>>MGCS wird kein Panzer sein<<

apf

26/10/2022

Interview mit Ralf Ketzel, Geschäftsführer Krauss-Maffei Wegmann (KMW), und Mathias Nöhl, Bereichsleiter Systemtechnologien bei KMW

wt: Sehr geehrter Herr Ketzel, wie sieht denn der aktuelle Fahrplan für KNDS (KMW+NEXTER Defense Systems N.V.) aus? Was wird in der Zukunft aus KMW?

Ketzel: Die KNDS basiert ja auf zwei Pfeilern. Das sind die französische Nexter als Systemhaus für Frankreich und KMW als Systemhaus in Deutschland insbesondere für die schweren Systeme, wie etwa LEOPARD-2 und Panzerhaubitze. Zielsetzung ist die Kooperation beider Systemhäuser auf der Ebene der KNDS. Das wird weiter zusammenwachsen und hängt im Wesentlichen davon ab, wie weit es politisch gewollt ist. Wehrtechnik ist immer ein politisches Thema, und die KNDS ist Teil der Europäisierung der Zusammenarbeit im Bereich europäische Rüstung. Hier sind Deutschland und Frankreich politisch das europäische Schlüsselpaar. Wie gut und wie eng es zusammengeht, wird davon abhängig sein, wie sich Programme weiterentwickeln. Wir haben das Thema ja im MGCS [Anm. d. Red.: Main Ground Combat System].

Ralf Ketzel, Geschäftsführer Krauss-Maffei Wegmann. (Foto: KMW)

wt: Die europäische und teilweise auch die Weltordnung wurden neu sortiert im Februar mit dem russischen Angriff auf die Ukraine. In Deutschland wurde von Zeitenwende, Vollausstattung, moderner Ausrüstung, schnellerer Beschaffungsprogramme geredet. Wie bewerten Sie die Situation. Sehen Sie das schon durch Anfragen? Sehen Sie das schon im Auftragsbuch?

Ketzel: Im Moment würde ich das anders beschreiben. Wir sind in einem gewissen Krisenmodus. Wir haben Beschaffungen, die jetzt für die Ukraine veranlasst werden. Bekannt ist der GEPARD, bekannt ist die Panzerhaubitze 2000. Das sind auch die Themen, die gewisse Nachbeschaffungen erfordern. Ansonsten denke ich, dass das Heer zu seiner ursprünglichen Planung steht. Die hatte aber bereits die Landes- und Bündnisverteidigung im Blickfeld gehabt. Die Elemente Schwer, Mittel und Leicht werden weiter ausgeplant. Ein komplettes Umdenken war also auch nicht notwendig, weil die NATO im Prinzip seit vier bis fünf Jahren genau über diese neuen Strukturen nachdenkt. Ich halte es für wichtiger, dass viele Länder, die derzeit nicht über die Ausstattung verfügen, Notwendiges nachrüsten. In Deutschland gibt es ja unterschriftsreife Modernisierungsprogramme. Hier hoffen wir dringend, dass diese umgesetzt werden. Ein Stichwort ist hier die PUMA-Beschaffung und Nachrüstung, um moderne Systeme für die veralteten Marder zu erhalten. Genauso gehen wir davon aus, dass Artillerie modernisiert und erweitert wird. Und wir gehen davon aus, dass natürlich viele Nationen auch einen Nachholbedarf haben. Zusammenfassend: Perspektive klar, Umsetzung derzeit einfach Krisenmanagement.

Mathias Nöhl, Bereichsleiter Systemtechnologien bei KMW. (Foto: KMW)

wt: Sie haben es eben schon angesprochen, MGCS. Sicher eines der wichtigsten Rüstungsprojekte, auch politisch, aber wie ist hier der Sachstand? Wie kann man sich den „way ahead“ für dieses Projekt vorstellen? Wird es irgendwann – ich nenne es jetzt mal LEOPARD X.0 – geben, oder ist das mehr ein Evolutionsprozess über viele Zwischenschritte?

