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Was Abschreckung bewirkt

Die europäischen Nato-Mitgliedstaaten arbeiten derzeit am Aufbau von Fähigkeiten, die eine wirksamere Abschreckung im künftigen Sicherheitsumfeld ermöglichen sollen. Den europäischen Nato-Staaten mangelt es in diesem Bereich an wesentlichen Fähigkeiten; ein Umstand übrigens, der von den Vereinigten Staaten wiederholt kritisiert wurde – so auch beim jüngsten Nato-Gipfel in Ankara (7. und 8. Juli). Nun strebt Europa einen entscheidenden Durchbruch an: Die europäischen Nato-Verbündeten planen, verstärkt wieder in militärische Kernfähigkeiten zu investieren – darunter Luftstreitkräfte, strategische Kommunikation, unbemannte Systeme sowie luft- und weltraumgestützte Aufklärung.

Wichtige Erkenntnisse vom Nato-Gipfel

In Gesprächen mit einem wenig begeisterten US-Präsidenten Donald Trump versprach Nato-Generalsekretär Mark Rutte „massive“ Investitionen der Europäer, um sich besser gegen aufkommende Bedrohungen zu verteidigen. Damit könnten die Europäer für ihre eigene Verteidigung sorgen, hieß es in Ankara. Es sei an der Zeit, das die europäischen Nato-Staaten unverzüglich Maßnahmen zur Stärkung ihrer Verteidigungsfähigkeiten auf dem gesamten Kontinent ergreifen – ganz im Sinne der wiederholten Forderung von Präsident Trump, die Europäer müssten weit mehr für ihre eigene Verteidigung tun.

Eine Reaktion auf das aggressive Verhalten Russlands erfordert erhebliche Investitionen in verschiedene Bereiche; dazu gehören – um nur einige zu nennen – eine neue Generation von Luftraumüberwachungs- und Frühwarnflugzeugen (Airborne Early Warning & Control; AEW&C), sichere Cloud-Systeme für die Gefechtsführung, eine leistungsstarke künstliche Intelligenz (KI), weitreichende Waffensysteme für Angriffe in der Tiefe des gegnerischen Raums (Long-Range Fires), Uboote sowie unbemannte Systeme. Mit der Entscheidung Kanadas, Uboote für das Canadian Patrol Submarine Project (CPSP) in Deutschland zu beschaffen, wird die Zusammenarbeit Kanadas mit seinen europäischen Bündnispartnern gestärkt (wt info berichtete).

Die Ankündigung einiger europäischer Nato-Staaten beim Nato-Gipfel in Ankara, die veraltete E-3-AWACS-Flotte aus den 1980er Jahren durch eine neue Generation bemannter Aufklärungsflugzeuge zu ersetzen, erfolgte zum richtigen Zeitpunkt. Die europäischen Nato-Partner werden bis zu zehn neue Flugzeuge auf Basis der schwedischen GlobalEye-Plattform beschaffen. Es wird erwartet, dass die Verhandlungen mit der NATO Support and Procurement Agency (NSPA) in Kürze beginnen.

Eine wesentliche Erkenntnis vom Nato-Gipfel – vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine – ist, dass eine „Explosion der Waffentechnologie“ stattfindet, die enorme Auswirkungen auf das aktuelle Sicherheitsumfeld und die künftige Kriegführung haben wird. Folglich benötigen die europäischen Nato-Bündnispartner starke und robuste militärische Fähigkeiten in der Luft, auf und unter der Wasseroberfläche, im Weltraum sowie an Land. Allerdings sahen sich die von den europäischen Nato-Mitgliedstaaten bereitgestellten Luftstreitmächte in den vergangenen Jahren – neben Haushaltszwängen und komplexen Beschaffungsverfahren – mit Mängeln bei Material und Personal konfrontiert. In den letzten drei Jahrzehnten, die von der Beteiligung der Nato an friedenserhaltenden Missionen geprägt waren, wurden die Fähigkeiten im Bereich der Luftstreitkräfte erheblich vernachlässigt.

