Nordatlantik / 1. September 2026 – Die Deutsche Marine hat erfolgreich eine ballistische Kurzstreckenrakete – LORA – getestet.
Nach erfolgter Kaufanfrage in den USA für Tomahawk-Marschflugkörper (wt berichtete) setzt Deutschland seine Überlegungen zur Schaffung von „Deep Strike“-Fähigkeiten fort: In dieser Woche wurde ein aus israelischer Entwicklung stammendes ballistisches Waffensystem großer Reichweite – LORA – auf See erfolgreich getestet. Hierbei handelt es sich um eine „quasi-ballistische“ Rakete – und wie das Kürzel verrät, über eine neue Fähigkeit für das Wirken über lange Distanzen („Long Range Attack“) mit einem Reichweitenpotenzial bis 500 km. Das von Israel Aerospace Industries (IAI) kontinuierlich an veränderte Einsatzszenarien weiterentwickelte Waffensystem gehört in die Kategorie der so genannten „Short-Range Ballistic Missiles“. Damit können wesentliche Anforderungen für das Erreichen einer glaubhaften Deep Strike-Fähigkeit mit großer Präzision erfüllt werden. Die Lenkung des Waffensystems erfolgt mittels einer Trägheitsnavigationsplattform (Inertial Navigation System; INS) und GNSS (Global Navigation Satellite System) mit einem laut israelischen Quellen ausgesprochen kleinen Streukreisradius (Circular Error Probable; CEP) von etwas mehr als zehn Metern. Waffensysteme wie LORA dienen damit der Abschreckung (deterrence).
Exkurs: Mit LORA in etwa vergleichbar ist das ballistische Kurzstreckenraketensystem ATACMS (Army Tactical Missile System), das zu Beginn der Jahrtausendwende auch für Marineanwendungen angeboten wurde. Die Türkei hatte 1997/1998 im Wege des FMS (Foreign Military Sales)-Verfahrens die von Kettenfahrzeugen (Multiple Launch Rocket System; MLRS) verschossene ballistische Kurzstreckenrakete erhalten und so für ein Maß an Abschreckungsfähigkeit bei ihren Landstreitkräften gesorgt. Für die türkischen Landstreitkräfte wurden insgesamt zwölf M270A1-Kettenfahrzeuge mit 120 M39A1-Raketen beschafft. Inzwischen prüft das US State Department eine Anfrage Ankaras über die Abgabe einer Anzahl von ATACMS Blk IA-Raketen an die Ukraine. Hierbei soll es sich um 70 M39 ATACMS-Raketen und zwölf M270 MLRS-Kettenfahrzeuge handeln.
Länder wie Russland, Indien, Pakistan, Nordkorea, die Volksrepublik China und der Iran verfügen über eindrucksvolle und ständig wachsende Arsenale von ballistischen Raketen verschiedener Klassen: von Kurzstrecken- über Mittelstrecken- bis hin zu Interkontinentalraketen. Auch nach mehr als einem halben Jahr Krieg gegen den Iran verfügt das Land über ein Arsenal von weitreichenden Waffensystemen – darunter vor allem ungelenkte (ballistische) Raketen.

(Fotos: Deutsche Marine)
Deep Strike-Fähigkeiten avancieren zu einer gefragten Kernkompetenz
Das im Nordatlantik in dieser Woche von einer Fregatte Klasse F125 getestete israelische LORA-System verspricht den erhofften Fähigkeitszuwachs bei der Deutschen Marine auf dem Gebiet der weitreichenden Wirkung gegen zeitkritische Ziele (time critical targets; TCTs). Seit vielen Jahren kennzeichnet eine Fähigkeitslücke das Wirkspektrum der Überwasserflotte. Sie beklagt seit Jahren einen Fehlbestand an modernen Waffensystemen – insbesondere gelenkte. Dass die Erkenntnisse nach viereinhalb Jahren Krieg in der Ukraine auf eine unaufhörlich wachsende Bedeutung solcher Waffensysteme (nicht nur bei den Landstreitkräften) hinweisen, zeigen die Entwicklungen bei der wehrtechnischen Industrie – hier insbesondere bei der israelischen. Sie gilt in vielen Teilen als Technologieführer. Mit ihrer Unterstützung kann es gelingen, einen sich stetig verstärkenden Bedarf bei der Bundeswehr – im Kontext der für das Jahr 2029 erwarteten Kriegstüchtigkeit – zu adressieren. Hier ist die von den USA geforderte Deep Strike-Fähigkeit nicht nur Deutschlands gemeint, die in den relevanten Domänen – Land, See, Luft – zu einem markanten Fähigkeitsaufwuchs führen soll. Beim Deutschen Heer erfolgt dies mit der inzwischen angelaufenen Beschaffung von aus israelischer Produktion stammenden EuroPULS-Mehrfachraketenwerfern. Bei der Luftwaffe will man Akzente mit der Beschaffung von TAURUS NEO setzen.
Was bleibt sind die Hauptwaffensysteme der Marine – Fregatten und Korvetten. Hier steht schon längst eine Reichweitenerhöhung im Raum. Mit den hier seit Jahrzehnten genutzten Lenkflugkörpersystemen – insbesondere HARPOON – ist das nicht leistbar. Auch genügt das Leistungspotenzial der im Rahmen einer deutsch-schwedischen Industriekooperation beschafften schweren Seeziellenkflugkörper RBS 15 Mk nicht aus, Deep Strike-Fähigkeiten in der jetzt geforderten Qualität zu schaffen. Mit dem derzeit auf den Korvetten Klasse 130 genutzten Seeziellenkflugkörpern RBS 15 Mk3 können Reichweiten bis lediglich 200 km erreicht werden. Kurzfristig soll der Erhalt von norwegischen NSM-Lenkflugkörpern für Besserung sorgen. Nichtsdestotrotz gilt für die Überwasserstreitkräfte Deutschlands und einiger europäischer Bündnispartner wie Dänemark und die Niederlande eine Reichweitensteigerung auf 300 km oder mehr als unerlässlich, um der überlegenen Reichweite gegnerischer Systeme angemessen begegnen zu können. Mit dem israelischen Waffensystem LORA kann das gewährleistet werden. Nachdem erste Testverschüsse im Nordatlantik erfolgreich verlaufen sind, gilt es jetzt, der Politik Handlungsempfehlungen an die Hand zu geben, die für eine (mögliche) Beschaffungsentscheidung von Nöten sind. Nur so kann eine seit langem bestehende Fähigkeitslücke geschlossen werden.
Stefan Nitschke
