Das ist für die Deutsche Marine wichtig
Vor kurzem wurde über die Beschaffung der großen Aufklärungsdrohne MQ-9B SeaGuardian entschieden. Insgesamt erhält Deutschland acht dieser großen Flächendrohnen, die bei der Marine zur Weitbereichsaufklärung über See und Uboot-Jagd eingesetzt werden sollen.
Dieser Fähigkeitszuwachs führt dazu, dass Deutschland – zusammen mit Bündnispartnern wie Großbritannien und Norwegen – hoch kritische Bereiche im Europäischen Nordmeer und Arktischen Ozean (z. B. die so genannte GIUK-Lücke zwischen Grönland, Island und Schottland; siehe Karte) über sehr lange Zeiträume zu überwachen vermag. Dass das im Konzert mit bemannten Aufklärungskapazitäten am besten zu gewährleisten ist, zeigt die Beschaffung des Fernaufklärungsflugzeugs P-8A Poseidon durch einige Nato-Staaten. Das Vereinigte Königreich und Norwegen betreiben bereits seit 2020 bzw. 2022 zusammen insgesamt 14 dieser Fernaufklärer, die laut Hersteller (General Atomics Aeronautical Systems) „in idealer Weise“ im Verbund mit der Großdrohne SeaGuardian eingesetzt werden können. Deutschland hat acht dieser Seefernaufklärungsflugzeuge Ende Juni 2021 bei Boeing bestellt.

Karte: The Heritage Foundation
Die Trump Administration hat wiederholt den europäischen Nato-Partnern unterstellt, sie würden den Schutz arktischer Gewässer vernachlässigen. Die jetzt von Deutschland bestellten und aus US-amerikanischer Entwicklung und Fertigung stammenden MALE-Drohnen sind für Aufgaben in diesem Kontext prädestiniert. MALE (Medium Altitude Long Endurance)-Drohnen nehmen – wie HALE (High Altitude Long Endurance)-Drohnen – eine Sonderrolle wahr, denn sie verfügen als hochfliegende Systeme über eine große Einsatzdauer (bis über 40 Stunden) und damit über sehr große Einsatzreichweiten. Die ersten unbewaffneten Systeme sollen Deutschland ab dem Jahr 2028 zur Verfügung stehen. Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags hatte in seiner Sitzung am 17. Dezember 2025 rund 1,9 Mrd. Euro für das Beschaffungsprojekt „Unbemannter Anteil Maritime Airborne Warfare System“ – kurz uMAWS – bereitgestellt. Der Erwerb der Drohnen erfolgt über die Beschaffungsagentur der Nato, die dafür eine „MQ-9B International Cooperation Support Partnership“ gegründet hat. Auch Belgien, Dänemark, Kanada und Großbritannien werden von Nato dabei unterstützt, die MQ-9B anzuschaffen und zu betreiben.