Die Fähigkeit ist entscheidend

Nato-Europa muss leistungsfähige und glaubhafte Fähigkeiten zur Verteidigung seiner Mitgliedstaaten gegen sich entwickelnde und zunehmend komplexe Bedrohungen aufrechterhalten und ausbauen. Dies erfordert eine verbesserte Fähigkeit zur Früherkennung potenziell aufkommender Bedrohungen. Aus Sicht der Nato lässt sich dies nur erreichen, wenn die europäischen Verbündeten eigene neue Fähigkeiten entwickeln – insbesondere im Bereich der luft- und weltraumgestützten Frühwarnung. Die Einführung neuer, fortschrittlicher Technologien als Ersatz für die bestehenden AEW&C-Kapazitäten steht bei den Europäern bereits seit mindestens 2023 auf der Agenda. All diese Bemühungen unterstreichen die Notwendigkeit eines verbesserten Lagebilds und eines tieferen Verständnisses des Einsatzraums durch den Einsatz bemannter und unbemannter Luftfahrzeuge mit langer Flugdauer, leistungsstarken Sensoren sowie schnellen Vernetzungssystemen. Die meisten der auf diesen Plattformen mitgeführten Sensorsysteme sollen ein kontinuierliches, präzises und zeitnahes Lagebild des Einsatzraums liefern und die eigenen Streitkräfte in hochintegrierte Kommunikationsnetzwerke einbinden. Dies wird sich auf vernetzte Einsatzszenarien auswirken, die Wirkung von so genannten “Sensor-to-Shooter-Links” maximieren und die Reaktionszeiten minimieren.

In den letzten Jahren wurde die Fähigkeit der Europäer, rund um die Uhr einen schnellen, präzisen und kontinuierlichen Fluss von ISR-Daten (Intelligence, Surveillance and Reconnaissance) zu gewährleisten, durch Interoperabilitätsprobleme sowie das Fehlen geeigneter ISR-Plattformen mit langer Flugdauer beeinträchtigt. Diese Kluft zwischen den US-amerikanischen und europäischen Fähigkeiten trat erstmals während der Afghanistan-Einsätze ab 2002 zutage; damals kamen erstmals taktische UAS (Drohnen) gemeinsam mit bemannten Luftfahrzeugen zum Einsatz und operierten unter Nutzung fusionierter Sensordaten über dem Gefechtsfeld. Der jüngste Konflikt mit dem Iran verdeutlicht, dass verbesserte ISR-Fähigkeiten den Streitkräften Informationsüberlegenheit verschaffen und es ihnen ermöglichen, den Wirkungsverbund zwischen Sensor und Waffensystem (“Sensor-to-Shooter”-Zyklus) zu schließen.

Die Außerdienststellung der Sentinel R1 im Jahr 2021 (eines ursprünglich im Rahmen des britischen ASTOR/Airborne Stand-Off Radar-Programms beschafften Luftfahrzeugs zur Gefechtsfeld- und Bodenüberwachung) zeugt von den schwindenden oder begrenzten Fähigkeiten in Europa. Bis zu ihrer Ausmusterung erhielt die Sentinel keine weiteren Kampfwertsteigerungen; so wurde beispielsweise kein Software-Upgrade für den maritimen Einsatz implementiert. Ähnlich wie das JointSTARS-Überwachungskonzept der US Air Force (USAF) basierte ASTOR auf einem Langstrecken-Geschäftsreiseflugzeug des Typs Bombardier Global Express. Das System war für den Einsatz eines seitwärts gerichteten Dual-Mode-Radars (SAR/GMTI) mit aktiver elektronischer Strahlschwenkung (AESA) ausgelegt, das auf dem von Raytheon entwickelten Advanced SAR Type 2-Radar (ASARS-2) beruhte. Ursprünglich sollte ASTOR Echtzeitverbindungen zu den in niedrigen bis mittleren Höhen operierenden WK450 UAS der britischen Streitkräfte sowie zu vorgeschobenen Gefechtsständen, Fluglotsen und Beobachtern von Heer und Luftstreitkräften (Royal Air Force; RAF) sicherstellen. Zudem bot das System das Potenzial zur Integration einer BMC4I-Suite für zeitkritische Zielzuweisungen, GMTI-Aufgaben, die Abwehr von Marschflugkörpern sowie die Steuerung von UAS.