Ketzel: Ich gehe davon aus, dass man dies beim MGCS ganz richtig beantwortet hat: Sind bestimmte Dinge, die evolutionär erscheinen, sinnvoll oder muss man ein Systemumdenken einleiten? Nehmen wir die Beispiele für Umbrüche: Bei der Luftwaffe gab es irgendwann den Umstieg vom Propeller zum Jet und damit einhergehend entsprechend andere Einsatzgrundsätze. Bei den Seestreitkräften führte der Weg vom Segelschiff zum Dampfantrieb und dann weiter vom Schlachtkreuzer zum Flugzeugträger. Im Heer wurde aus der Kavallerie die Panzertruppe.
Jetzt müssen wir Themen anders angehen, als dies bisher mit den traditionellen schweren Panzern geschehen ist. Zu den wichtigsten Treibern gehören dabei mit Sicherheit die Anforderungen an Digitalisierung, Vernetzung und Bedienbarkeit, die eine ferngesteuerte remote oder gar automatisch unbemannte unmanned Operation gestatten. Die kann man in dem bestehenden Panzerdesign nicht lösen. Wir sind beim PUMA schon auf einem guten Weg mit dem unbemannten Turm. Will sagen: Wo Soldaten in konventionellen Systemen exponiert sind und man die höchste Wahrscheinlichkeit hat, sein Leben zu verlieren, haben wir diese gefährliche Positionierung beseitigt. Unsere Aufgabe sehen wir darin, Krisen zu managen, ohne Menschen einer solchen Gefahr auszusetzen. 

wt: KNDS – also KMW und Nexter – sind bei MGCS gesetzt. Jetzt hat auf der Eurosatory in Paris ein Mitkonkurrent einen sehr viel beachteten Aufschlag gemacht. Wird es am Ende mehrere Konkurrenzprodukte geben? Auch verschiedene Effektoren zum Beispiel auf so einem Fahrzeug?

Ketzel: Es wird natürlich – das ist bei Technik immer so – verschiedene Lösungen geben. Ich glaube nicht, dass das, was da der Wettbewerb dargestellt hat, ein Angriff aufs MGCS war. Das war im Prinzip eher eine ummantelte Darstellung einer schon vor Jahren vorgestellten Kanonenentwicklung. Die wollte man wohl ein bisschen prominenter abbilden. Betrachten Sie das Fahrzeug: Es ist ein LEOPARD-Fahrgestell und ein bemannter Turm geblieben. Konkret bedeutet dies: MGCS wird kein Panzer sein. Vielmehr wird man beantworten müssen, wie der modulare Gedanke der Plattform eine zentrale Rolle übernehmen kann. Ich bin überzeugt, dass Themen wie Remote-Steuerung und Remote-Überwachung eine größere Rolle spielen werden. Ich denke auch, dass das Schlagwort „unmanned“, insbesondere bei der Waffenplattform, von großer Bedeutung ist. Hier wurde ein „manned“-Konzept vorgestellt, das „old fashion“ ist. Also: Das war zwar ein interessanter und werbewirksamer Auftritt, aber keine Antwort für das, was das MGCS sein wird. Wenn man bedenkt, dass dieser Partner ja auch in die Gruppe der MGCS-Beteiligten gehört, macht es keinen Sinn, dass man das System angreifen will. Das MGCS sollten wir alle zusammen zu einer europäischen Lösung bringen. Als KNDS haben wir auf der Eurosatory in Paris genau das dargestellt, was man von einem MGCS erwartet: Verschiedene Technologien, Robot Systeme, Mobilitätsplattformen, neue Waffen und natürlich unbemannte Türme, die neu sind und neu zusammengefügt werden im Sinne des Plattformgedankens. Die mittleren Kräfte sind dafür derzeit die aktuelle militärtechnische Grundlage. Darauf haben wir heute eine Antwort: den BOXER. Es ist also nur logisch zu denken, dass beim MGCS derzeit modulare Technologiedemonstratoren gefordert sind und nicht fertige Panzer.

