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Wache über Nord- und Ostsee: Aerodata rollt die AeroForce X aus

Mit dem ersten deutschen MALE UAS eines Mittelständlers wollen Aerodata, Brandenburg und Niedersachsen die technologische Souveränität Europas stärken. Die Ministerpräsidenten Woidke und Lies fordern beim Rollout eine engere Verzahnung von Bundeswehr, Polizei und Zivilschutz gegen hybride Bedrohungen.

Von John A. Kantara / Strausberg

Wer auf dem Berliner Ring Richtung Norden fährt, erhascht möglicherweise einen Blick auf die Zukunft. Nicht sofort, sondern erst, wenn die futuristische TESLA-Fabrik im Rückspiegel verschwindet. Dann zeigt sich am ehemaligen Fliegerhorst und NVA-Flugplatz in Strausberg in der Fertigungshalle L6 ein Zipfel Zukunft für Brandenburg und Niedersachsen gleichermaßen. Als die Aerodata AG aus Braunschweig den ersten Prototyp ihres unbemannten Aufklärungssystems Aeroforce X öffentlich vorstellt, waren zum Rollout auch die Ministerpräsidenten Dr. Dietmar Woidke (Brandenburg) und Olaf Lies (Niedersachsen) angereist. Aerodata-Vorstandschef Neset Tükenmez sprach von einem „sichtbaren Zeichen für Innovation und Wertschöpfung entlang einer neuen verteidigungsindustriellen Nord-Ost-Achse“, die durch die Verbindung der Standorte Braunschweig und Strausberg entstehe.


Die in Strausberg präsentierte AeroForce X ist eine in mittleren Höhenbereichen operierende MALE-Drohne (Medium Altitude Long Endurance) mit beeindruckenden Leistungseigenschaften: 40 Stunden Flugzeit, 10.000 Kilometer Reichweite, Nutzlastkapazität bis 1.300 kg. (Foto: John A. Kantara)

Die AeroForce X ist die erste eigene unbemannte Plattform des 40 Jahre alten Braunschweiger Unternehmens, das bislang vor allem als Weltmarktführer bei der Vermessung von Flughafen-Navigationsanlagen sowie mit bemannten Aufklärungs- und Überwachungsflugzeugen bekannt war. Das System fällt in die MALE-Drohnen-Klasse (Medium Altitude Long Endurance): 26 Meter Spannweite, bis zu 1,3 Tonnen Nutzlast, 40 Stunden Flugzeit, 10.000 Kilometer Reichweite. Als Sensorik sind Radar, EO/IR-Kamera, ein Antennensystem für SAR/DF (Search & Rescue/Direction Finding) sowie AIS (Automatic Identification System) vorgesehen; für die Kommunikation und Datenübertragung steht Satellitenkommunikation (SatCom) zur Verfügung. Hardpoints erlauben die Integration einer Bewaffnung bzw. von Sonarbojen zur Uboot-Jagd. Nach Unternehmensangaben ist die AeroForce X vollständig ITAR-frei entwickelt und produziert – ein Vorteil und eine Kampfansage „Made in Germany“ gegenüber den bislang einzigen vergleichbaren Systemen wie der jetzt von Deutschland beauftragten US-amerikanischen MQ-9B SkyGuard (Reaper).

Aerodata-Vorstandschef und CEO Neset Tükenmez verwies auf eine seit 2010 bestehende SIGINT-Fähigkeitslücke der Bundeswehr in der weiträumigen Aufklärung, seit die dafür über Jahrzehnte eingesetzten bemannten Seefernaufklärer Breguet Atlantic (BR 1150 M) beim Marinefliegergeschwader 3 „Graf Zeppelin“ in Nordholz ausgemustert wurden. Ersetzt werden diese Maschinen derzeit durch die Boeing P-8A Poseidon – Kostenpunkt für acht Maschinen: 3,1 Mrd. Euro bis Ende 2029. Mit der AeroForce X wolle Aerodata diese SIGINT-Lücke aus eigener, europäischer Kraft schließen – „angesichts der aktuellen Bedrohungslage zählt vor allem eins: Geschwindigkeit“. Als Einsatzidee nannte CEO Tükenmez die permanente Überwachung von Nord- und Ostsee sowie den Schutz kritischer Infrastruktur. Mit Blick auf die weltweiten Unterseekabel, „die Hauptschlagader und zugleich Achillesferse unseres globalen Kommunikationsverkehrs“, warnte Tükenmez vor zunehmenden Sabotageversuchen als „einem Beispiel für zahlreiche Formen hybrider Angriffe, denen wir heute vermehrt ins Auge blicken“. Die geplanten Missionssysteme sollen genau solche Vorfälle früh erkennen – etwa, wenn ein Schiff mutmaßlicher Schattenflotten sein Ortungssignal manipuliert oder ausschaltet, einen ungewöhnlichen Kurs einschlägt oder den Anker hinter sich herschleift, wie es bei jüngsten Kabelsabotagen in Nord- und Ostsee beobachtet wurde. Auch GPS-Jamming und -Spoofing, das zuletzt 2024 die Finnair 36 tagelang zur Bodenhaltung ihrer Flotte auf der Strecke Helsinki – Tartu (Estland) zwang, adressiere die Plattform mit ihrer Anti-Jamming-Sensorik. Estnische Regierungsvertreter (u. a. Außenminister Tsahkna) ordneten das Jamming als von Russland ausgehenden hybriden Angriff aus der Kaliningrad-Region ein. Die Angriffe kommen immer näher. Deshalb ist der AeroForce X Zeitplan ambitioniert: Erstflug (zunächst bemannt) im Oktober 2026 in Strausberg, ab 2027 autonom, Serienauslieferung ab 2029. Projektleiter Dr. Thomas Krüger bestätigte, dass bereits Gespräche mit der Bundeswehr laufen.

