Projekt Schwerer Transporthubschrauber steht kurz vor der Auswahlentscheidung

apf

13/04/2022

Schon lange läuft das Projekt Schwerer Transporthubschrauber (STH) der Bundeswehr, immer wieder gab es Verzögerungen oder Rückschläge. Dabei braucht die Bundeswehr dringend einen modernen Nachfolger für die veralteten CH-52GA/GS, deren Klarstand mehr als unzufrieden ist. Beim STH-Projekt treten zwei US-amerikanische Hubschrauber gegeneinander an, der Boeing CH-47F Chinook sowie der Sikorsky CH-53K „KILO“.

Mittlerweile will die Bundeswehr sogenannte Military-Off-The-Shelf (MOTS)-Fähigkeiten über einen Foreign Military Sale (FMS) erwerben. Dabei kauft die Bundeswehr direkt bei der US-Regierung ein. Aus gut unterrichteten Kreisen ist zu hören, dass eine Auswahlentscheidung am 26. oder 27. April getroffen werden könnte. Daher bringen sich beide Anbieter der Industrieseite noch einmal in Position, um ihre jeweiligen Standpunkte und Vorteile zu verdeutlichen.

Im Rahmen der geplanten FMS-Beschaffung eines neuen schwerer Transporthubschrauber (STH) für die Bundeswehr hat die US-Regierung am 8. April aktualisierte Informationen (4. und finale P/A-Info) sowie den möglichen Auslieferungsplan des Herstellers Sikorsky/Lockheed Martin vorgelegt. Das teilten das US-Luftfahrtunternehmen und sein deutscher Partner Rheinmetall im Rahmen einer Fachpresseveranstaltung zu den gemeinsamen STH-Aktivitäten am 12. April 2022 in Bonn mit.

Die Sikorsky CH-53K kann sicherlich als derzeit modernster und leistungsfähigster Transporthubschrauber der Welt bezeichnet werden. Hersteller Sikorsky verspricht mit der „Kilo“ eine technologische Überlegenheit, eine hohe Verfügbarkeitsrate und zahlreiche serienmäßige Ausrüstungsmerkmale, die von der Bundeswehr gefordert werden – darunter die integrierte Luftbetankungsfähigkeit. Die Luftbetankungsfähigkeit war im Laufe der Ausschreibung einer der Kernforderungen für den künftigen STH. Die CH-53K hat eine integrierte und zertifizierte Lösung, die eine Betankung durch die C-130J Hercules sicherstellt. Von dem Transportflugzeug C-130J hat die Bundewehr sechs Maschinen bestellt, drei als C-130J Transportversion und drei KC-130J Tankerversionen. Der Konkurrent von Boeing entwickelt derzeit wohl noch eine Luft-Luft-Betankungsoption für sein Modell. Doch bisher gibt es keine Nachweise über den Sachstand dieser Entwicklung. Und bei einer FMS-Beschaffung einer CH-47F müsste diese Entwicklung und Zertifizierung durch Deutschland als Zusatzvertrag vereinbart werden, mit einem entsprechenden Risiko. Doch die Luft-Luft-Betankungsfähigkeit ist eine extrem wichtige Eigenschaft, um Reichweite und Stehzeiten in den Missionen signifikant zu erhöhen. Ein Beispiel: Die CH-53K könnte, voll beladen, vom Heimatstandort Laupheim mit einer zweimaligen Luftbetankung ununterbrochen in rund 16 Flugstunden rund 3.500 km verlegen. Und damit zum Beispiel in einem Flug nach Gao in Mali. Eine direkte und damit schnellere Verlegung, ohne Zerlegung des Luftfahrzeuges mit anschließendem Land-, See- oder Lufttransport (in einer An-124). Bisher wurden solche Verlegungen als Shuttle-Flug mit der AN-124 von Leipzig aus durchgeführt. Danach mussten die Maschinen am Einsatzort über Tage erst einmal wieder flugfähig gemacht werden. Bei der direkten Eigenverlegung ist dies mit weniger Aufwand und einer direkten Einsatzfähigkeit vor Ort möglich. Bei bestimmten Szenarien, wie einer militärischen Evakuierungsoperation, von entscheidendem Vorteil.