Nöhl: Die Themen Digitalisierung und manned/unmanned teaming sind elementar. Das gilt für das MGCS und gilt für die mittleren Kräfte eigentlich noch viel mehr. Die Abstandsfähigkeit, die wir brauchen, bedeutet, die bemannten Plattformen möglichst weit hinten zu halten, damit sie eben nicht in einen bewaffneten Konflikt mit einer schweren Plattform geraten. Wir müssen lernen, die Plattform zu verlassen und eine Missionslösung vor Augen zu haben. Das ist etwas, was wir schon vor einigen Jahren angefangen haben. Wir haben uns auch deshalb an der Milrem Robotics beteiligt, denn wir wollen die unbemannten Anteile in den Vordergrund stellen. Dafür haben wir unser System Digital Twin, bei dem es eben genau darum geht, künftige Missionslösungen jetzt schon zu denken. Solche Systeme sind natürlich neu per Definition. Also kann heute niemand präzise sagen, wie damit umzugehen ist. Deswegen sind wir überzeugt, dass die Mutation dieser Missionslösungen von Anfang an im Zentrum der Überlegungen stehen muss. Von diesem Punkt aus sind die Anforderungen zu definieren. Das machen wir gemeinsam mit den Kunden und wollen dabei zugleich lernen, wie wir daraus den maximalen Nutzen ziehen können. Für uns sind diese Dinge also immer ein Gleichklang zwischen einem zukünftigen System und einem sehr frühen Einbinden des Nutzers in die Simulation.

KMW überraschte mit einem Ketten-Boxer auf der Eurosatory. Dieser ist damit noch geländegängiger und kann noch mehr Nutzlast aufnehmen als sein Rad-Bruder. Die Missionsmodule bei beiden Varianten sind identisch. (Foto: KMW)

wt: Nicht zuletzt, dank des Kriegs in der Ukraine, erlebt auch die Artillerie eine Renaissance. Die Ukraine soll 100 Panzerhaubitzen 2000 bekommen. Wann sollen dort die ersten Fahrzeuge zulaufen? Und die Ukraine hat ja durch Deutschland und die Niederlande auch Panzerhaubitzen 2000 erhalten. Macht es in diesem Zuge Sinn, auch für Deutschland und ggfs. Die Niederlande, wenn das gewollt ist, diese fehlenden Systeme zu ersetzen? Thema: Vollausstattung. Und dann im Bereich der Obsoleszenzbeseitigung zu arbeiten?

Ketzel: Wir haben bei der Artillerie zwei Entwicklungen. Zum einen die Produktion von 18 der RCH 155 für die Ukraine [Anm. d. Red.: Remote Controlled Howitzer 155 mm]. Zunächst hatte die Ukraine 100 Panzerhaubitzen bereits vor geraumer Zeit angefragt. Es wird politisch zu entscheiden sein, wie es hier weitergeht, denn das Vorhaben muss auch finanziert werden. Wir gehen davon aus, dass so ein Programm eine Vorlaufzeit von zwei Jahren bis zweieinhalb Jahren braucht, bis wir die ersten Systeme ausliefern können. Das sind auch die Rahmenbedingungen bezüglich der deutsch-niederländischen Diskussion und des Obsoleszenz-Managements. Wir haben in den letzten Jahren Artilleriesysteme für Katar und Ungarn geliefert. In diesen Programmen ist ein großer Teil des Obsoleszenz-Managements bereits behandelt worden. Wir müssen in Deutschland und in den Niederlanden nun auch diese Änderungen und spezifische Wünsche realisieren. Mit anderen Worten: Wenn wir jetzt neue Panzerhaubitzen herstellen, dann ist das Problem zum Großteil schon gelöst.

Die RCH 155 hat bereits mehrfach bei Vorführungen gezeigt, dass sie auch aus der Bewegung heraus schießen kann. (Foto: AF)

wt: Sie haben es angesprochen, die RCH 155. Auch in der Bundeswehr gibt es eine Planung, die Artilleriekräfte zu verdoppeln und nachher genauso viele RCH 155-Systeme oder vergleichbare wie Panzerhaubitzen 2000 zu haben? Wie bewerten Sie das? Gerade im Hinblick auf die mittleren Kräfte.

