Heute Morgen haben die USA und Israel den Iran angegriffen. Ziel dieses mutmaßlich mehrtägigen Militäreinsatzes ist die Beseitigung der Bedrohung, die von Iran und seinem Mullah-Regime ausgeht. Insbesondere der Staat Israel sieht sich seit langem durch das iranische Atomprogramm in der Weise bedroht, als es im Juni des vergangenen Jahres zu einem militärischen Eingreifen Israels und der USA gekommen war. Die israelische Staatsführung hatte immer wieder betont, dass es sich hierbei um einen Präventivschlag gehandelt habe – wie auch bei dem Militäreinsatz der USA und Israels am Morgen des 28. Februar.
Konflikte und Kriege bleiben: Im ersten Quartal des neuen Jahres bleiben viele der „alten“ Konflikte und Kriege ungelöst: Der Krieg in der Ukraine dauert seit nunmehr vier Jahren unvermindert an; der Gaza-Streifen ist längst nicht befriedet und der Wiederaufbau der zerstörten zivilen Infrastruktur wird Jahre andauern; Pakistan hat die Angriffe der Taliban auf pakistanische Grenzposten entlang der afghanisch-pakistanischen Grenze (am 27. Februar) zu einem „offenen Krieg“ erklärt; inzwischen hat die pakistanische Regierung in Islamabad Afghanistan den Krieg erklärt. Mehr noch: Der Nahe Osten birgt insgesamt das derzeit größte Risiko für kriegerische Auseinandersetzungen. Grenzstreitigkeiten – wie etwa im Grenzgebiet von Thailand und Kambodscha im Juni/Juli 2025 – sind jedoch längst kein Grund mehr für den Ausbruch eines offenen Krieges. Nichtsdestotrotz gerät der Russland-Ukraine-Krieg – wie so oft in den vergangenen Jahren – immer dann in den Hintergrund der medialen Berichterstattung, wenn es zu einer weiteren Eskalation im Konflikt zwischen dem Iran und Israel kommt. Seit wenigen Tagen befinden wir uns im fünften Jahr der von Russland im Februar 2022 begonnenen „Militärischen Spezialoperation“ gegen die Ukraine. Das Konfliktgeschehen – mittlerweile auch Teile Zentral-Russlands erfassend – wird durch einen Aspekt gekennzeichnet, nämlich der Einsatz von unbemannten Systemen zur See und in der Luft. Der Verbrauch von Drohnensystemen durch die beiden Konfliktparteien ist enorm – und Drohnen gelten schon längst als ein „Hauptwaffensystem“. In Teilen könnten „Kampfdrohnen“ sogar die Aufgaben von luftgestützten Abstandswaffen übernehmen – ein Befund, der auch auf das aktuelle Konfliktgeschehen im Nahen Osten Einfluss zutreffen sollte.
Ein neuer Krieg: Ein Epizentrum war und ist der Iran. Im vergangenen Jahr antwortete Israel mit Präventivschlägen gegen das Mullah-Regime, um die Risiken des iranischen Atomprogramms zu eliminieren, das in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht hatte. In das Fadenkreuz der israelischen Luftoperationen geriet die militärische Infrastruktur insbesondere der iranischen Revolutionsgarden. Zudem wurden mindestens zwei Anlagen des iranischen Atomprogramms angegriffen. Da kein Ende des israelisch-iranischen Konflikts in Sicht schien, beschlossen die Vereinigten Staaten unter Präsident Donald Trump, in den Konflikt einzugreifen. Mit Raketen- und Luftangriffen tief auf iranischem Territorium führte eine präzise vorbereitete Militäroperation mit Tarnkappenflugzeugen – Operation „Midnight Hammer“ im Juni 2025 – zur (wenn auch teilweisen) Zerstörung von drei iranischen Atomanlagen, darunter mindestens zwei unterirdische Urananreicherungsanlagen. Die Trump-Administration stellte nicht in Frage, dass man bei den Präzisionsschlägen – auch mit Marschflugkörpern von See aus – die vorhandene nukleare Infrastruktur derart geschädigt hätte, so dass der Iran nicht in der Lage sein würde, sein Urananreicherungsprogramm fortzuführen. Die Arbeiten zur Urananreicherung seien jedoch wenige Tage danach fortgeführt worden, so verschiedene westliche Quellen. So hätte der Iran weitere Mengen an angereichertem Uran in besonders geschützten unterirdischen Depots eingelagert.

