Stefan Nitschke

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Epizentrum Iran

Mit dem am 28. Februar begonnenen Militäreinsatz der USA und Israels gegen den Iran verbinden sich Hoffnungen, das Land in die Weltgemeinschaft zurückzuführen. Dennoch führten die Angriffe der Amerikaner und Israelis auf strategisch wichtige Ziele im Iran zu einer Welle von Vergeltungsmaßnahmen gegen den Staat Israel selbst und gegen Stützpunkte der US-Streitkräfte in den Goldstaaten. Befürchtet wird ein umfassender regionaler Konflikt, der sich auch auf die zivile Seeschifffahrt im Arabischen/Persischen Golf auswirken könnte, so dass die Öl- und LNG-Transportwege insbesondere nach Asien und Europa unterbrochen werden. Der in London ansässige Preis-Informationsdienst für den Handel mit chemischen Produkten und Energie – ICIS – stellt heraus, dass der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus praktisch zum Erliegen gekommen ist, wovon die Lieferungen insbesondere aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) betroffen sind. Analysen von ICIS zeigen, dass das Risiko anhaltender iranischer Störungen und eine mögliche Schließung der Straße von Hormus die Markterwartungen und das Preisverhalten verändern könnten. Die Rohölpreise könnten sich bei einer anhaltenden Schließung der Meerenge der Marke von 100 US-Dollar pro Barrel annähern oder diese sogar überschreiten.

Weitreichende Lenkflugkörper wie NASR-1 bilden eine wichtige Komponente der iranischen Küstenverteidigung. Der Marschflugkörper ist eine Kopie des chinesischen Seezielflugkörpers C-704, dessen Entwicklungsarbeiten bis in das Jahr 2005 zurückreichen.
Foto: IRGCN

Iranische Vorherrschaft: Der Iran sieht die Vorherrschaft in der Golf-Region als eine Triebfeder für sein aggressives Verhalten. Das totalitäre Regime in Teheran betrachtet die Region seit den frühen 1990er Jahren als Interessensphäre. Im April 2020 stellte der ehemalige Befehlshaber der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC), Generalmajor Hossein Salami, klar, dass „die Sicherheit des Persischen Golfs zu den strategischen Prioritäten des Irans gehört“. Das Regime in Teheranbetrachtet den Arabischen/Persischen Golf – und somit die Straße von Hormus – als ein Gebiet „von nationalem Interesse“. Irans Vormachtstellung werde hier weiter ausgebaut, um so zu einem wichtigen Akteur in der Golfregion zu werden. Der Iran verfolgt hierbei das Ziel, seine politischen, wirtschaftlichen und sonstigen Ziele unter militärischer Bedrohung durchzusetzen.

„Die größte Herausforderung ist ganz klar der Iran“, sagte Vizeadmiral Brad Cooper 2022 in einem Interview mit Naval Forces. Der Kommandeur des USCENTCOM/US Central Command(seit August 2025) sowie der Fünften Flotte und der Combined Maritime Forces (2021 bis 2024)betrachtet den Iran als eine aufstrebende Regionalmacht, die ihren Einfluss in der Region seit Jahren versucht vehement mit militärischen Mitteln auszubauen. Hierzu gehören auch asymmetrische Bedrohungen (etwa durch Irans Proxys im Jemen), die darauf angelegt sind, den Zusammenhalt der Staaten des Golf-Kooperationsrats (Gulf Cooperation Council; GCC) zu gefährden.

Die regionalen Ambitionen des Irans führen seit 1989 – dem Amtsbeginn des am 1. März bei einem israelischen Luftangriff getöteten Obersten Religionsführers, Ajatollah Ali Chamenei, zu der bis heute andauernden Bedrohung, die sich auf vielfältige Weise manifestiert: Da ist das Atomwaffenprogramm; die zunehmende Leistungsfähigkeit und Anzahl ballistischer Raketen, Marschflugkörper, unbemannter Luftfahrzeuge und so genannte „Kamikaze“-Drohnen; und der Einsatz dieser Waffensysteme durch iranische Stellvertreter (Proxys) in der gesamten Region des Nahen Ostens. Nichtsdestotrotz kann das Mullah-Regime kaum auf die Unterstützung durch seine Verbündeten Russland, China und Nordkorea hoffen. Zu diesem Ergebnis kommt PD Dr. Moritz Pöllath, Sicherheitsexperte, Historiker und Hochschuldozent an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Mit dem Militäreinsatz der USA und Israels gegen den Iran müsse die „Achse der Diktatoren“ als geschwächt angesehen werden. „Dass Irans Verbündete Russland, China und Nordkorea bisher nicht helfen, zeigt die begrenzten Ressourcen dieser Achsenmächte, wo Iran doch so ein wichtiger Verbündeter Russlands gerade im Krieg gegen die Ukraine ist“, so Pöllath in seiner jüngsten Buchveröffentlichung „Krieg 2027?“. Der Autor betrachtet zudem Europa als „bloßen“ Beobachter des Konfliktgeschehens, was im besonderen Maße darauf zurückzuführen sei, dass die Europäer – wie auch bei der diplomatischen Lösung des Russland-Ukraine-Kriegs – nicht mit einer Stimme sprechen.  