Ketzel: Für die mittleren Kräfte ist diese schwere Artilleriekomponente extrem wichtig. Die mittleren Kräfte sollen ja nicht schwach sein, sondern ein Gefecht erfolgreich führen können. Dazu brauchen sie wirkungsvolle Feuerunterstützung. Aufgrund der hohen Mobilitätsforderung verfügen sie über keine Panzer. Damit kommt der artilleristischen Feuerunterstützung eine besondere Bedeutung zu. Die RCH 155 bietet exakt diese Möglichkeit. So bleibt man im Prinzip, was die Artilleriefeuerkraft angeht, gleichwertig gegenüber schweren Kräften. Militärische Führer haben dabei den Vorteil des schnellen Verlegens. Gleichzeitig bietet die RCH 155 mm eine signifikante Überlegenheit im artilleristischen Duell. Aufgrund der Fähigkeit des Schießens aus der Fahrt muss sie das Gegenfeuer (Counter Fire) nicht fürchten. Sie bietet bei einer Besatzung von nur zwei Mann mehr Schutz als eine Panzerhaubitze 2000 mit fünf Mann. Damit ist die RCH 155 ein Waffensystem, das für die mittleren Kräfte passgenau konzipiert und hergerichtet ist. Wenn man dagegen in hochdynamischen Gefechten und in Gebieten mit hoher Aufklärungsdichte statisch aus der Stellung feuern muss, wie früher etwa mit der FH70, oder ein LKW erst mühsam seine Abstützung auslegen muss, wird das sehr problematisch.

wt: Die Bundeswehr wird ja in Zukunft ihre Divisionen in Schwer-, Mittel- und Leicht gliedern. MGCS ist das System dann für die schweren Kräfte. Was an Systemen außer der RCH 155 hätten Sie noch im Angebot für die mittleren Kräfte?

Ketzel: Wir haben uns damit intensiv auseinandergesetzt. Die Forderung ist ja, dass die mittleren Kräfte eigentlich über alle Fähigkeiten verfügen sollen, die auch die schweren haben. Für die Pionierkräfte haben wir entsprechend ein Brückenverlegesystem auf dem BOXER entwickelt, das sogar in gewissen Umfang kompatibel zu den Brücken der schweren Einheiten ist. In Zusammenarbeit mit der FFG entstand ein vielseitiges Recovery-System. Machbar ist auch die Integration schwerer Türme. Neben der Einrüstung eines 105-mm-Turmes auf einen BOXER haben wir auf der Eurosatory in Paris auch einen Technologiedemonstrator für einen 120 mm-Turm vorgestellt. Das ist machbar. Mit der RCH 155 beweisen wir, dass das Fahrgestell des BOXERs im Prinzip in der Lage ist, selbst größte Belastungen aufzunehmen – im direkten wie auch im indirekten Schießen. Der Phantasie sind so keine Grenze gestellt.

Das MGCS nur als „schwer“ zu betrachten, halte ich für kurz gedacht. Wir werden auch für die mittleren Kräfte schon viele Fragestellungen beantworten müssen, die dem MGCS zugeordnet sind. Eine davon ist, das Gefecht in exponierten Situationen zu beherrschen, ohne über den schweren überlegenden Panzerschutz eines LEOPARD-2 zu verfügen. Wir müssen ebenfalls schon jetzt in der Lage sein, Robotik anzuwenden. Wenn man dicht an den Feind herangehen muss, benötigt man Hilfsmittel, die auch Operationen ohne direkte Gefährdung eigener Soldaten erlauben. Also wird das MGCS-Konzept auch in den mittleren Kräften eine Ausprägung haben.

Nöhl: Da kann es auch durchaus Rückwirkungen geben. Wenn man in der Definition der mittleren Kräfte diese konzeptionellen Ansätze wie etwa Abstandsfähigkeit mitdenkt, gewinnt man auch Rückwärtserkenntnisse für das MGCS. Wir werden das sehr früh mit dem Nutzer zusammen eruieren müssen. In den Bereichen Teaming Manned/Unmanned oder bei Drohnen, also UAV (Unmanned Aerial Vehicle) und UGV (Unmanned Ground Vehicle), können Lösungen entstehen, die wahrscheinlich auch Gültigkeit haben können für das MGCS. Die werden nicht unbedingt trennbar sein müssen. Es spricht ja nichts dagegen, unbemannte Komponenten in beiden Systemen gleich zu verwerten.