Sollten die Europäer – wie in Ankara zugesagt – eine „konzertierte Aktion“ zur Beschaffung von GlobalEye AEW&C-Flugzeugen verfolgen, wären sie in der Lage, das Geschehen an der Erdoberfläche zu beobachten und so vor, während und – bei Bedarf – nach Nato-Operationen ein Lagebild zu liefern. Hierfür muss bislang auf US-amerikanische Kapazitäten zurückgegriffen werden. Entscheidend für dieses Programm sind leistungsstarke Sensoren, darunter interferometrisches SAR mit MTI-Funktion (Moving Target Indication), elektro-optische/Infrarot- (EO/IR) und FLIR-Sensoren, Nutzlasten für ELIN/COMINT (Electronic Intelligence/Communications Intelligence) sowie weitere Sensoren für die Multisensor-Integration. Zudem ist eine Kombination aus luft- und weltraumgestützten Fähigkeiten erforderlich, welche die Einsatzmöglichkeiten von See- und Landstreitkräften ergänzen und so leistungsfähige, nachhaltige Streitkräftepakete schaffen. Führung und Kontrolle (C2), Interoperabilität sowie eine verbesserte strategische Kommunikation sind von enormer Bedeutung für den Aufbau moderner Streitkräfte, die auch in einem umkämpften Umfeld operieren und überleben.

Schlussfolgerung

Das europäische Bündnis sollte in den kommenden Jahren entschlossen Verbesserungen im Bereich der Abschreckung vorantreiben. Begriffe wie AEW&C sind untrennbar mit dem Ziel verbunden, durch den Einsatz neuartiger Sensoren – die sowohl in bemannten als auch in unbemannten Luftfahrzeugen genutzt werden können – Informationsüberlegenheit für die Streitkräfte zu schaffen. Die in Ankara unternommene Entscheidung von elf europäischen Nato-Mitgliedstaaten, gemeinsam einen Nachfolger für das bewährte E-3-AWACS-System zu beschaffen, stellt einen bedeutenden Schritt bei der Modernisierung der Fähigkeiten zur luftgestützten Überwachung und Frühwarnung dar.

Zudem werden hoch fliegende und über lange bis sehr lange Zeiträume einsetzbare strategische UAS (High Altitude Long Endurance; HALE) als ideale Plattformen für die Überwachung großräumiger Seegebiete oder von Ereignissen außerhalb der eigenen Seegrenzen eingesetzt. In Ankara präsentierten Dänemark, Finnland, Deutschland und Norwegen Pläne zur Beschaffung von bis zu fünf MQ-4C-Triton HALE UAS. Diese sollen die Flotte von fünf RQ-4D Phoenix-Systemen (ehemals als Airborne Ground Surveillance oder kurz AGS bezeichnet) ergänzen, die von der NATO Intelligence, Surveillance and Reconnaissance Force (NISRF) auf Sizilien betrieben werden. Abschreckung bedeutet hier, dass eine ausgewogene Kombination aus bemannten und unbemannten Plattformen das gesamte Spektrum an Missionen bewältigen kann – von der luftgestützten Frühwarnung und Führung (AEW&C) über die Bekämpfung von Überwasserzielen (ASuW) und Angriffsoperationen bis hin zur Gefechtsfeldüberwachung.

Stefan Nitschke, Chefredakteur

Wehrtechnik

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