Stefan Nitschke

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Zwischen Einsatz und Vorrat: Wie gut ist die Luftwaffe mit Munition versorgt?

Optimale Munitionsbevorratung = Lagerung, Bewirtschaftung, Instandhaltung und Verbesserung

Die Luftwaffe ist auf eine gesicherte Versorgung mit Munition angewiesen. Hierbei muss zwischen Munition für Bordwaffen und Lenkflugkörpern jeder Art unterschieden werden. Letztere umfassen nicht nur Luft/Luft- und Luft/Boden-Lenkflugkörper der fliegenden Verbände, sondern auch Effektoren der bodengebundenen Luftverteidigung. Denn die Teilstreitkraft Luftwaffe ist für den gesamten Bereich der bodengebundenen Lenkwaffensysteme – darunter Patriot PAC-3 und demnächst auch Iris-T SLM – verantwortlich. Die Versorgung mit diesen Waffensystemen erfolgt aus einem vorhandenen Bestand und macht rasche Folgebeschaffungen – wie nach den Abgaben an die Ukraine – erforderlich.

Zusammen mit Meteor wird der Luft/Luft-Lenkflugkörper mittlerer Reichweite AIM-120/C-8 (Bild) am Eurofighter eingesetzt.
Foto: Bundeswehr/Jane Schmidt
 

Der internationale Militäreinsatz in Libyen (2011) zeigt die Tragweite einer gesicherten Versorgung mit Abwurfwaffen für den Luft/Boden-Einsatz. Die französische Beteiligung daran war die Opération Harmattan (19. bis 31. März 2011), die nach der Einrichtung einer Flugverbotszone den Waffeneinsatz gegen Gaddafi-treue Bodentruppen umfasste. Zum Einsatz kamen präzisionsgelenkte Abwurfwaffen wie GBU-12 Paveway II, eine aus US-amerikanischer Produktion stammende lasergelenkte Bombe, die auf der Basis der Mk82 Mehrzweck-Freifallbombe entwickelt wurde. Zudem setzten Rafale- und Mirage 2000D-Kampfflugzeuge den Marschflugkörper SCALP EG gegen einen libyschen Luftstützpunkt ein. Die damals vorhandenen Bestände insbesondere an präzisionsgelenkter Luft/Boden-Munition hatten nach rund einer Woche der Luftoperationen rapide abgenommen und zeigten somit die Risiken einer für den Sofortbedarf gerüsteten Luftwaffe. Insgesamt wurden nach inoffiziellen französischen Quellen rund 760 Abwurfwaffen verschiedener Typen zur Bekämpfung von Zielen am Boden eingesetzt. Zum Vergleich: Bei der Nato-Operation Unified Protector wurden während der rund sechs Monate andauernden Luftoperationen 3.544 lasergelenkte und 2.844 GPS-gesteuerte Abwurfwaffen sowie 1.150 Luft/Boden-Lenkflugkörper eingesetzt. Diese Operation diente der Durchsetzung des Waffenembargos gegen Libyen und beinhaltete auch den Einsatz von Marineeinheiten.

Bereits abgelöst durch Iris-T, ist die Nutzung des Luft/Luft-Lenkflugkörpers kurzer Reichweite AIM-9L/I Sidewinder nur noch im Rahmen der Ausbildung vorgesehen.
Foto: Bundeswehr
 

Für die Bundeswehr – und die Luftwaffe im Besonderen – zeigt sich hier das Dilemma: Für einen vergleichbaren multinationalen Einsatz bis hin zur Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) müssen ausreichende Munitionsbestände vorhanden sein, insbesondere an Hochwertmunition für die fliegenden Einsatzverbände (Tornado und Eurofighter). Gleiches gilt für die bodengebundene Luftverteidigung. Die Anforderungen an eine gesicherte Munitionsbevorratung – mit genügenden Kapazitäten im Bereich der Lagerung, Bewirtschaftung, Instandhaltung und Verbesserung – können daher nicht hoch genug eingestuft werden.

Dem muss eine hinreichende Versorgungsinfrastruktur genügen. So umfasst das Munitionsversorgungszentrum (MunVersZ) OST neben Schneeberg (bei Beeskow im Landkreis Oder-Spree) über zwei weitere Munitionslager in Seltz/Golchen (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte) und Walsrode (Landkreis Heidekreis in Niedersachsen). Die Unterstellung des Munitionslagers Seltz an das Munitionsdebot Schneeberg und seine Umbenennung in „Munitionslager Seltz“ erfolgte im Jahr 2004, die Unterstellung an das MunVersZ OST im Jahr 2015. Das zurzeit für größere Lagerbestände und neue Waffensysteme der Luftwaffe (z. B. AARGM als HARM-Nachfolger) erweiterte Munitionslager Seltz beherbergt gegenwärtig in 20 Munitionslagerhäusern neben Iris-T- und Meteor-Lenkflugkörpern auch Anti-Radar-Lenkflugkörper AGM-88/B HARM (High-Speed Anti-Radiation Missile) und Taurus-Abstandslenkflugkörper. Die Hochrüstung des bereits im Rahmen der Nato-Operation Allied Force (1999) im Kosovokrieg gegen serbische Radarstellungen eingesetzten Anti-Radar-Lenkflugkörpers HARM auf den Stand AGM-88/E AARGM (Advanced Anti-Radiation Guided Missile) ist von Deutschland beauftragt. Hierdurch wird in Europa eine einzigartige Befähigung zur Suppression of Enemy Air Defences (SEAD), also der Niederhaltung der gegnerischen Luftverteidigung, geschaffen. Mit ihren einzigartigen Fähigkeiten bezüglich der Reichweite und Durchsetzungsfähigkeit – weit über denen des noch im Bestand befindlichen Luft/Lenk-Lenkflugkörpers AIM-120/B oder der als Nachfolger vorgesehenen AIM-120/C-8 hinaus – wird Meteor bestehende Fähigkeitslücken in der mittleren Reichweite schließen. 

In 20 Munitionslagerhäusern aus der Zeit der Volksmarine der DDR sind auf dem Gelände des Munitionslagers Seltz/Golchen neben Iris-T- und Meteor-Luft/Luft-Lenkflugkörpern auch Anti-Radar-Lenkflugkörper AGM-88/B HARM, Taurus-Abstandslenkflugkörper und Boden/Luft-Effektoren wie Patriot PAC-3 eingelagert.
Foto: Bundeswehr/Thilo Böttcher
 
Die Luftwaffe ergänzt den seit den 1980er Jahren im Einsatz befindlichen Anti-Radar-Lenkflugkörper HARM durch die neue Rüststufe AGM-88/E AARGM (im Vordergrund).
Foto: Mönch Verlag/Stefan Nitschke
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