In Zukunft wird das Zusammenspiel zwischen bemannten und unbemannten Platformen einer der wichtigsten Aspekte und Kampfkraft-Multiplikatoren sein. Hier das UGV TheMIS der Firma Milrem Robotics. (Foto: KMW)

wt: Werden wir auch Manned/Unmanned Teaming im Bereich RCH 155 sehen, also damit so ein System ggfs. auch eigenständig aufklären kann und nicht auf Joint Fire Support Teams im vorderen Bereich angewiesen ist?

Nöhl: Das Konzept ist so angelegt, dass die Sensor-to-Shooter-Kette initiiert wird vom Bedarfsträger – also vorne. Das Konzept, inwieweit die Drohnen verfügbar gemacht werden, beginnt im Prinzip vorne bei der Kampftruppe. Das spricht nicht dagegen, auch eigene Aufklärungsmittel zu haben, wie etwa den vorgeschobenen Beobachter. Aber ich denke, der Bedarf besteht vorne. Wenn wir die weitreichenden Aufklärungsmittel wie etwa UAV noch ergänzen, glaube ich, entsteht der noch weiter vorne.

wt: Sie hatten die mittleren Kräfte angesprochen. Es hört sich sehr nach einer kompletten Familie auf BOXER-Fahrgestell an. Was ist noch alles möglich? Sie haben 120 mm angesprochen. Führungsfahrzeuge haben wir schon, SanKfz, die RCH 155, usw. Was ist noch denkbar in dem Bereich?

Ketzel: Der Phantasie für BOXER-Applikationen sind keine Grenzen gestellt. In der BOXER-Familie stellen wir schon heute die bekannten operativen Applikationen dar, also integrierte Radarsysteme aber auch Raketenwerfersysteme wie MLRS (Multiple Launch Rocket System). Ob das auch in der Nutzen-Kostenrechnung angebracht ist, muss sich zeigen. Der BOXER bietet einfach sehr vielfältige Optionen aufgrund seiner Geländegängigkeit und seines Schutzes.  Wir wissen aber auf der anderen Seite, dass die mittleren Kräfte auch leichtere Fahrzeuge vorsehen, also Führungsfahrzeuge anderer Art und Aufklärungsfahrzeuge, die kleiner sind als der BOXER.

wt: Wo wir auch schon bei Familien sind. Sie sind zuletzt eine Partnerschaft mit einem niederländischen Hersteller Defenture eingegangen für ihre Luftlandeplattform. Welche Rolle hat KMW dort? Welche Komponenten wird KMW beistellen?

Ketzel: Defenture ist eine hervorragende Firma mit hoher Ingenieur-Kompetenz im Geländewagenbau. Allerdings braucht Sie bei der zu erwartenden Größe des Programms einen wirtschaftlich starken Partner, der auch auf den weiteren europäischen Markt öffnet. Hier ist die KNDS einfach ein sehr guter europäischer Partner. KMW hat technologisch mit dem Einsatzkonzept MUNGO ja schon früher nachgewiesen, dass wir in dieser Fahrzeugklasse einen Platz haben und uns behaupten können. Auch das gepanzerte G-Modell wurde zunächst von KMW produziert. Zum einen haben wir also die Fähigkeiten der KMW, partnerschaftlich eine Produktion aufzubauen, und zum anderen verfügen wir über ein sehr hohes wehrtechnisches Know-How. Die internationalen Co-Produktionsprogramme in Schweden, Singapur, Griechenland und auch Spanien haben bewiesen, dass KMW kooperativ in fremden Fertigungseinrichtungen eine effektive Fertigung etablieren kann. Das hohe Maß an wehrtechnischem Know-How, über das vielleicht ein Partner in dieser Form nicht verfügt, wird benötigt, um Forderungen bei der Integration von Bewaffnung oder Kommunikationsmitteln gerecht zu werden. Im Team werden wir gemeinsam der Truppe nicht nur ein gutes geländegängiges Fahrzeug liefern, sondern ein hochmobiles Gefechtsfahrzeug. Deshalb gibt es bei uns hier im Werk auch eine spezielle Halle für elektromagnetische Versuche. Damit stellen wir Einsatztauglichkeit sicher.

wt: Bleiben wir gleich bei Partnerschaften. Sie haben mit Rheinmetall zusammen ein Joint Venture in Litauen, LDS, gerade auf die Beine gestellt. Dort wird eine Produktionshalle bzw. auch eine Halle für Instandsetzung aufgebaut. Was ist hier das Ziel?