Sieht so auch die Zukunft der Bundeswhr aus? Luft-Luft-Betankung zwischen C-130J und CH-53K. Das Flächenflugzeug ist durch Deutschland schon beschafft. Und beide sind im Bereich der Luftbetankung zertifiziert. Ein wichtiger Aspekt für die Einsatzfähigkeit der Streitkräfte, vor allem der Spezial- und Spezialisierten Kräfte. (Alle Fotos: LMCO)

Sikorsky verspricht eine verfügbare Einsatzbereitschaft der Flotte von >89%. Nach letzten Informationen ist eine zugesicherte Einsatzbereitschaft aber kein Ausschreibungskriterium im Rahmen der derzeit laufenden FMS-Anfrage. Nach den Erfahrungen mit anderen Plattformen wie NH90 und dem Kampfhubschrauber TIGER nicht wirklich nachvollziehbar. Um das auf andere Orte herunterzubrechen, von Deutschland wäre eine direkte Eigenverlegung bis nach Nord-Schweden, an den äußersten Nordzipfel von Finnland, nach Estland, zur Grenze Polen-Ukraine, nach Rumänien oder sogar der Grenze zwischen der Türkei und dem Iran möglich. Also an die NATO-Außengrenzen im Osten. Und wie wichtig eine solche Fähigkeit im Ernstfall ist, zeigen die aktuellen Ereignisse. Eine Beschaffung ohne zugesicherte und zertifizierte Luftbetankungsoption ist genauso wenig nachvollziehbar, wie eine verpflichtende Verfügbarkeit.

Manchmal muss man wirklich hinterfragen, ob die Bundeswehr aus den vielen problematischen Beschaffungen der Vergangenheit, etwas gelernt hat. Vor allem bei den Hubschraubern. Zusagen der Industrie taugen nichts, wenn es nicht im Vertrag fixiert ist. Zu oft wurden Fähigkeiten in der Zukunft versprochen und dann nur gegen enorme Mehrkosten oder am Ende gar nicht umgesetzt. Bis heute existiert kaum eines der avisierten und versprochenen Kits für den Mehrzweck-Hubschrauber NH90. Und auch beim Thema Luftbetankung fand die Nachrüstung der vorhandenen CH-53 oder NH90 nicht statt, wohl zu kompliziert, bzw. erst gar nicht umsetzbar.

Sikorsky verspricht einen modernen Hubschrauber mit zahlreichen und serienmäßigen Ausstattungsmerkmalen. Die Option zur Luft-Luft-Betankung wurde schon angesprochen, sie kann 12 Tonnen als Innenlast und mehr als 16 Tonnen als Außenlast transportieren. Im Bereich Kabine, Cockpit und Laderaum verfügt sie über einen integrierten ballistischen Schutz gegen Geschosse im Kaliber bis zu 12,7 mm (.50 BMG). Integriert heißt immer vorhanden, muss nicht noch extra eingerüstet werden und geht nicht zu Lasten der Nutzlast. Als Schutz ist unter anderem ein DIRCM (Directed Infrared Counter Measures) integriert. Als MOTS-Variante würde das Northrop Grumman AN/AAQ-24 (V) LAIRCM bereits integriert sein. Dieses wird von der Bundeswehr bereits beim A340 der Luftwaffe genutzt. Bei entsprechendem Entwicklungsaufwand wären auch andere Systeme möglich wie das J-Music von Elbit Systems, das für die israelischen CH-53K vorgesehen ist. Als Beispiel für eine mögliche Bewaffnung hat das U.S. Marine Corps (USMC) seine Maschinen mit insgesamt drei Waffenstation und einer .50 BMG Waffe ausgestattet. Auch diese wäre durch die Bundeswehr ohne Aufwand und unverzüglich umsetzbar, da auch Deutschland über entsprechende Waffen verfügt. Deutschland könnte die USMC-Variante eins-zu-eins übernehmen, wenn gewünscht könnten natürlich auch Anpassungen vorgenommen werden, dies ist zum Beispiel üblich im Bereich der Funkgeräte – u.a. wegen Krypto – oder des Electronic Warfare Systems (EWS). Ansonsten entspricht oder übertrifft die Kilo die Anforderungen der Bundeswehr in allen Bereichen. Für eine zukunftsfähige Weiterentwicklung wichtig ist auch das Vorhandensein einer ausreichenden Strommenge an Bord, um Sensoren und Kits zu versorgen. Selbst „stromhungrige“ Sensoren wie High-Energy Laser sollen laut Sikorsky möglich sein.

