Stefan Nitschke

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Iran-Krieg

Welche Lehren müssen für die Energiesicherheit gezogen werden?

Manche betrachten den eskalierenden Konflikt im Nahen Osten als „Gulf War IV“. Die Angriffe des Iran auf seine Nachbarländer insbesondere in der Golfregion halten unvermindert an. Das längst nicht ausgeschöpfte Inventar an Drohnen und ballistischen Raketen lässt es zu, dass das weiterhin bestehende Mullah-Regime in Teheran seine Angriffe überall in der Golfregion aufrechterhalten kann. Auch wenn die Trump Administration die militärischen Fähigkeiten des Iran – und insbesondere der Islamischen Revolutionsgarde – nach jetzt einer Woche der bewaffneten Auseinandersetzung als geschwächt betrachtet, so ergaben sich weiterhin große Risiken für die von den iranischen Angriffen betroffenen Länder. Das hat inzwischen auch markante Auswirkungen auf die Ausfuhren von Rohöl, Erdölprodukten und Erdgas (in Form von Flüssigerdgas oder kurz LNG) in die Verbrauchsländer insbesondere im asiatischen Raum (China, Indien, Südkorea, Japan), aber auch in der EU und in Nordamerika.

Krisenzone: Die Golfstaaten – Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait, der Oman, Katar und Bahrain – spielen bei der globalen Erdöl- und Erdgasversorgung eine herausragende Rolle. Diese Staaten sind von den iranischen Angriffen mit Drohnen und ballistischen Raketen betroffen und sehen sich zunehmend damit konfrontiert, dass ihre Ausfuhren durch die jetzt erfolgte Schließung der Straße von Hormus unterbrochen werden. Bei einer anhaltenden Störung der Golfroute führen verlängerte Transitzeiten nicht nur zu Behinderungen in der Lieferkette selbst, sondern auch zu steigenden Treibstoffkosten, höheren Frachtraten sowie höheren Versicherungsprämien. Auch der Iran – als einer der wichtigsten Produzenten von Erdöl in der Region – ist davon betroffen. Die US-Präsenz im Arabischen Meer nimmt bedeutenden Einfluss auf den Außenhandel des Iran. Die internationale Handelsschifffahrt ist unmittelbar von dem militärischen Konflikt zwischen den USA, Israel und dem Iran betroffen.

Die Straße von Hormus zählt zu den wichtigsten Passagen der globalen Energieversorgung. Die Karte zeigt die Meerenge nach der Blockade der Handelsschifffahrt am 5. Kriegstag.
Karte: Pole Star Global
 

Volatile Energieversorgung: Der Westen – Europa und die USA – war über viele Jahrzehnte abhängig von Öllieferungen der arabischen Förderländer und mithin von einer reibungslosen Nutzung der Straße von Hormus. Geraten die Öltransporte hier – wie seit Beginn des aktuellen Konfliktes mit dem Iran – unter Bedrohung, dann hat das Auswirkungen auf die weltweite Versorgungslage. Ein Resultat daraus sind steigende Rohölpreise. Diese Risiken versuchten Importländer wie Deutschland – auch als Konsequenz des russischen Überfalls auf die Ukraine – durch eine Diversifizierung ihrer Bezugsquellen einzudämmen. Deutschland bezieht den größten Teil seiner Einfuhren von Rohöl und Erdölprodukten sowie Erdgas (in Form von LNG) inzwischen aus „sicheren“ Ländern, darunter die USA, Kanada, Algerien und Kasachstan. China, Indien, Südkorea sowie in begrenztem Maße auch Japan beziehen ihre Rohöllieferungen vorrangig aus der Golfregion; darunter China mit mehr als der Hälfte seiner Ölimporte. Zudem bezieht die Volksrepublik, die über keine nennenswerte Erzeugung aus eigenen natürlichen Vorkommen verfügt, Schätzungen zufolge rund 13% der Rohöl-Importe aus dem Iran. Die jetzt eingetretene Blockade der Handelsschifffahrt in der Straße von Hormus führt dazu, dass China verstärkt Rohöl aus Russland beziehen will.

Deutschland als größte Wirtschaftsmacht der EU – und seit dem vergangenen Jahr auch drittgrößte Volkswirtschaft der Welt – hat seine Importe, insbesondere von Flüssigerdgas, diversifiziert und stellt seine Abhängigkeiten von Drittstaaten somit breiter auf als andere Mitgliedsstaaten der EU. Ein Ergebnis der Ampel-Regierung unter dem ehemaligen Wirtschaftsminister und Vizekanzler Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), der nach dem Beginn des Russland-Ukraine-Kriegs (2022) entschieden hatte, eine robuste LNG-Infrastruktur mit zunächst schwimmenden LNG-Importterminals aufzubauen. Habeck erklärte im Frühsommer 2022, dass LNG dank beschleunigter Genehmigungsverfahren zukünftig eine tragende Rolle bei der Energieversorgung und -sicherheit Deutschlands einnehmen wird. LNG wird seither als eine Form der sicheren Gasversorgung betrachtet, mit der die Vision einer breit gefächerten Diversifizierung der deutschen Gasversorgung in allen Facetten unterstützt werden kann. Die große Mehrheit der EU-Mitgliedstaaten – von Portugal bis Polen – verfügten damals bereits über leistungsfähige LNG-Terminals, die eine sicherere Diversifizierung der Gasversorgung gewährleisteten.