Foto: General Atomics Aeronautical Systems

Fotos: General Atomics Aeronautical Systems
Große Flächendrohnen wie die MQ-9B können von Land aus zur Aufklärung und Beobachtung sehr großer Seegebiete eingesetzt werden. Diese leisten aufgrund ihrer großen Reichweite und langen Verweildauer im Zielgebiet einen wesentlichen Beitrag sowohl zur weiträumigen Aufklärung als auch zur Aufklärung im Einsatzgebiet. Insgesamt ist hier ein Trend zu Einsätzen mit domänenübergreifenden Fähigkeiten erkennbar. Im Klartext bedeutet dies die Teilhabe unbemannter Plattformen an militärischen Operationen innerhalb eines domänenübergreifenden, hochintegrierten Wirkverbundes und in einem Einsatzumfeld, das durch eine große Dynamik (z. B. schnelle Entscheidungen im „Sensor-to-Shooter Chain“) gekennzeichnet sein wird.
Die Kombination von langer Stehzeit im Einsatzgebiet und Sensorvielfalt ermöglicht es der MQ-9B, frühzeitig gegnerische Aktivitäten aus der Luft zu erkennen. Damit leistet das unbemannte Luftfahrzeugsystem einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zum Schutz der eigenen Kräfte vor unerwarteten und unkalkulierbaren Ereignissen. Für die Marine ergeben sich hierbei zunächst wesentliche Einsatzfelder im Rahmen der Seeraum- und Küstenüberwachung sowie der Uboot-Jagd. Denkbar sind zudem Verwendungen im Bereich der Ziel- und Wirkungsanalyse. Hierbei kommt der verzugsarmen und unterbrechungsfreien Informationsversorgung auf und zwischen sämtlichen Führungsebenen sowie den eingesetzten Einheiten und Kräften eine Schlüsselrolle zu. Eine These besagt, dass der künftige Einsatz von unbemannten Systemen im Verbund mit bemannten Plattformen erfolgt. Hieraus folgt, dass das synergetische Zusammenwirken bemannter und unbemannter Plattformen (Manned–Unmanned Teaming; MUM-T) bei den Seestreitkräften dazu führt, dass die Fähigkeiten insbesondere auf dem Gebiet der Uboot-Jagd neuartigen Bedrohungen angepasst werden können. Wie der Krieg in der Ukraine zeigt, bieten unbemannte Fluggeräte – UAVs (Unmanned Aerial Vehicles) bzw. UAS (Unmanned Aircraft Systems) – einzigartige Fähigkeiten und erhebliche Vorteile gegenüber herkömmlichen bemannten Luftfahrzeugsystemen, was sie zu einem wesentlichen Bestandteil jeder modernen Verteidigungsstrategie macht. Zunehmend auch im maritimen Einsatzraum. Nicht nur die Nato hat das Potenzial von Marinedrohnen schon lange erkannt. Neben einigen Nato-Staaten wie die Niederlande, Frankreich, Portugal und Spanien kommt es auch in Israel, der Türkei und einigen anderen Nationen im Nahen Osten und im asiatisch-pazifischen Raum (z. B. Australien, Indien, Japan, Südkorea) zu erheblichen finanziellen Anstrengungen, die zu einer Erhöhung der Nutzung insbesondere von fliegenden unbemannten Plattformen führen.
Resümee
Für die bis zum Jahr 2029 oder später eingeforderte Kriegstüchtigkeit der deutschen Seestreitkräfte sind erweiterte Fähigkeiten und Kapazitäten auf dem Gebiet der unbemannten Luftfahrzeugsysteme unerlässlich. Deren Nutzung in einer vernetzten Umgebung ist ein wesentlicher Faktor im Kampf um die Informationsüberlegenheit. Hierbei kommt es auf möglichst lange Stehzeiten im Einsatz- bzw. Zielgebiet an. Derzeit können nur von Land aus eingesetzte Flächendrohnen über lange bis sehr lange Zeiträume und fernab der logistischen Basis eingesetzt werden. Die jetzt von Deutschland ausgewählte „Großdrohne“ MQ-0B SeaGuardian erfüllt diese Anforderungen. Das Drohnensystem ist in der Lage, als Träger von Kommunikations-Relaissystemen die Reichweite terrestrischer Fernmelde/Führungsmittel unter Verzicht auf terrestrische Netzknoten wesentlich zu erhöhen und dazu beizutragen, kurzfristig vernetzte Führungsunterstützungssysteme in Regionen ohne jegliche IT-Infrastruktur zu betreiben. Damit können Einsätze von ganzen Einsatzverbänden zeitgerecht und mit großen Bandbreiten unterstützt werden. Wegen der nachgewiesenen hohen Mobilität und grundsätzlich schnellen weltweiten Verfügbarkeit stellen solche im maritimen Umfeld eingesetzte Drohnen praktisch auch eine Ergänzung zur SatCom-Nutzung dar, wenn bestehende SatCom-Abdeckungsgrenzen kurzfristig erweitert werden müssen.

Foto: L3Harris
Die Nutzung von unbemannten Luftfahrzeugsystemen wird bei der Marine differenziert betrachtet. Stark voneinander abweichende Forderungskataloge der verschiedenen Akteure (Überwasserflotte, Uboot-Komponente, Spezialkräfte) – oder ein fehlendes Verständnis – führten in den zurückliegenden Jahren dazu, dass die Marine insgesamt im internationalen Vergleich bei der Nutzung von unbemannten Fluggeräten zurückfiel. So sollte die Drehflügel-Drohne Sea Falcon als erstes maritimes unbemanntes Flugsystem dieser Art den Aufklärungsradius der Korvetten Klasse K130 entscheidend erweitern.
Mit der Beschaffung des Drohnensystems SeaGuardian wird der gemeinsame Einsatz mit bemannten Plattformen Realität. Das System gilt als eine ideale Ergänzung für den künftigen Seefernaufklärer P-8A. Es offeriert der Marine eine möglichst lange Stehzeit und eine hohe Verfügbarkeit, um so ein Lagebild möglichst schnell aufzubauen und dauerhaft zu halten. SeaGuardian ist in der Lage, in ein Bedrohungsgebiet einzufliegen, um dort Zieldaten aufzufassen oder aber einen Schutzschirm (Jammer/Decoy) für bemannte Plattformen zu bilden. Die Drohne bedient sich hierbei neuartiger Technologien vor allem im Bereich der Sensorik, um eine Verbesserung der Aufklärungsfähigkeiten unter widrigen Umgebungsbedingungen zu erreichen.