Was die Maximallast – als Innen- und Außenlast – angeht, da kann derzeit niemand der CH-53K das Wasser reichen. Und selbst bei maximaler Zuladung ist die Reichweite noch entsprechend groß.

Frühere Verfügbarkeit in Aussicht

Aus der laufenden Serienfertigung bei Sikorsky ist eine Auslieferung der ersten Serien-Luftfahrzeuge bereits ab 2025 möglich. Das USMC kann als Hauptnutzer der CH-53K bereits deutlich früher eine gemeinsame Ausbildung zur Umschulung von deutschen Besatzungen anbieten. So ist zu hören, dass das USMC zwei Maschinen bereits für 2023 angeboten hat, um mit diesen sowohl die Zertifizierung im BAAINBW und bei der WTD 61 durchzuführen als auch die Ausbildung der Ausbilder frühzeitig zu starten. Damit bei dem Zulauf der weiteren Maschinen 2025 sowohl die Zertifizierung abgeschlossen sowie eine Ausbildungsstruktur aufgebaut ist. Die weiterführenden Fertigungskapazitäten ermöglichen es darüber hinaus, dass die aktuelle CH-53G-Flotte der Bundeswehr planmäßig im Jahr 2030 außer Dienst gestellt werden kann.

Deutsch-amerikanisches Team

Hersteller Sikorsky stützt sich dabei auf ein großes und nach eigenen Angaben starkes deutsches Team ab. Dieses wurde um die deutsche Führung Rheinmetall aufgebaut und umfasst MTU Aero Engines (Triebwerk), AutoFlug (Kabinenausstattung), Hydro (Sonderwerkzeuge), ZF (Dynamische Komponenten), Collins Aerospace (Avionik), Reiser (Ausbildung), Hensoldt (Schutzsysteme), Rohde & Schwarz (Funk), Liebherr (Fahrwerk) sowie Vincorion (Winde). Dank dieses Teams soll ein bruchfreier Übergang von der CH-53G-Familie auf die neue STH-Flotte sichergestellt werden.

„Die CH-53K erfüllt bereits in der marktverfügbaren Basisversion alle relevanten Missionsanforderungen der Bundeswehr“, so Christian Albrecht, Leiter Geschäftsentwicklung Sikorsky Deutschland. „Aufwendige sowie technologisch und finanziell risikobehaftete Nachrüstungen oder langwierige Entwicklungszyklen sind nicht notwendig. Vor allem die serienmäßig integrierte Fähigkeit zur Luftbetankung erweitert Einsatzradius und -möglichkeiten der CH-53K erheblich. Damit ergibt auch die künftige Nutzung des Tankflugzeugs KC-130J, welches die Bundeswehr derzeit eigens zur Luftbetankung von Hubschraubern beschafft, nur in Verbindung mit der CH-53K Sinn.“