Die politische Rahmung in Strausberg übernahmen die beiden Ministerpräsidenten. Woidke ordnete das Projekt explizit in den Kontext des jüngsten Sabotagevorfalls am Flughafen Halle/Leipzig ein: Deutschland habe zwar Fortschritte beim Schutz kritischer Infrastruktur gemacht, „aber wir sind längst nicht gut genug – wir müssen dringend besser werden“. Verteidigungsfähigkeit dürfe nicht auf militärische Fragen reduziert werden; angesichts des Anschlags auf die Berliner Stromversorgung Anfang des Jahres gehe es im Extremfall um Menschenleben. Technologische Souveränität, die Unabhängigkeit von Staaten, deren Unterstützung, Wartung oder Ersatzteillieferungen künftig ausbleiben könnten, sei daher nicht nur eine Frage der Verteidigungsfähigkeit, sondern der nationalen Handlungsfähigkeit insgesamt.

Noch konkreter wurde Olaf Lies, der sich sowohl in seiner Rede als auch im Gespräch mit der Wehrtechnik zur Verzahnung von Bundeswehr, Polizei und Zivilschutz äußerte. Deutschland befinde sich „mitten in einer schwierigen Lage“ mit einer „extremen hybriden Bedrohung“, der man nur mit Kontrolle und Überwachung begegnen könne. Er bekräftigte seine bereits im Frühjahr erhobene Forderung, Polizei und Bundeswehr „nicht mehr getrennt zu denken“: Die verfassungsgemäße Trennung der Aufgaben stelle er nicht infrage, doch in der praktischen Zusammenarbeit „können wir besser werden“. Etwa durch gemeinsam nutzbare Technologien und, wo nötig, „mit gemeinsamen Beschaffungen die europäische und deutsche Innovationskraft“ voranbringen. Als Blaupause nannte er den Marinehafen Wilhelmshaven, wo Bundeswehr, ziviler Hafenbetrieb und Polizei bereits eng zusammenarbeiten: Es wäre „fatal“, wenn Bund, Land und Polizei jeweils eigene, nicht abgestimmte Drohnenabwehrsysteme aufbauten – Sicherheit müsse „systemisch ineinandergreifen“. Überwachungssysteme wie die AeroForce X seien dabei zivil wie militärisch gleichermaßen relevant, von Küstenschutz und maritimer Sicherheit bis zur Bündnisverteidigung im Rahmen von NATO-Aufgaben.

Diese Linie zog sich auch durch Lies‘ Verweis auf die norddeutsche Ministerpräsidentenkonferenz (Nord-MPK), die tags darauf ansteht: „Der Norden ist stark und zeigt das auch gemeinsam – das ist nicht nur für uns, sondern für ganz Deutschland von strategischer Bedeutung.“ Die Häfen der Küstenländer, so Lies, hätten dabei eine doppelte Funktion: Sie seien nicht nur dazu da „den wirtschaftlichen Aspekt abzudecken, sondern dringend notwendig auch für die militärische oder zivile Sicherheit“, als Teil von Umschlagsgarantien für die Bündnisverteidigung und Importstrukturen, somit zugleich Rückgrat der Versorgungssicherheit und neuralgischer Punkt für hybride Bedrohungen. Sein Fazit: „Ohne den Norden wird es in Deutschland nicht gehen.“

Für Aerodata ist der Rollout ein Meilenstein auf dem Weg zu einem europäischen Alternativangebot in einem bislang von US- und israelischer Technologie dominierten Markt. Für Brandenburg und Niedersachsen ist er ein weiterer Baustein ihrer Standortstrategien in der Rüstungsindustrie. Ob daraus – wie von beiden Ländern erhofft – tatsächlich eine Beschaffungsentscheidung der Bundeswehr wird, dürfte sich frühestens nach dem für Oktober angesetzten Erstflug entscheiden.

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