Dass die Bundeswehr an sich arbeiten und rasant wachsen muss, ist spätestens seit dem Beginn des Russland-Ukraine-Kriegs kein Geheimnis mehr. Nur wie soll das gelingen? Dazu hat Verteidigungsminister Boris Pistorius am Mittwoch die erste Militärstrategie für Deutschland vorgelegt.
Hieraus ist zu entnehmen, dass das Ziel, „stärkste konventionelle Armee Europas“ zu werden, zunächst mit einem kraftvollen Personalaufwuchs erreicht werden soll. Hier aber wurden in der Vergangenheit eklatante Fehler gemacht. Von vielen wird die Aussetzung der allgemeinen Wehrpflicht genannt. Nicht nur das. Wenn die Bundeswehr von derzeit 186.000 Soldatinnen und Soldaten auf 260.000 aktiv Dienende aufwachsen will, dann ist das nur mit großen Anstrengungen leistbar. Das Zeitfenster dafür ist schmal bemessen. Denn bei der Reserve von derzeit 70.000 Frauen und Männern müsste zeitgleich ein Personalumfang von mindestens 200.000 erreicht werden. Damit würde eine Gesamttruppenstärke von 460.000 erreicht werden.
Die Bundeswehr kann ihren Status als künftig „stärkste konventionelle Armee in Europa“ nur durch Nutzung von Hochtechnologien – z. B. Quantencomputing, künstliche Intelligenz (für das „gläserne Gefechtsfeld der Zukunft“), unbemannte Systeme, weitreichende Waffenwirkung für Luftverteidigung und Präzisionsangriffe in der Tiefe des Raums, Nutzung des Weltraums und offensive und defensive Kapazitäten im Cyber- und Informationsraum – erreichen. Die Bundeswehr muss daher Innovationen beschleunigen und so rasch wie möglich für die eigene Kriegführung nutzbar machen.
Verteidigungsminister Pistorius gibt bei der Vorstellung der neuen Militärstrategie für Deutschland zu erkennen, dass das alles als probate Antwort auf die veränderte Bedrohungslage in Deutschland erfolgen müsse: schnell und präzise in der Vorbereitung und Ausgestaltung. Der Minister betrachtet die deutsche Gesellschaft in ihrer Gesamtheit als bedroht. Russland, als der Aggressor auf dem europäischen Kontinent, müsse erkennen, dass mit der Erhöhung der Abschreckung, einer vergrößerten Waffenproduktion bei der wehrtechnischen Industrie und einer starken Reserve die Risiken enorm steigen, sollte es versuchen, einen weiteren Angriffskrieg in Europa zu beginnen. Das Ziel Moskaus ist es, eine Entkopplung der USA von Europa und somit eine Schwächung des Bündnisses herbeizuführen. Das stößt in der neuen Militärstrategie auf deutlichen Widerstand: Sie betrachtet die USA mit ihren militärischen Fähigkeiten als weiterhin essenziell für die Nato. Das bedeutet nicht, dass die Bundeswehr künftig nicht weniger Lasten, sondern mehr Lasten in der Allianz übernehmen muss. So soll auch in Zukunft an der nuklearen Teilhabe – am deutschen Beitrag zur nuklearen Abschreckung in Europa – festgehalten werden.

Foto: Bundeswehr/Nico Theska