Das Team um Rheinmetall stellte auf dem Pressegespräch noch einmal deutlich heraus: Die schweren CH-53-Transporthubschrauber des USMC sind die einzigen Hubschrauber der US-Streitkräfte, die einen solchen Einsatz mit schweren Lasten bei den erforderlichen hohen Fluggeschwindigkeiten zur Kontaktaufnahme mit dem Tankflugzeug ermöglichen. Eine gesonderte Zulassung mit einem erheblichen Realisierungsrisiko durch drohende Programmverzögerung wird für die Luftbetankung nicht benötigt. Zudem verfügt die CH-53K über eine gültige militärische Musterzulassung über das gesamte STH-Fähigkeitsspektrum. Diese Zulassung wurde von der zuständigen US-Luftfahrtbehörde Naval Air Systems Command (NAVAIR) erteilt, die bereits vom Luftfahrtamt der Bundeswehr (LufABw) anerkannt ist.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass laut Einstufung des US-Verteidigungsministeriums (DoD) die CH-53K ein STH ist, die CH-47 aber ein Mittlerer Transporthubschrauber (MTH).

Die Kombination aus hoher Nutzlast, bei gleichzeitiger hoher Reichweite, und bei Bedarf in Kombination mit der Luftbetankung geben der Bundeswehr eine bisher nie dagewesene Flexibilität im Lufttransport sowie bei Spezialoperationen.

Lebenswegkosten

Das Team Sikorsky/Rheinmetall ist zudem fest überzeugt, dass: „über die gesamte Laufzeit hinweg die CH-53K im Vergleich zum Wettbewerber die deutlich wirtschaftlichere Wahl ist. Zum einen fällt der Stückpreis der CH-53K auf Grund der weiter hochlaufenden Serienfertigung stetig und wird diesen Trend mit weiteren Aufträgen – etwa mit dem Vertragsschluss der israelischen Luftwaffe – fortsetzen. Weitere Nationen, darunter die Schweiz und Südkorea, haben mittlerweile ebenfalls offiziell Interesse an der CH-53K bekundet. Für eine echte Trendumkehr sprechen Anfragen aus mehreren Ländern, die derzeit noch die CH-47 nutzen.“ Beim Vergleich der Preise ist zudem das Vorhandensein bestimmter Ausstattungsmerkmale mit einzuberechnen, die ggf. woanders noch mit eingepreist werden müssen, hier sind sicherlich die Luftbetankung sowie das DIRCM zuerst zu benennen.

Rheinmetall weiter: „Darüber hinaus bietet die CH-53K als einziger volldigitalisierter schwerer Transporthubschrauber mit modernster Technologie, hoher Flotteneffizienz und geringem Wartungsbedarf eine Verfügbarkeit von über 89 Prozent. Die Modernisierung der Luftwaffe könnte hier am Beispiel des USMC bzw. der israelischen Luftwaffe und der dort vorhandenen Integration und Interoperabilität von F-35, C-130J und KC-130J, weiter fortgeführt werden. Passend zur aktuellen Personalsituation der Bundeswehr benötigt die CH-53K damit nur 30 Prozent des Wartungspersonal älterer Luftfahrzeuge. Aufgrund ihrer baulichen Ähnlichkeit sowie der geringen benötigten Stückzahl bei gleichzeitig hoher Verfügbarkeit, könnte die Bundeswehr beim Kauf der CH-53K außerdem die bisherige Infrastruktur an den Standorten der Bundeswehr weiter nutzen. So verfügt die CH-53K wie ihr Vorgänger serienmäßig über eine automatische Rotorblattfaltanlage. Für die Bundeswehr würde dies Schätzungen zufolge eine zusätzliche Kostenersparnis in Höhe von rund 250 Millionen Euro bedeuten. „

„Die Bundesregierung hat sich zuletzt unmissverständlich dazu bekannt, die Bundeswehr zur modernsten Armee Europas ausrüsten und das beste Gerät beschaffen zu wollen“, so Mike Schmidt, Geschäftsführer der Rheinmetall Aviation Services GmbH sowie Projektleiter STH. „Die Bundeswehr sollte daher auch nach Aussage des Bundesverteidigungsministeriums marktverfügbare Lösungen für einen zeitnahen Fähigkeitsaufbau, vor allem zur Stärkung der Verlegefähigkeit, beschaffen. Nur die CH-53K kann die bestehenden Fähigkeitslücken der Bundeswehr in der NATO und in Europa schnell, umfassend und zukunftssicher schließen.“

apf

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