P-8A Poseidon – Fähigkeit am „high end“

15/05/2024

Luft , See

Maritime Patrol Aircraft – MPAs – sind unverzichtbar für moderne Seestreitkräfte. MPAs bieten die erforderliche Geschwindigkeit, Reichweite und Ausdauer oder Stehzeit, um ein Einsatzgebiet schnell zu erreichen und auch lange dort bleiben zu können. Mit ihren auf die Uboot-Jagd spezialisierten Sensoren können sie sowohl konventionelle als auch nuklear betriebene Uboote aufspüren und bei Bedarf mit eigenen Mitteln bekämpfen. Heutzutage sind MPAs zu deutlich mehr als zur Uboot-Jagd in der Lage. Mit ihren Sensoren können sie ein Überwasserlagebild exzellent aufbauen, halten und teilen. Es verdichtet kontinuierlich das Lagebild, indem es Radardaten mit elektromagnetischen Ausstrahlungen sowie Aufnahmen aus seinem Video- und Infrarotsensor übereinandergelegt. Acht Langstrecken-Aufklärungsflugzeuge des US-amerikanischen Typs P-8A Poseidon werden ab 2024 die mit Obsoleszenzen behaftete P-3C-Flotte der Deutschen Marine ablösen. Hierbei soll es sich gemäß der aktuellen Planungen um eine Zwischenlösung handeln, bis das deutsch-französische Projekt eines gemeinsamen Seefernaufklärungsflugzeugs – das „Maritime Airborne Warfare System“ (MAWS) – ab Mitte der 2030er Jahre von den beiden Vertragspartnern umgesetzt sein wird.

Die P-8A Poseidon zeichnet sich durch maximale Einsatzverfügbarkeit und technische Reife aus. Die weltweite P-8-Flotte von mehr als 160 Flugzeugen hat in den vergangenen zehn Jahren über 600.000 Flugstunden absolviert. Die Ähnlichkeit mit der zivilen Boeing 737-800, von der allein in Europa 1.600 Exemplare an Airlines ausgeliefert wurden, ermöglicht Zeit- und Kostenersparnisse bei Wartung und Training. Mit der P-8A profitiert die Deutsche Marine von einer starken Infrastruktur in Europa und weltweit. Mit Deutschland sind insgesamt neun Staaten P-8A-Kunden, darunter fünf Nato-Staaten.

Produktion erster P-8A hat begonnen

Boeing und Spirit Aerosystems haben mit der Produktion der ersten von insgesamt acht P-8A-Seefernaufklärern für Deutschland begonnen. Vertreter des BAAINBw, der Deutschen Marine und des deutschen P-8A-Industrieteams nahmen an der Zeremonie bei Spirit Aerosystems teil. Spirit Aerosystems ist für den Bau des Rumpfes der P-8A verantwortlich und liefert diesen zur Endmontage an Boeing Commercial Airplanes im US-Bundesstaat Washington. Anschließend installiert Boeing Defense, Space & Security (BDS) militärische Missionssysteme und ist für Tests vor der Auslieferung verantwortlich. Dr. Michael Haidinger, Präsident, Boeing Deutschland, sagte bei der Kiellegung des ersten Luftfahrzeugs am 4. April in Wichita im US-Bundesstaat Kansas: „Bei Wartung, Systemintegration und Training für Deutschlands zukünftige P-8A-Flotte setzen wir auf lokale Partnerschaften. Mit der ESG Elektroniksystem- und Logistik GmbH und Lufthansa Technik ermöglichen wir die Unterstützung der Flugzeuge vor Ort und tragen zur Wertschöpfung in Deutschland bei.“

Trainings-Dreizack für Poseidon: Lufthansa Technik legt den Grundstein zur P-8A-Qualifikation für die
Technikteams der Deutschen Marine. (Foto: Lufthansa-Technik)

Inzwischen hat Lufthansa Technik vor damit begonnen, erste Techniker:innen der Deutschen Marine für die Betreuung der P-8A zu qualifizieren. Im Rahmen der ersten Lehrgänge haben bereits mehrere Teilgruppen beim Tochterunternehmen Lufthansa Technical Training (LTT) ihre Praxistrainings für die Boeing 737NG, dem Grundmuster der P-8A, durchlaufen. Auch die ersten, darauf aufbauenden, „On-the-job“-Trainings bei Lufthansa Technik Budapest haben bereits begonnen. In deren Nachgang ist dann lediglich noch ein Differenzkurs erforderlich, um die militärische P-8A instand halten zu können. Die drei verschiedenen Trainings – Theorie, Praxis und On-the-Job – führt das Unternehmen im Unterauftrag des Flugzeugherstellers und Hauptauftragnehmers Boeing durch. Die ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH gehört ebenfalls zum deutschen Industrieteam.