Karte: INTERLUDE
Fortschritte bei der Urananreicherung: Der Iran hat in den zurückliegenden Jahren bedeutende Fortschritte bei der Anreicherung von Uran erzielt, das für Atomwaffen verwendet werden könnte, was die internationale Gemeinschaft schon seit Jahren alarmierte. Der Westen und allen voran die Vereinigten Staaten betrachten den Besitz von Atomwaffen als eine immanente Bedrohung insbesondere für die Sicherheit Israels und die gesamte Region. Teheran hat seine Arbeiten – hierbei auch Programme auf dem Gebiet der Grundlagenforschung – stark auf Atomreaktoren, Wiederaufbereitungsanlagen und Urananreicherungsanlagen fokussiert; diese Anlagen sind auf die Versorgung mit Natururan angewiesen, das im Iran schon seit vielen Jahren aus einigen natürlichen Vorkommen bergmännisch gewonnen wird. Uran, ob natürlich oder angereichert, ist der wichtigste Brennstoff für Atomreaktoren, das zur Herstellung von Atomwaffen angereichert werden kann. Die Überwachung der iranischen Infrastruktur zur Uranproduktion – mittels hochfliegender bemannter/unbemannter Aufklärungsflugzeuge oder Weltraum-basierter Satellitenaufklärung – wird von den USA, aber auch ihren Verbündeten und Israel, als wichtigstes Element der Frühwarnung verstanden. Die Kapazitäten dafür wurden in den vergangenen Jahren erheblich ausgebaut.

Satellitenfoto: NASA FIRMS/Earth Science Data and Information System (ESDIS)
Gewachsenes Sicherheitsrisiko: Die Islamische Republik Iran ist – ähnlich wie Nordkorea – ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie ein autoritäres bis totalitäres Regime zu einem weltweiten Sicherheitsrisiko wird, das die Resolutionen des UN-Sicherheitsrates verletzt. In US-amerikanischen Geheimdienstkreisen wächst die Besorgnis darüber, dass Teheran nicht nur weitere Fortschritte bei der Urananreicherung für den Einsatz in Atomwaffen erzielen, sondern auch Technologien für die Entwicklung, Herstellung und den Einsatz fortschrittlicher Kurz- und Mittelstreckenraketen nutzen könnte. Der Iran hat über Jahre eine robuste Industrieproduktion von Langstreckenraketen (darunter vor allem landgestützte Marschflugkörper und Seeziellenkflugkörper) sowie weitreichende ballistische Raketen (im englischen Sprachgebrauch als Tactical Ballistic Missiles oder kur TBMs bezeichnet) entwickelt oder in Lizenz gefertigt. Die Industrieproduktion erfolgt unter der Kontrolle der Islamischen Revolutionsgarde, auch als „Armee der Wächter der Islamischen Revolution“ – oder kurz „Revolutionswächter“ – bekannt.Der Verfasser untersuchte in einer Übersichtsarbeit – veröffentlicht im Februar 2002 [1] – die Risiken, die sich aus der Proliferation von Technologien für Massenvernichtungswaffen insbesondere für den Nahen Osten ergeben. Die Verbreitung von taktischen aerodynamischen und ballistischen Waffensystemen in einer Reihe von so genannten „Rogue States“ wie dem Iran nimmt demzufolge entscheidend Einfluss auf potenzielle regionale Konfliktsituationen im Nahen Osten. Das Interesse an solchen Waffentechnologien ist seither enorm gewachsen. Bereits der Golf-Krieg hatte im Jahr 1990/1991 in dramatischer Weise gezeigt, welche Gefahren von einer Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen ausgehen können. Zwar wurde dieser Konflikt zwischen dem damaligen Regime in Bagdad und der anti-irakischen Koalition (angeführt von den USA und Großbritannien) als ein „Mid Intensity Conflict“ eingestuft, jedoch spiegelt sich gerade in dem Versuch Bagdads, Israel durch die Bedrohung mit Scud-Flugkörpern zum militärischen Eingreifen zu bewegen und somit ein Auseinanderbrechen der anti-irakischen Koalition zu bewirken, eher einen Konflikt von überregionaler Bedeutung wider.