Ketzel: Es ist in erster Linie Instandsetzung. Litauen steht im Focus der NATO und ist Käufer von Produkten, die von KMW und Rheinmetall kommen. Daraus resultiert eine hohe Verpflichtung, vor Ort guten Service zu liefern. Das ist die Motivation für dieses Joint Venture, das jetzt erfolgreich läuft. Litauen ist beim Thema Instandsetzung auch Partner für die Ukraine. Mit der LDS ist ein guter Schritt gemacht, um zu signalisieren, dass wir partnerschaftlich diesen Ländern einiges bieten. Wir werden dort auch vornehmlich litauisches Personal beschäftigen. LDS ist nicht ein Hallenbetrieb von deutschem Kundendienstpersonal, sondern wird eine litauische Niederlassung werden, die diese Aufgaben selbstständig erfüllt.

Nöhl: Das ist ein exzellentes Beispiel dafür, dass unsere Ankündigungen auch umgesetzt werden. In Litauen können Sie „as we speak“ schon beobachten, dass da etwas passiert und dass die Instandsetzung läuft.

Blick in den FENNEK-Trainer von KMW. (Foto: KMW)

wt: Wir haben das MGCS, die Mittleren Kräfte, die BOXER-Familie und die Luftlandeplattform angesprochen, was können wir an Systemen, an Technologien aus Ihrem Hause in absehbarer Zukunft noch erwarten?

Ketzel: Wir setzen uns zum Beispiel intensiv mit dem Thema Raketenwerfer auseinander. Beim PUMA arbeiten wir an UAV- und Flugabwehrfähigkeiten. Der nächste wichtige Schritt ist für MGCS, BOXER und die mittleren Kräfte das Thema Remote Controlled Operation. Wir sehen von uns aus nicht die Notwendigkeit, einen neuen Panzer zu entwickeln. Wir setzen darauf, dass das MGCS die Zukunftsanforderungen lösen wird. Gleichzeitig sind wir sehr sicher, dass der LEOPARD-2 für seine zahlreichen Nutzerländer immer noch die beste Lösung ist. Deswegen: Ein PANTHER? Nein, nicht von uns. Die Mittleren Kräfte sind natürlich ein großes Thema. Würde man sich hier von dem querschnittlichen Plattformgedanken trennen, wäre dies ein ziemlicher Fehler. Gerade wenn man MGCS diskutiert und zukünftige Fahrzeuge einschließlich Logistik betrachtet, benötigt man den Plattformgedanken. Mit dem BOXER ist dies gelungen. Wenn wir zurückblicken, waren Instandsetzung und Logistik komplex. Früher hat die Bundeswehr den Marder, den LEOPARD-1, den M48 und den LEOPARD-2 parallel betrieben. Diese hatten logistisch nichts miteinander zu tun. Wenn man jetzt eine Task Force in einen Einsatz schickt und für fünf bis zehn verschiedene Fahrzeuge die Logistik aufbauen muss, Fahrer ausbilden und noch viel mehr, dann wird das keine Erfolgsstory. Der BOXER schafft hier eine extreme Vereinfachung.

Der PUMA hat bereits seine Counter-UAV Fähigkeiten unter Beweis gestellt. Lediglich ein passiver Sensor der Firma Dedrone GmbH und Anpassung an der PUMA-Software mussten vorgenommen werden, um dem PUMA mit einer Drohnen-Abwehrfähigkeit auszustatten. (Foto: AF)

wt: Das Thema ist Flugabwehr auch in Deutschland. Wir haben es gerade letzte Woche nochmal mit Aero 3 für den oberen Layer gehabt. Was ist denkbar, z.B. auf einem BOXER-Fahrgestell an Schutz für Infanteriekräfte, für Kräfte „on the move“? Was könnte es hier geben?