Die Überwasserflotte der Marine der Islamischen Republik Iran (IRIN) ist für die Bildung der ersten Verteidigungslinie im Golf von Oman verantwortlich. Abgebildet ist die leichte Fregatte/Zerstörer-Eskorte Jamaran (76) der Moudge-Klasse beim Abschuss eines in Lizenz gefertigten C-802 (NOOR-2)-Seezielflugkörpers.
Foto: IRGCN
Im April 2022 veröffentlichte das Hauptquartier der Islamischen Revolutionsgarde Bilder eines US-Flugzeugträgerdecks, die mutmaßlich von einer unentdeckten iranischen Drohne aufgenommen worden waren.
Fotos: IRGC

Einfluss in der Golfregion: Die Bedrohung durch den Iran zeigt sich in einer starken Ertüchtigung seiner militärischen Fähigkeiten. Hiervon betroffen sind vor allem die Seestreitkräfte sowie die Kräfte der Küstenverteidigung. Seit annähernd eineinhalb Jahrzehnten befindet sich die Marine der Islamischen Republik Iran (IRIN) in einem Modernisierungsprozess. Die Einschätzung der Defense Intelligence Agency (DIA) zeigt, dass sich die Seestreitkräfte des Iran in einer Transformation von einer Küstenverteidigungsmacht zu einer Marine mit echter Hochseefähigkeit („blue water“) befindet. Die Marineführung ist bestrebt, die Präsenz insbesondere der Überwasserflotte (fünf Fregatten, sieben Korvetten, >150 Patrouillen- und Flugkörperschnellboote) weit über den Arabischen/Persischen Golf hinaus zu festigen. Trotz eines überwiegend veralteten Schiffsbestands ist die IRIN laut Einschätzung der DIA „mäßig effektiv“ darin, ihre Einheiten einsatzbereit zu halten und die Einsatzbereitschaft auch bei Langstreckenoperationen aufrechtzuerhalten. Die DIA prognostiziert, dass für den Status einer Hochseeflotte erhebliche Investitionen in moderne Kampf- und Unterstützungsschiffe notwendig sein werden. Die durch internationale Sanktionen eingeschränkte, weitgehend autarke Schiffbauindustrie der Islamischen Republik hat zwar langsam, aber stetig neue Marineschiffe abgeliefert, die der IRIN eine größere Reichweite ermöglichen sollen.

Im Zuge der Verschärfung des militärischen Konflikts zwischen dem Iran und den USA warnte der am 13. Juni 2025 bei einem gezielten Angriff der israelischen Luftstreitkräfte getötete Befehlshaber der Islamischen Revolutionsgarde, Generalmajor Hossein Salami, davor, dass man – im Fall einer sich weiter „verstärkenden Aggression“ durch die US-amerikanischen Streitkräfte im Arabischen/Persischen Golf – die militärische und zivile Seeschifffahrt in den Blickwinkel etwaiger Angriffe nehmen würde. Aber schon im April 2020 kam es zu einem ernsten Zwischenfall, als iranische Marineeinheiten US-amerikanische Schiffe auf ihrem Weg durch die Meerenge von Hormus bedrängten. Im Fall einer bewaffneten Auseinandersetzung können Irans Seestreitkräfte auf ein Arsenal von Anti-Schiffs-Waffen zurückgreifen, viele davon Eigenentwicklungen und Kopien chinesischer Waffensysteme. 