Grafik: Center for Strategic and International Studies (CSIS)
Regionale Eskalation: Somit muss befürchtet werden, dass der Konflikt zwischen dem Iran und Israel weiter eskalieren könnte. Denn Irans Proxys – insbesondere die Huthi-Rebellen im Jemen und die Hisbollah im Libanon – haben schon längst ihre Unterstützung für das Regime in Teheran erklärt und drohen mit harten Konsequenzen, sollten die USA und Israel erneut militärisch gegen den Iran vorgehen. Insbesondere würden die jemenitischen Huthis die militärische und zivile Schifffahrt insbesondere im Roten Meer mit Raketenangriffen bedrohen. Von iranischer Seite könnten von küstennah stationierten hoch mobilen Raketenwerfern (im englischen Sprachgebrauch als „Transporter Erector Launcher“ oder kurz TEL bezeichnet) zivile und militärische Schiffe im Arabischen/Persischen Golf unter Beschuss genommen werden. Mehr noch: Eine Schließung der für die internationale Seeschifffahrt so wichtigen Meerenge von Hormus (durch Angriffe der iranischen Küstenverteidigung) muss für den Fall befürchtet werden, sollten die USA versuchen, ihren gegenwärtig laufenden Militäreinsatz weiter auszudehnen, um das iranische Mullah-Regime zu beseitigen. Die Straße von Hormus gilt als einer der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt und stellt einem entscheidenden Engpass für den Öltransit des Westens dar. Insofern können die Angriffe des Irak (im Mai 1984) auf iranische Öltanker im Persischen Golf als „Blaupause“ dafür gelten, dass der Iran – wie die mit ihm verbündeten Huthi-Rebellen – Angriffe auf die zivile Seeschifffahrt durchführen könnte. Der Iran hat seither sein militärisches Potenzial für solche Einsatzoptionen – technisch wie personell – deutlich hochrüsten können. Dieses Konfliktgeschehen könnte dann einen Dominoeffekt auslösen.
Diplomatische Bemühungen gescheitert: Bei den im Februar stattgefundenen Verhandlungen über das iranische Atomprogramm musste man durchaus ein Scheitern in Betracht ziehen; für diesen Fall hatte Washington ein militärisches Eingreifen gegen den Iran angekündigt. Die diplomatischen Bemühungen ließen auch unter dem Vorgänger Trumps – Joe Biden – durchaus Raum für eine friedliche Lösung des Konflikts zwischen dem Iran und dem Westen. Angesichts der Eskalation des Konflikts mit Israel und den USA bestätigte der iranische Außenminister Abbas Araghchi (im letzten Jahr) die Bereitschaft Teherans zu erneuten Gesprächen mit den USA und den sogenannten E3 (Frankreich, Deutschland und Großbritannien), um die seit Langem bestehende Blockade im Streit um das iranische Atomprogramm zu überwinden. Es gab tatsächlich versteckte Signale, dass Teheran zu Verhandlungen bereit war.
Israel im Krieg: Nach dem Scheitern der jüngsten Verhandlungen auf diplomatischer Ebene mit dem Iran haben die USA und Israel die Option eines militärischen Eingreifens gewählt. Das Regime in Teheran droht der Trump-Administration mit einer „entschlossenen Antwort“ und warnte die USA, dass man gegen US-Interessen in der Region vorgehen würde. Außerdem hat der Iran – kurz nach dem Beginn des Militäreinsatzes am Morgen des 28. Februar – damit begonnen, Israel mit Langstreckenraketen und Drohnen anzugreifen. Was folgen könnte, ist ein massenhafter Einsatz von Marschflugkörpern, ballistischen Flugkörpern und Drohnen gegen militärische und auch kommerzielle (zivile) Ziele auf israelischem Staatsgebiet. Hierbei handelt es sich um die derzeit einzige Option des Iran, denn auf eine direkte Konfrontation mit den USA und Israel müsste das Regime in Teheran verzichten; auch, und vor allem, weil das iranische Militär eine solche Auseinandersetzung nur über kurze Zeit durchhalten könnte.

Grafik: Rivista Italiana di Geopolitica
Irans Verbündete: Mit der Unterstützung durch seine Verbündeten in der Region – die Hisbollah im Libanon, die Huthi-Rebellen im Jemen und weitere Gruppen im Irak – kann Teheran jedoch in die Lage versetzt werden, US-Stützpunkte in der Region (z. B. in Qatar und Kuwait) zu bedrohen. Das zeigt ein erster Angriff (am frühen Nachmittag des 28. Februar) auf ein Logistikzentrum der US-Streitkräfte in Bahrain. Mit dem sich offensichtlich weiter verstärkenden Militäreinsatz gegen den Iran könnten oppositionelle Gruppen ermutigt werden, Widerstand gegen das amtierende Mullah-Regime zu leisten. Der amerikanische Präsident Trump hat auf diese Möglichkeit in seiner Ansprache auf seiner Social Media-Plattform Truth Social hingewiesen und die iranische Bevölkerung aufgerufen, alles zu unternehmen, um die iranische Regierung zu stürzen.
Die Huthi-Miliz im Jemen, die als schiitische Gruppierung auf das Engste an die Islamische Republik Iran angelehnt ist, bezeichnet ihr Vorgehen in der Konfliktregion als Teil des pro-iranischen Kampfbegriffs „Achse des Widerstands“, der in iranischer Diktion primär gegen den Westen und Israel gerichtet ist. Die Vorfälle aus dem vergangenen Jahr haben klar aufgezeigt, dass die jemenitischen Huthi-Rebellen ohne umfangreiche Ausbildung in der Lage sind, Waffensysteme großer Reichweite zu beschaffen und einzusetzen. Erinnert werden muss an den Raketenangriff auf den Hybrid-Katamaran Swift (HSV-2) der US Navy am Abend des 1. Oktober 2016 – die Einheit war damals von der Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate gechartert und an der Seeblockade gegen Jemen beteiligt gewesen.
Stefan Nitschke

Karte: European Council on Foreign Relations