Mix of Directed Energy Weapons,

4.         Multi-Domain – A Multinational Understanding und

5.         Medical Modular Approaches Employment [1]

Die deutsche Beteiligung erklärt an zwei Beispielen:

Human Performance Modification (HPM): Das HPM-Projekt wird von Deutschland geleitet, vertreten durch das German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS) an der Führungsakademie der Bundeswehr. Ziel des Projektes ist es, die gesamte Bandbreite der Maßnahmen zur Veränderung der Leistungsfähigkeit von Soldaten auf ihre Grenzen und Möglichkeiten hin zu untersuchen und multinationale Interoperabilitätsstandards zu entwickeln. Es soll einerseits einen Überblick aktueller Entwicklungen zu den leistungssteigernden Programmen und Technologien bieten, die in zukünftigen Einsatzumfeldern zum Einsatz kämen, und zum anderen Aspekte potentieller, von außen herbei geführter Leistungsminderung untersuchen. Teilweise kontrovers diskutiert werden z. B. Überlegungen, die Rekrutierung geeigneten, leistungsfähigen Personals mit HPM-Maßnahmen zu unterstützen sowie die Definition des neuro-kognitiven Spektrums als neue Dimension der Operationsführung. Von besonderer Bedeutung sind hier ethische und politische Fragen, die zur Zeit der Formulierung einheitlicher Rechtsstandards entgegenstehen. Ein multinationales Centre of Excellence für Human Performance könnte am Ende ein Vorschlag zur Förderung der Interoperabilität in diesem Bereich sein.

Multinational Integrated Cyber Fusion – Delivering the Fusion Centre (MNICF-DTFC): Unter Leitung der USA (U.S. Cyber Command) werden in diesem Projekt Grundlagendokumente zur Entwicklung und Implementierung einer so genannten Multinational Integrated Cyber Fusion-Befähigung erarbeitet. Darunter wird eine Architektur zum Austauschen, Verdichten und Analysieren von Informationen zu Cyberbedrohungen innerhalb einer (beliebigen) internationalen Koalition verstanden. Diese Architektur berücksichtigt bereits bestehende Ansätze aus der NATO und der EU, z. B. das Federated Mission Networking (FMN). Bis Ende 2022 sollen ein Informationsaustausch-Rahmenwerk, ein Test- und Evaluierungsplan sowie ein Qualifizierungs- und Ausbildungsplan für Personal, welches in einer MNICF-Architektur eingesetzt werden soll, erarbeitet werden. Eine zeitnahe Etablierung einer solchen MNICF-Architektur, in einer noch festzulegenden Koalition, als permanente Befähigung, birgt erhebliches Potential für die Verbesserung deutscher Cyber-Fähigkeiten. Die konzeptionellen Arbeiten versprechen zudem einen substantiellen Mehrwert für die Umsetzung anderer Projekte, wie beispielsweise den Aufbau des Cyber Information Domain Coordination Center (CIDCC), welches unter deutscher Federführung derzeit im EU-Rahmen vorangetrieben wird. Folgerichtig ist Deutschland bei MNICF maßgeblich an der Erarbeitung des Informationsaustausch-Rahmenwerkes beteiligt. Hierzu bildeten das Planungsamt und das Kommando Cyber- und Informationsraum ein Dienststellen-übergreifendes Team aus Fachexperten und -expertinnen. In regelmäßigen nationalen Besprechungen werden Beiträge erarbeitet, die deutsche Position abgestimmt und anschließend in die multinationale Workshop-Arbeit eingebracht.

MCDC bietet der nationalen, strategisch-operativen Fähigkeitsentwicklung eine Plattform, welche ganz selbstverständlich im Rahmen der Routineaufgaben wahrgenommen werden sollte, um zukunftsorientiert und kostengünstig die strategischen Zielvorgaben der Bundeswehr zu erreichen. Bei geeigneter Umsetzung werden die Ergebnisse der Projekte zukünftige multinationale Strategien und die Operationsplanung bereichern sowie die Weiterentwicklung nationaler und multinationaler Konzepte für den Einsatz, die Ausbildung und von Übungen unterstützen.

[1]  Das Spektrum der Projektarbeit wird schließlich ergänzt durch die Themen „Allies and Partners Experimentation Network“, „Climate Change – Global Security and Future Operations“, „Joint Personnel Recovery – Self-Evaluation Guide“ und „Space – Development of Doctrine and Education“, die von deutscher Seite teilweise als Beobachter begleitet werden.

Autoren: Oberstleutnant Peter Westenkirchner, PlgABw, Flottillenarzt Dr. Christian Haggenmiller, FüAkBw GIDS, und Oberstleutnant i.G. Stefan Eisinger, DEU FLO U.S. Joint Staff J-6/J-7

Stefan Nitschke

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