Rückblick: Der Iran verfügt bereits seit vielen Jahren über Waffensysteme, die das Machtgleichgewicht im Arabischen/Persischen Golf verändern können. Insbesondere der Erwerb von chinesischen Silkworm-Lenkflugkörpern hat die Schlagkraft iranischer Überwassereinheiten gestärkt. Während des Iran-Irak-Kriegs (1980-1988) wurden diese gegen die zivile Seeschifffahrt (Öltanker) eingesetzt. Die technologischen Fortschritte insbesondere bei aus iranischer Entwicklung stammenden Anti-Schiffs-Lenkflugkörpern und Mehrfachraketenwerfern führen dazu, dass das Bedrohungspotenzial seit Jahren kontinuierlich anwächst. Der Westen betrachtet zudem die Weitergabe solcher Technologien (wie z. B. beim Mehrfachraketenwerfer Fajr-5) an Organisationen wie die Hisbollah im Libanon oder die Huthis im Jemen. Schließlich betrachtet man solche Waffensysteme mit Sorge, die von Ubooten der Qadir-Klasse eingesetzt werden können. Befürchtet werden muss, dass der Iran damit seine eigenen A2/AD-Fähigkeiten schaffen wird, um so seinen Einfluss in der Golfregion zu vergrößern. Bei A2/AD-Fähigkeiten (Anti-Access/Area Denial) handelt es sich um militärische Strategien, die darauf abzielen, gegnerischen Streitkräften den Zutritt zu einem Operationsraum zu verwehren oder ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken. Hierzu könnten Seeziellenkflugkörper mit größerer Reichweite (z. B. NASR-1) und weitreichende Marschflugkörper wie NOOR-2 (Qader) – eine iranische Kopie des chinesischen Seezielflugkörpersystems C-802 – genutzt werden. Im Oktober 2019 wurde berichtet, dass der Iran dem Kreis der Staaten beigetreten ist, die hoch entwickelte Staustrahltriebwerke für den Einsatz in überschallschnellen Marschflugkörpern entwickeln und fertigen.

Irans Proxys: Der Unterstützung der Huthi-Rebellen im Jemen durch den Iran kommt eine überaus große Bedeutung zu. Irans finanzielle als auch militärische Hilfeleistungen haben die Stärke der jemenitischen Huthis in der Weise erhöht, als die Rebellengruppierung mit immer wiederkehrenden Angriffen (durch den Einsatz von Langstreckenraketen und Drohnen) ihren Einfluss bis in das Rote Meer und angrenzende Regionen auszudehnen versuchen, darunter die Golfstaaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Saudi-Arabien. Unterstützt von einer aggressiven Haltung der iranischen Regierung haben die Huthis in den zurückliegenden Jahren mehrfach mit Langstreckenraketen Militärstützpunkte und Ölraffinerien in Saudi-Arabien angegriffen. Fest steht: Die vom Iran unterstützte Huthi-Bewegung im Jemen entwickelte sich zu einem einflussreichen nichtstaatlichen Akteur, während die Hamas (im Gazastreifen) und die Hisbollah (im Libanon) ihre Angriffe auf bevölkerungsreiche Regionen in Israel unverändert durchführt.

Irans Rolle in dem erneut seit Oktober 2023 eskalierenden Konflikt ist unbestreitbar. Es muss befürchtet werden, dass der Einfluss Teherans auf die Entwicklungen in der gesamten Region auch in Zukunft weiter zunehmen wird, sollte der zurzeit laufende Militäreinsatz der USA und Israels nicht dazu führen, das Mullah-Regime zu beseitigen. Der Machterhalt des Mullah-Regimes sollte – auch nach dem Tod des seit 1989 herrschenden Obersten Religionsführer, Ajatollah Ali Chamenei, keine Schwächung der iranischen Theokratie nach sich ziehen. Nach der Tötung von Irans Oberstem Führer hat Präsident Massud Pezeschkian weitere Vergeltungsschläge gegen die USA und Israel angedroht. Sein Land betrachte Rache als „Recht und legitime Pflicht“, sagte er am Sonntag in einer aufgezeichneten Fernsehansprache.

Stefan Nitschke

Im Dezember 2020 hat die Marine der Islamischen Republik Iran mit IRIS Makran einen umgebauten älteren Öltanker in Dienst gestellt, der nach iranischen Angaben fünf Hubschrauber gleichzeitig transportieren und die Minensuche, Uboot-Abwehr sowie Operationen von Spezialeinheiten unterstützen kann.
Foto: Michael Nitz
Die Katamaran-Flugkörperschnellboote der C-14-Klasse (Azarakhsh) – ausgerüstet mit C-704(NASR-1)-Marschflugkörpern – wurden für den Einsatz im Nahen Osten konzipiert und erstmals im Mai 2002 durch die Marine der Islamischen Revolutionsgarde eingesetzt.
IRGCN
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