Das chronische Missverständnis auf Seiten der Politik darüber, wie sich Abhängigkeiten von nur wenigen Lieferländern auf die heimische Energieversorgung auswirken können, war über viele Jahre der Grund dafür, dass sich die Energiewende – als zentrales Element der Klima- und Energiepolitik der Bundesregierung unter Angela Merkel (2005-2021) – als „deutscher Sonderweg“ entpuppte. Dies führte dazu, dass die Abhängigkeit von Russland über das Jahr 2014 hinweg bis zum Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine (im März 2022) fortbestand. Es gab keinen „Plan B“.

Die hochfrequentierte Seehandelsroute durch das Rote Meer ist von Angriffen durch die jemenitische Huthi-Miliz bedroht. Die Situation am 12. Juli 2025 belegt die große Bandbreite an eingesetzten intelligenten Waffensystemen. 
Grafik: Schizolntel
 

Optionen und Risiken: Der ununterbrochen weitergehende Russland-Ukraine-Krieg zum einen und der eskalierende Konflikt in der Golfregion zum anderen verdeutlichen eines: Die EU könnte sehr viel mehr LNG aus Ländern wie die USA, Ägypten und West Afrika beziehen. Zusätzliches Pipelinegas könnte durch Aserbaidschan (Europas neuester Lieferant) und Algerien bereitgestellt werden. Die diplomatischen Spannungen zwischen Algerien und Marokko könnten aber ein erhofftes Ansteigen der Liefermengen (an Spanien und Italien) über eine durch marokkanisches Territorium geführte Pipeline (MEG) unmöglich machen. Grund für die Spannungen ist die Normalisierung der diplomatischen Beziehungen Marokkos und Israels sowie die durch die USA gebilligte Souveränität Marokkos über das Gebiet der Westsahara. Zudem hatte Madrid (im März 2022) seine Unterstützung für den marokkanischen Autonomieplan zur Westsahara erklärt.

Ein im März 2022 publiziertes Papier „Can the EU reach its ambitious new targets to cut reliance on Russian gas while maintaining energy security? [1] mahnt, dass bei der Umstellung der europäischen Gas- und Energieversorgung weitere Risiken zu erwarten sind. Darin wird kritisiert, dass es sich hierbei zumeist um Lieferungen handelt, die auf der Grundlage einer Vielzahl von nur kurzfristigen „take-or-pay-Verträgen abgeschlossen werden. Hinzu tritt die Sorge, dass es in Ermangelung von Anbindungen im europäischen Pipelinenetz (etwa von Spanien via Frankreich nach Mitteleuropa) – die Bearbeiterin der Studie, Diane Elijah, spricht von „Bottlenecks“ – nicht zu den erhofften sicheren Lieferketten kommt. Katar, der zweitgrößte LNG-Lieferant nach den USA, birgt das Risiko, dass seine Lieferungen an Europa deutlich abfallen könnten, wenn sich in den asiatischen Märkten (Japan, Südkorea) zusätzliche Bedarfe bemerkbar machten – und die Einkaufspreise dafür höher ausfielen als in Europa.

Fazit: Der „Krieg am Golf“ wirkt sich in markanter Weise auf die weltweite Versorgung mit Erdöl und Erdgas aus. In der historischen Betrachtung ist das kein Novum. Die Lieferengpässe der 1970er und 1980er Jahre – ein Ergebnis von bewaffneten Auseinandersetzungen in der Golfregion – führten immer wieder zu beträchtlichen Einschränkungen in den Abnehmerländern, insbesondere in Europa. Somit müssen aus dem derzeitigen Kriegsgeschehen weitere Konsequenzen – nicht nur für eine sichere Energieversorgung – betrachtet werden. Ein Umdenken auf Seiten der Politik – etwa durch verstärktes eigenes Engagement zum Schutz der Seeschifffahrtsrouten – ist geboten. Deutschland ist hier besonders gefordert, denn die deutsche Handelsschifffahrt (darunter Containerschiffe und Tanker) stellen die Versorgungssicherheit für Europa sicher. Der Schutz der Handelsschifffahrt – auch durch eine deutsche Beteiligung mit Marineeinheiten – hat somit oberste Priorität. Dieser kann nicht den USA oder anderen Nato-Verbündeten überlassen werden. Einige europäischen Nato-Verbündete (darunter Spanien, Frankreich, Italien, Großbritannien und die Niederlande) haben inzwischen damit begonnen, eigene Marineeinheiten in das östliche Mittelmehr (zum Schutz Zyperns) und in die Krisenregion zu entsenden. Nicht nur die Golfregion selbst, sondern auch die angrenzenden Seegebiete (Arabisches Meer), das Rote Meer als „zweite Krisenzone“ und das östliche Mittelmeer stellen für die Handelsschifffahrt ein deutlich gewachsenes Risiko dar. Die mit dem Iran verbündeten jemenitischen Huthi-Rebellen haben längst Angriffe auf die hochfrequentierten Seehandelsrouten im Roten Meer – eine Schlüsselroute des globalen Handels zwischen Europa und Asien – angedroht.

Hinweis:

[1] Veröffentlicht bei ICIS – Independent Commodity Intelligence Service

Stefan Nitschke

Der Iran setzt seit dem Beginn des Krieges mit Israel und den USA seine Angriffe auf Nachbarländer ungehindert fort. Die Grafik zeigt die Situation am 28. Februar und 1. März.
Grafik: Schizolntel
 

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