Nöhl: Generell ist es so, dass man davon ausgehen darf, dass sich diese Forderungslage im Projekt Nah- und Nächstbereichsschutz (NNbS) manifestiert hat. Dass hier grundsätzlich Bedarf besteht, ist gar keine Frage. Den gibt es beim begleitenden Fla-Schutz, der im Prinzip autark möglich ist. Der BOXER bietet selbstverständlich auch für diesen Einsatzweg alle Voraussetzungen als Plattform. Welche Missionslösung dann darauf kommt, ist eine andere Frage. Das werden das Projekt TLVS (Taktisches Luftverteidigungssystem) und NNbs zeigen. Das wird natürlich ein sehr großes Vorhaben, weil es ein kompletter Bruch ist mit dem, was wir früher gemacht haben. Ich halte es auch im Bereich der Digitalisierung und Kommunikation für anspruchsvoll. Aber generell, was den Plattformgedanken angeht, muss man sich keine Sorgen machen, dass der BOXER das nicht kann.

Ketzel: Hinzu kommt, dass durch neue Bedrohungen das Thema 3D-Rundum-Verteidigung mehr auf die Plattform übertragen werden muss. Die Automatisierung im Defence-Schutz Bereich ist technisch gar nicht mehr zu verhindern. Neben dem aktiven Schutz gegen Lenkflugkörper werden sehr schnell automatische Systeme Rollen übernehmen, die einen Schutz gegen UAV etc. bieten, den man früher mit einer Besatzung nicht hinkriegen konnte: einen automatischen semi-aktiven Schutz gegen Drohnen. Das Konzept einer Flugabwehrfähigkeit gegen Drohen auf einem Gefechtssystem, wie wir es beim PUMA-Turm erreicht haben, bietet einen signifikanten Schutz. Ein separates System leistet nicht das gleiche, denn hier treten im Einsatz tote Winkel auf. Ebenso gibt es Abdeckung in Geländebereichen, die die Wirkmöglichkeit minimiert. Auch beim MGCS müssen genau diese Gedanken weiterverfolgt werden.

wt: Herr Nöhl, Sie haben das Thema Simulation jetzt schon mehrfach angesprochen. Was genau betreibt die KMW hier mit Ihrem Simulationszentrum? Und welche Möglichkeiten und Vorteile bietet diese Herangehensweise in ihrer Entwicklungsarbeit, aber auch gegenüber dem Kunden/Nutzer?

Nöhl: Die Komplexität moderner Missionslösungen nimmt beständig zu und die frühzeitige Analyse und Verifikation neuer Systeme in diesem komplexen Environment wird immer schwieriger. KMW verfügt über die notwendige Erfahrung und über die erforderliche Simulationskompetenz, um neue Systeme frühzeitig erlebbar und überprüfbar zu machen. Hierzu ein Beispiel: Der Einsatz von unbemannten Assets auf dem Gefechtsfeld – seien es UGV oder UAV – führt zu neuen Herausforderungen in der erforderlichen Einbindung von Bedienern, um die notwendige beziehungsweise erforderliche Einbindung von Bedienern oder Operateuren zu analysieren und die Auswirkungen auf die CONOPS möglichst früh berücksichtigen und einplanen zu können. Mit Hilfe der KMW-Simulationstechnologie können wir den Level der Autonomie dieser zukünftigen Systeme bereits heute in der Simulation einstellen, um so die richtigen operationellen Ableitungen zusammen mit unseren Kunden während der Durchführung der Simulation erlangen zu können. Auf diese Weise können diese Systeme in einer virtuellen realistischen Gefechtsumgebung frühzeitig und mit Fähigkeiten erprobt werden, die möglicherweise erst auf dem Weg der Einführung vorhanden sein werden. KMW setzt diese Technologien bereits seit Jahren konsequent in der Entwicklung unserer Missionslösungen ein.

Artillerie-Turmtrainer von KMW. (Foto: KMW)

wt: Vielen Dank.

KMW-Broschüre zur Nutzung des BOXER als Basis für die „Mittleren Kräfte“ des Deutschen Heeres:

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