Praxistraining gestartet

Im Rahmen des Praxistrainings für die Boeing 737NG (Next Generation) sammelt das technische Personal erste „Hands-on“-Erfahrungen und Qualifikationen im Rahmen der so genannten Line Maintenance (deutsch: Wartung), also in der technischen Betreuung während des täglichen Betriebs der Flugzeuge. In der Qualifikation der ersten 24 Techniker:innen der Deutschen Marine wird LTT dabei von ihrem langjährigen Kooperationspartner SunExpress unterstützt. Die Trainings wurden an verschiedenen Boeing 737NG der Ferienfluggesellschaft, einem Joint-Venture von Lufthansa Airlines und Turkish Airlines, an deren Wartungsbasis in Antalya durchgeführt. Für die nachfolgenden „On-the-job“-Trainings verlegt das Technikpersonal der Marine dagegen seit Ende Januar nach Ungarn. Da die Flugzeuge hierfür deutlich länger verfügbar sein müssen und besserer Zugang zu ihrer Struktur und ihren Subsystemen benötigt wird, ist für diesen Qualifizierungsschritt der Überholungsbetrieb von Lufthansa Technik Budapest verantwortlich. In einem Intensivkurs mit vorteilhaftem Betreuungsschlüssel – ein Trainer kommt auf gerade einmal vier Prüflinge – erlangt das Personal der Marine hier die notwendigen Qualifikationen für komplexere Arbeitsschritte inklusive der damit verbundenen Freigabeprozesse, beispielsweise für die Reparatur sowie den Wechsel verschiedener umfangreicherer Komponenten und Subsysteme der Boeing 737NG.

Durch die mehrstufigen Trainings von Lufthansa Technik auf der Boeing 737NG erwerben die Techniker:innen bereits zahlreiche grundlegende Qualifikationen für den zukünftigen Umgang mit der P-8A. Ein zusätzliches P-8A-Differenztraining schult anschießend die musterspezifischen Bestandteile und stellt den letzten Ausbildungsschritt dar. Zukünftig wird das aktuelle Ausbildungskonstrukt über das Grundmuster Boeing 737NG für die initiale Befähigung der Marinesoldaten von einem reinen P-8A-Typentraining abgelöst, welches alle Schulungselemente an der „Poseidon“ selbst vorsieht. Vor allem die praktisch orientierten Trainings können dann am Fluggerät der Deutschen Marine absolviert werden. Der für die Ausbildung des technischen Personals der Marineflieger, Fregattenkapitän Alexander von Schledorn, sagte: „Die frühzeitige Umschulung unseres Personals auf das Grundmuster 737NG ermöglicht es uns noch vor der Auslieferung der ersten P-8A erste Erkenntnisse zu sammeln und Erfahrung aufzubauen.“

Auftrag für zweite Nationale Ergänzungsstudie erteilt

Die German MAWS GbR – bestehend aus der ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH, HENSOLDT Sensors GmbH und Diehl Defence GmbH & Co. KG – hat am 25. April den Auftrag für die zweite Nationale Ergänzungsstudie für das deutsch-französische Vorhaben „Maritime Airborne Warfare System“ (MAWS) erhalten. MAWS verfolgt den Ansatz eines „System-of-Systems“ für die vernetzte Seefernaufklärung, Uboot-Jagd und Seezielbekämpfung. Diese erfolgen mittels bemannter und unbemannter Plattformen im Verbund mit Bodenstationen. Maßgeblich sind dazu Datenlinks zur Vernetzung sowie eine mittels künstlicher Intelligenz (KI) arbeitende Cloud-Lösung erforderlich, die zur Analyse der gewonnenen Sensordaten verwendet wird. Die Studie umfasst die Ausarbeitung konkreter Lösungsvorschläge für die deutschen Marineflieger (Analysephase Teil II, CPM-Prozess des BMVg) in Ergänzung zur Interimslösung P-8A Poseidon.

Die Lösungsvorschläge konzentrieren sich auf die Ausarbeitung von MAWS mit bemannten und unbemannten Luftfahrzeugen als Trägerplattform sowie auf die Bodenstationen. Ein weiterer Schwerpunkt der Studie ist die Vernetzung und Datenverarbeitung der verschiedenen Assets und Bodenstationen. Zu diesem Zweck soll eine „Maritime Warfare Cloud“ konzipiert werden, um Informationsautonomie und Datensouveränität zu garantieren. Ein Kernelement ist dabei die Gewinnung von Informationshoheit aus Teilinformationen mittels speziell dafür erstellter Software zur Datengewinnung und Analyse mittels KI. Da die Cloud-Sensordaten verarbeitet und im gesamten Systemverbund verfügbar macht, wird sie ein wesentlicher Bestandteil im MAWS sein. Durch die Erkennung der großen Datenmengen wird sie damit deutlich mehr als ein einfacher Datenspeicher sein. Mit dieser zukunftweisenden Technologie wird das Kooperationsprojekt MAWS die Deutsche Marine befähigen, den zu erwartenden sicherheitspolitischen Herausforderungen zu begegnen.

MAWS ein Teil von FCAS? Der deutsch-französische Projekt eines Seefernaufklärer kann als Führungsplattform
in der Nähe zum Operationsraum dienen, wenn eine strategische Kommunikation gestört ist – damit ist eine
Vernetzung über die Air Combat Cloud mit „Next Generation Fightern“ und auch unbemannten Systemen
vorgesehen. (Foto: HENSOLDT/Diehl Defence)

Stefan Nitschke

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